Tag und Nacht und auch im Sommer

Frank McCourt, Rudolf Hermstein


Von Schülern und Schafen

In seinem dritten autobiografischen Roman erweist Frank McCourt dem Lehrberuf seine Reverenz und vermittelt nebenher ein Jahrzehnte umspannendes Panorama der amerikanischen Gesellschaft.

Mea culpa. Anstatt zu unterrichten, hab ich Geschichten erzählt. Nur damit sie ruhig sind und in ihren Bänken sitzenbleiben." Frank McCourts Erinnerungen dritter Teil liest sich wie die Bekenntnisse eines gerechtfertigten Sünders, des Lehrers McCourt im New York der Fünfziger- bis Achtzigerjahre. Dreißig Jahre lang unterrichtete er "Tag und Nacht und auch im Sommer" täglich bis zu fünf Klassen und 170 Jugendliche in Englisch. Es sind beeindruckende Zahlen, die McCourt hier zum Besten gibt, und noch eingängigere Anekdoten aus dem schwierigen Schulalltag, mit denen er seine autobiografischen Schriften fortsetzt: Nach dem großen Erfolg von "Die Asche meiner Mutter", den Erinnerungen an seine unglückliche irisch-katholische Kindheit im Armenviertel von Limerick, für die er vor exakt zehn Jahren den Pulitzerpreis erhielt, und der Folgeschrift über seinen langsamen Aufstieg in New York vom Hafen- und Gelegenheitsarbeiter zum Studenten ("Ein rundherum tolles Land") erzählt er nun von der Phase seiner beruflichen Konsolidierung als Highschool-Lehrer. Sie endet mit dem Entschluss, sich als Schriftsteller zu versuchen.
Mea culpa. Die Bußformel zeigt nicht nur McCourts Bewusstsein für das Ungenügen eines einzelnen Lehrers in Anbetracht der schweren Schicksale vieler Jugendlicher, sondern vor allem seine katholische Prägung, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint: Die praxisferne pädagogische Ausbildung an der Universität hat so wenig mit der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler zu tun, dass jeder Pädagoge nur improvisieren kann, wenn er nicht untergehen will. Als braver Katholik aber nimmt McCourt die Schuld tapfer auf sich, wie er sich auch gerne kleinmacht und seinen irischen Minderwertigkeitskomplex pflegt.
Es wäre aber nicht Frank McCourt, würde er die tragischen Situationen nicht so pointiert schildern, dass auch ihre komischen Seiten zum Vorschein kommen: "Am ersten Tag meiner Lehrerlaufbahn wäre ich fast entlassen worden, weil ich das Pausenbrot eines Schülers aufaß. Am zweiten Tag wäre ich fast entlassen worden, weil ich von der Möglichkeit sprach, mit einem Schaf befreundet zu sein."
Auf unterhaltsame Weise prallen Unterrichtsideal und Realität zusammen. McCourt erweist sich als einfallsreicher Improvisator, als feinfühliger Mensch, der lieber auf das Absolvieren des vorgeschriebenen Lehrpensums verzichtet, als einen Jugendlichen mit seinen offensichtlichen Problemen alleinzulassen. Sehenden Auges wird er dabei leichtes Opfer von Arbeitsverweigerungsstrategien: Denn eine Frage nach seiner Kindheit genügt, um ihn zum Erzählen zu bringen. Das tut er – mit schlechtem Gewissen zwar – bereitwillig und ausufernd.
McCourt wird dabei zur Idolfigur der Schüler, als einer, der wie ihre Väter harte körperliche Arbeit kennt und es nach einer ähnlich armen Kindheit "geschafft" hat. Bald schon kann er deshalb die Inhalte seiner Geschichten für pädagogische Zwecke einsetzen, wodurch ihm der Aufstieg von den allzu fordernden Sozialfällen in diversen berufsorientierten Mittelschulen zur privilegierten Stuyvesant Highschool gelingt. Dort unterrichtet er creative writing, lernt dabei selbst am meisten, sodass er es schließlich wagt, seine irische Erzählfreude zu Literatur zu machen: Mit "Die Asche meiner Mutter" rückt Frank McCourt als "geriatrische Novität mit irischem Akzent" mit einem Schlag ins Zentrum der literaturinteressierten Öffentlichkeit. Und bei aller – angesichts der pädagogischen Überforderung, mitunter aber auch ziemlich verzweifelten – Freude am Unterrichten, die in den Anekdoten vermittelt wird, klingt hier doch auch ein wenig Verbitterung über das stark verzögerte Einsetzen einer Schriftstellerkarriere durch.
Der Autor kokettiert zwar unverfroren mit der eigenen Bescheidenheit, scheut zugleich aber nicht davor zurück, das Genialisch-Unkonventionelle seiner Unterrichtsimprovisation herauszustreichen: Er lässt Abschiedsbriefe eines Selbstmörders schreiben und ruft einen Wettbewerb für die beste erfundene Entschuldigung aus; Kochrezepte werden wie konkrete Poesie betrachtet und die Funktionen der Satzteile mit den Bestandteilen eines Kugelschreibers erklärt. Ein gewisser Grad an Stolz ist hier durchaus angebracht. Was jedoch besonders für McCourt erwärmt, ist dessen Fähigkeit, in jedem Menschen den guten Kern zu sehen und vor allem noch unter den schlechtesten Bedingungen an diesen zu glauben.

Frank McCourts Werdegang ist ein Paradebeispiel für den Mythos des American Dream, an den wir alle gerne glauben würden. Doch wird indirekt auch das gesellschaftliche Klima vermittelt, die Härte des Arbeitslebens der Fünfzigerjahre, das Leben auf Sparflamme in der Emigration, die Prägung der Herkunft, die einen zum globalen Fremden macht, das akademische Leben der Sechziger- und Siebzigerjahre und dasjenige Beat-Generation. Dass der Autor vieles wie nebenbei streift, erzeugt atmosphärische Dichte und vermittelt ein komplexes Gesellschaftsbild, auch wenn es nur an wenigen Individuen dargestellt wird.
"Tag und Nacht und auch im Sommer", das im Original schlicht "Teacher Man" heißt, ist weniger homogen erzählt als die anderen beiden autobiografischen Bücher. Die Textebenen sind ineinandergeschoben, die Erinnerungen an die Lehrerzeit werden von jenen an die eigene Schulzeit überlagert, und die naive Perspektive des Junglehrers wird von einem lebenserfahrenen Erzähler beschrieben. Dadurch entsteht eine ironische Distanz, die nicht nur unterhaltsam ist, sondern es dem Autor auch ermöglicht, mehr als bisher der Gefahr des Moralisierens zu widerstehen. Es ist ein wichtiges Buch, das dem Lehrberuf, dieser gesellschaftlich am meisten unterschätzten Profession, seine Reverenz erweist und aufschlussreiche Einblicke gewährt. Bei aller Leichtigkeit im Ton gelingt Frank McCourt eine differenzierte Darstellung, die ohne Fingerzeig oder theoretische Exkurse auskommt und schonungslos ist, ohne dabei die Hoffnung zu verlieren.

Alexandra Millner in FALTER 40/2006



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