Eine gute Partie

Vikram Seth


Brautschau in Brahmpur

Vikram Seths 2000-Seiten-Wälzer "Eine gute Partie" befasst sich auf leichtfüßige und erstaunlich kurzweilige Weise mit der Nationenwerdung Indiens und den bis heute aktuellen religiösen Konflikten

Stilistisch, das sei hier gleich vorweggenommen, handelt es sich bei Vikram Seth um einen Gegenpart, um nicht zu sagen: ein Gegengift, zu Salman Rushdie, dessen überbordender Metaphernliebe und Hang zu hohler Dramatik Seth Ironie und Leichtigkeit entgegensetzt, eine gute Portion Understatement und einen Fokus auf jene Zwischentöne, auf die man bei dem Literaturberserker Rushdie vergeblich lauscht. Auf diese Weise wird Indien, der eigentliche Protagonist von Seths Meisterwerk "Eine gute Partie", das Land der Tragödien und Katastrophen (von denen es im Roman naturgemäß auch einige gibt), auf Menschenmaß zurückgeholt.
Geboren 1952, aufgewachsen in Indien und mittlerweile in England lebend, ist der studierte Ökonom, der unter anderem auch chinesische Lyrik übersetzt, einer der vielseitigsten Autoren seines Heimatlandes. Sein erster Roman "The Golden Gate" (im Original 1986 erschienen), der die Geschichte des Dandys Eugen Onegin in die zeitgenössische Werbeszene San Franciscos verlegte, ist im komplizierten Puschkin-Vers verfasst, "Eine gute Partie" (1993) war auch übersetzt auf Hindi und Bengali ein Riesenerfolg, sein Roman "Verwandte Stimmen" (1999 / deutsch: 2001) hat die Welt der europäischen klassischen Musik zum Thema – und sein vielgelobtes "Porträt einer Liebe" mit dem Titel "Zwei Leben" (2005/2006) beschreibt die ungewöhnliche Ehe zwischen Seths indischem Großonkel Shanti und dessen deutschjüdischer Frau Henny zu Zeiten des Naziterrors.
Im nun erschienenen Taschenbuchformat, auf "Bibelpapier" gedruckt, ist Seths Opus magnum "Eine gute Partie" auch vom Gewicht her ein echter "Ziegel" – und sei hiermit dennoch nachdrücklich zur Lektüre empfohlen. Denn seine 1998 Seiten lesen sich wie, sagen wir einmal, 800, wobei man auf den letzten 300 Seiten, wenn Spannung und Dramatik noch einmal gesteigert werden, das Gefühl hat, dass es jetzt erst so richtig losgeht und man noch so vieles wissen möchte ...
Wohlweislich ist dem Buch ein Stammbaum der vier wichtigsten Familien vorangestellt. Das sind: Familie Mehra mit dem Oberhaupt Mrs. Rupa Mehra, einer gefühlsseligen, ewig besorgten Witwe, und ihren vier Kindern, dem erfolgreichen Snob Arun, der braven Savita, dem leichtlebigen Varun und der 19-jährigen Lata – durch Heirat verschwägert mit der Familie des Kongresspolitikers Mahesh Kapoor mit den Kindern Veena, Pran und Maan, die wiederum eng befreundet ist mit der moslemischen Adelsfamilie Khan. Außerdem gibt es da noch die mondäne Familie von Richter Chatterji, sesshaft im fernen Kalkutta, mit den exaltierten Sprösslingen Amit (seines Zeichens Dichter), der selbstsüchtigen Meenakshi (verheiratet mit Arun Mehra), dem Wahrheitssucher Dipankar, der flatterhaften Kakoli und dem kleinen Tapan.
"Auch du wirst einen Mann heiraten, den ich dir aussuche" – mit dieser Prophezeiung Rupa Mehras anlässlich der arrangierten Hochzeit von Latas älterer Schwester Savita mit dem Anglistikdozenten Pran Kapoor beginnt der Roman. Aber Lata verliebt sich kurze Zeit später in den Studenten Kabir, Sohn des angesehenen Mathematikprofessors Durrani – und Moslem. Panisch intensiviert Rupa Mehra ihre Suche nach einem "Suitable Boy" (so der englische Originaltitel) für Lata, die "nicht sehr groß und nicht besonders hellhäutig", dafür aber ziemlich eigenwillig ist – nicht eben gute Voraussetzungen für eine günstige Verheiratung, die natürlich innerhalb der eigenen Kaste der Händler stattfinden soll. Mrs. Rupa Mehras Favorit: Haresh Khanna, der in der tschechisch dominierten Schuhindustrie tätige, von Latas Bruder Arun abfällig so genannte "Schuster" (eine wegen Umgangs mit "schmutzigem" totem Tier nicht eben angesehene Zunft), selbst unglücklich in ein Sikh-Mädchen verliebt. Und dann taucht auch noch ein ungebetener dritter Brautwerber auf ...
Angesiedelt in der erfundenen Provinzhauptstadt Brahmpur im erfundenen Bundesstaat Purva Pradesh vom Winter 1950 bis Anfang des Jahres 1952, bilden die privaten Geschichten den Rahmen einer Darstellung der Nationenwerdung Indiens gut drei Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung und der blutigen Trennung von Pakistan – die Wunde zwischen Hindus und Moslems, die sich bis heute nicht geschlossen hat, noch frisch und schwärend. Auch in Brahmpur kommt es immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen, in die die Protagonisten unfreiwillig involviert werden, ausgelöst etwa durch die Idee des Radschas von Marh, östlich der Moschee einen Tempel für den wiederentdeckten sieben Meter langen Shiva-Lingam zu errichten, vor dem sich die moslemischen Gläubigen dann fünfmal am Tag verneigen müssten.
Indien in allen Facetten: Anhand der Geschichte des liebenswürdigen und etwas spröden Brautwerbers Haresh Khanna gewährt Seth Einblick in Produktions- und Arbeitsleben dieser Zeit. Politiker unterschiedlicher Couleurs wie der liberale Finanzminister Mahesh Kapoor, Verfechter der raschen Enteignung der Großgrundbesitzer, und der autoritäre Innenminister L.N. Agarwal bieten Gelegenheit, die politische Frühgeschichte des Landes aufzurollen, wobei sogar der große Jawaharlal Nehru einen Auftritt bekommt. Der Wahlkampf im Jahre 1951 in der schon damals größten Demokratie der Welt führt Mahesh Kapoor schließlich in die abgelegene dörfliche Gegend Rudhia, wo überwiegend arme Moslems wohnen und wo sein missratener Sohn Maan in einer unfreiwilligen Verbannung durch seine Geliebte Saeeda Bai und seinen Vater einige Monate verbracht hatte.

Die moslemische Sängerin und Kurtisane Saeeda Bai wird schließlich auch zum Ausgangspunkt der dramatischen Zuspitzungen im Finale des Romans ("eine Messerstecherei, ein Skandal, ein Todesfall, eine Schlammschlacht im Wahlkampf – und das alles in einer Familie, in der normalerweise nichts Aufregendes passierte"), durch die alte Familiengeheimnisse ans Licht kommen und unter denen die alte Freundschaft zwischen dem Moslem Nawab Sahib und dem säkularisierten Hindu Mahesh Kapoor und deren Söhne beinahe zerbricht.
Für welchen der drei Heiratskandidaten Lata sich letztendlich entscheidet, ob sie dem Druck der Großfamilie nachgibt oder doch, wie in den "modernen" Filmen und von ihrer Freundin Malati propagiert, ihrem Herzen folgt, sei hier natürlich nicht verraten. Ob es der "Richtige" ist, bleibt am Schluss jedenfalls offen.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 40/2006



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