Wie der Soldat das Grammofon repariert

Saša Stanišić


Ohne Kunstblut

Mit seinem Debütroman hat es Sasa Stanic auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Ein Gespräch mit dem jungen Grazer Stadtschreiber über die richtige Platzwahl im Theater, über Bosnien und die Träume alter Menschen.

Gerade fünf Tage ist Saa Stanic in der Stadt. Genug Zeit, um Kontakt zu lokalen jungen Schriftstellerkollegen aufzunehmen, beim steirischen herbst vorbeizuschauen und erste Eindrücke in seinem Blog ( www.kuenstlicht.de) festzuhalten: "Ich sitze bei Fritz Katers Stück in der ersten Reihe, ein Fehler. Niemals in diesen Stücken, wo so viel geschrien wird, in der ersten Reihe sitzen. Wo geschrien wird, wird auch herumgespuckt und das alles." Außerdem fand sich noch Gelegenheit, mit Marusa Krese, der vorigen Stadtschreiberin, zu lesen, in den netteren Lokalen der Stadt abzuhängen und die ersten Pläne für die nächsten zwölf Monate auf ihre Durchführbarkeit zu überprüfen. "Sich ein bisschen einmischen, helfend oder störend, je nach Bedarf", hat der 28-jährige gebürtige Bosnier vor.

Mit zehn Jahren begann Stanic zu schreiben, füllte leere Terminkalender, die sein Vater ihm brachte, mit Gedichten und zwei Romanen und hielt seine erste Lesung in der Bibliothek in seinem Heimatort Visegrad, dem Ort, der schon durch die "Brücke über die Drina" von Ivo Andric in die Literaturgeschichte einging. Dann brach der Krieg aus. 1992 floh Stanic mit seiner Familie nach Deutschland, seine Eltern emigrierten 1998 in die USA, er blieb in Heidelberg, studierte und bekam eine Stelle an der Universität angeboten. Dann überlegte er: "Sasa, du hast ein Jahr, um zu versuchen, mit dir zufrieden zu sein und eine Geschichte zu erzählen, die dir sehr wichtig ist - die Geschichte vom Bürgerkrieg und von meiner Flucht."

2005 las er eine Geschichte daraus beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt und gewann den Publikumspreis. Im August erschien der Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert", und bereits vor der Veröffentlichung wurde das Werk für den Deutschen Buchpreis nominiert, als Hörspiel produziert und vom Bayrischen Rundfunk gesendet. Das Buch, das aus Sicht eines heranwachsenden Kindes eine im Krieg zerfallende Welt mit detailreicher Sprache und enormer Fantasie zu erfassen versucht, schaffte es auf die Shortlist der sechs besten Bücher. Den Deutschen Buchpreis 2006 erhielt Montagabend aber Katharina Hacker - für ihren Roman "Die Habenichtse".

Falter: Sind Sie enttäuscht?

Sasa Stanic: Nein, gar nicht. Ich habe zwar nicht gewonnen, aber die Veranstaltung war supernett. Und die Jury hat mit Katharina Hacker eine sehr würdige Siegerin gefunden.

Waren Sie aufgeregt?

Eigentlich nicht. Ich wusste ja zunächst gar nicht, dass der Verlag das Buch eingeschickt hatte, und habe nicht einmal erwartet, auf die Longlist zu kommen. Für ein Debüt übertrifft das die astronomischsten Erwartungen. Insofern bin ich da ganz frei hingegangen und habe mich gefreut, Autoren kennenzulernen, die ich sehr schätze. Ansonsten hoffe ich, am Teppich zu bleiben, und keine Eitelkeiten zu entwickeln, die ich noch nicht an mir kenne. Und dass ich mit meinem Theaterstück weitermachen kann.

Zu Ihrem Buch: Inwieweit kann man Kriegserfahrungen und existenzielle Angst überhaupt sprachlich fassen?

Das war das Allerschwierigste. Ich habe mich für die erste Hälfte des Buches für einen jungen Erzähler entschieden, weil mir das ermöglichte, nicht moralisch zu werden. Nur ein junger Philosoph hat die Legitimation, zu sehen, zu erkennen, aber nicht zu urteilen. Am Anfang habe ich versucht, einen Erzähler zu finden, der auf diese Zeit zurückblickt - da wurde es sofort moralisch und politisch. Zu politisch. Ich sehe mich nicht als politischen Autor. Die Stimme Aleksandars, eines Acht-bis 14-jährigen, ermöglichte mir, frei von der Leber zu erzählen und dem Leser das Urteil zu überlassen. Aleksandar wird auch älter - ich wollte mir nicht den Vorwurf machen lassen, jeglicher Positionierung aus dem Weg zu gehen. Als erwachsener Mann ist Aleksandar sehr passiv, aber er erkennt und benennt mehr, was passiert ist.

Im Zuge Ihrer Recherche haben Sie auch die Protokolle des UN-Tribunals durchgearbeitet. Wie beurteilen Sie die Prozesse in Den Haag?

Ich verfolge sie mit großem Interesse, weil sehr vieles davon für die Menschen unten und für mich eine Art Kanalisierung von Schuldfragen bedeutet. Ich betrachte die Prozesse auch unter sprachlich-kommunikativen Aspekten. Da interessiert mich der Stoff. So wie ich eine fiktionalisierte Welt aufbaue, die an der echten sehr nahe ist, versuchen die Angeklagten, Geschichten aufzutischen. Ich versuche, dahinter Mechanismen zu erkennen. Diese Orte, die sie benennen und für die sie angeklagt sind, dort Verbrechen der Menschlichkeit begangen zu haben, kommen auch im Roman vor, aber sehr vermittelt.

Es gibt diesen Begriff des "Fähigkeitenzauberers" im Roman. Wären Sie ein Fähigkeitenzauberer, was würden Sie sich für Bosnien wünschen?

Dass Bosnien die Fähigkeit hat, die letzten 14 Jahre vergessen zu machen und da fortzufahren, wo das Land noch einigermaßen gesund war. Die Dinge ungeschehen zu machen.

Und für die Zukunft?

Zu einem gesunden Nebeneinander der Ethnien zu finden, damit zumindest das - neben allen finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten - funktioniert. Und dass Bosnien nach und nach einen Zugang zu Europa findet, auch wirtschaftlich. Ich wünsche mir ein Bosnien näher an Europa und ein Europa näher an Bosnien. Es würde auch den jungen Leuten gut tun, zu sehen, dass sie nicht von der Welt abgeschnitten sind.

Sie wollen jetzt Ihr erstes Theaterstück in Graz schreiben?

Damit habe ich mich hier beworben, es ist mein Arbeitsprojekt und handelt von vier sehr alten, körperlich gebrechlichen Menschen, die in einem Altersheim wohnen. Die Bühnenhandlung ist die Unterhaltung dieser vier Menschen über das, was sie noch vom Leben erwarten. Mich interessiert, welche Möglichkeiten alte Menschen haben, ihre Träume zu verwirklichen und wie sie diese untereinander kommunizieren. Wie die Machtstrukturen in ihren Gesprächen sind, die jede Gruppe kennzeichnen: Es gibt immer einen Lautsprecher oder einen Schüchternen. Wie entwickeln sich diese Strukturen bei alten Menschen? Was haben sie sich noch zu sagen über die Frage: "Was können wir im Leben noch erreichen, so alt wie wir sind"? Und dann erzähle ich eine Liebesgeschichte.

Wie recherchieren Sie für das Stück?

Ich versuche gerade, mehrere Wochen in einem Altersheim dabei zu sein, mich anzufreunden mit den Menschen, zu helfen, mit ihnen in ganz engem Kontakt zu stehen, abends "Wetten, dass ... ?" zu gucken und mit ihnen Zeit zu verbringen, um ein Gefühl für die Sprache zu bekommen. Mir geht es nicht um das Geschrei auf der Bühne. Die älteren Menschen sind für mich die Beherrscher der mittleren und der leisen Töne. Auch in ihren Beschwerden sind sie leise.

Da kann man sich dann in die erste Reihe setzen?

Ich glaube schon. Das ist dann dem Regisseur überlassen, aber ich glaube nicht, dass Kunstblut fließen wird.

Maria Motter in FALTER 40/2006



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