Die Joghurtlüge. Die unappetitlichen Geschäfte der Lebensmittelindustrie

Marita Vollborn, Vlad D. Georgescu


Schlechten Appetit!

"Die Joghurtlüge" gewährt ziemlich unappetitliche Einblicke in die Praktiken der Lebensmittelindustrie.

Das Gammelfleisch ist im wahrsten Sinne des Wortes gegessen. Da kommt "Die Joghurtlüge" wie gerufen, ein Buch, das sich indes weniger den Lebensmittelskandalen widmet als systematische Fehlentwicklungen der Ernähungsindustrie aufzeigt, die nicht zuletzt auf die Wünsche von uns Konsumenten zurückgehen. Denn was wir essen, muss gesund halten, gut schmecken und darf nur wenig Zeit und Geld kosten. Entsprechend heißen auch beim Essen die Megatrends Wellness, Convenience und Genuss. Diese Dreifaltigkeit ist jedoch eine unheilige. Die Strategien der Konzerne, die darauf Bezug nehmen, sind umso abgebrühter und bestätigen einmal mehr das Diktum vom "Big ist böse".

Wenn das Autorenpaar Marita Vollborn und Vlad D. Georgescu etwa über Functional Food schreibt, dann bleibt einem das geschlürfte Joghurt in der Speiseröhre stecken. Die gesetzliche Definition der im Supermarkt erhältlichen "Pille auf dem Teller" ist gelinde gesagt schwammig. Im Gegensatz zur Pharmabranche müssen keine Untersuchungen zur Unbedenklichkeit und Wirksamkeit der Produkte vorgelegt werden. Die Lebensmittel werden mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert, was per se total gesund klingt und einen Zusatznutzen darstellen soll. Unklar bleibt allerdings, wie viel davon welche Personengruppe zu sich nehmen darf, ohne zu viel abzubekommen. Betacarotin etwa ist überdosiert gar nicht gesund, ebenso Eisen. Insulin sorgt zwar für ein "angenehmes Mundgefühl", wenig später aber auch für Flatulenzen - ebenso übrigens wie eine erhöhte Kalziumaufnahme.

Dem Heer der Zusatzstoffe ist ebenfalls ein umfangreiches Kapitel gewidmet. Dazu gehören Süßstoffe, Konservierungsmittel und Farbstoffe. Ihnen gemeinsam ist ihre E-Nummer, die auf den Etiketten für mehr Verwirrung als Aufklärung sorgt. Hilfreich ist dabei die von den Autoren erstellte Tabelle mit den vollen Namen der Substanzen und Produktbeispiele. Auch Natamycin steht im Visier der beiden Lebensmittelaufklärer, das als Breitbandantibiotikum und Konservierungsmittel verwendet wird. Gesetzlich geregelt kommt es bis in fünf Millimeter Tiefe des Produkts vor. Um Antibiotikaresistenzen nicht voranzutreiben, sollte man die Käserinde künftig dicker abschneiden.

Schließlich vergeht einem im Kapitel über Rohstoffe endgültig der Appetit, wo die BSE-Krise noch einmal aufbereitet und den heute standardmäßig angewandten Testmethoden Unwirksamkeit beim Schutz der Verbraucher attestiert wird. Auch auf Pestizide und die in der Industrieproduktion allgegenwärtige Substanz Bisphenol A (Achtung, Männer: wirkt wie Östrogen) wird kurz eingegangen, ehe ein kurz gehaltenes Kapitel über die gesellschaftlichen Folgen des Lebensmittelgeschäfts und ein langes Register das Buch beenden.

Die Joghurtlüge" ist zwar für Deutschland geschrieben. Seinem Informationswert für österreichische Leser tut das keinen Abbruch: auch hierzulande werden die ungustiösen Details bei der Ernährungsumstellung helfen. Obwohl die Autoren ihr Werk nicht als Anleitung zum Umstieg auf Bioprodukte angelegt haben und angeblich auch nicht eine ganze Branche diskreditieren wollten, sind sie nach der Recherche überzeugte Bioprodukt-Käufer geworden.

Tröstlich immerhin: Normales Joghurt ist fast so gut wie aktiviertes - nur viel billiger.

Astrid Kuffner in FALTER 40/2006



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