Katzenmusik


"Kompromissler, der ich bin"

Gerhard Fritsch (1924–1969) ist eine der widersprüchlichsten Figuren der österreichischen Nachkriegsliteratur. Nun ist sein grelles Romanfragment "Katzenmusik" neu aufgelegt worden.

Schreiben Sie doch einen Roman, sagt Pepi Herzlich, wie ihn die Leute gerne lesen. Eine Hotelgeschichte mit interessanten Akteuren. Die Geschichte einer alteingesessenen Familie im Lauf der Zeit. (...) Bleiben Sie beim guten alten Realismus."
Das Romanfragment "Katzenmusik", in dem der Kurarzt das zu einem Autor sagt, der Fritsch heißt und den wir deshalb auch so nennen können, erfüllt diese Vorgaben – man ahnt es – eben nicht. Das heißt, "interessante Akteure" finden wir im Kur- und Wallfahrtsort Frauenberg im und um das Hotel Kaiserin Elisabeth schon, jedenfalls bizarre. Thomas Swedek zum Beispiel, der gratis im Hotel logiert, weil er Mercedes Marek, der Tochter des Hauses, nicht ohne Hintergedanken versprochen hat, ihre Dissertation zu schreiben, über "Das Motiv des Kuraufenthaltes in Heilbädern der deutsch-österreichischen Alpen in der neueren Literatur unter besonderer Berücksichtigung von Darstellungen eigenen Erlebens des Autors". Dann Mercedes' Bruder Kuno, der Fotograf, der sich ein Stubenmädchen zu seiner sexuellen und sonstigen Belustigung abgerichtet hat. Bubi, der Fünfzigjährige, der im Matrosenanzug den Kurpark unsicher macht, Damen überfällt und von ihnen gezüchtigt werden will. Der Lehrer Brunner, der einen Kampf gegen alle führt, weil man ihn, obwohl vom Vorwurf der Verführung einer Minderjährigen freigesprochen, von der Schule gemobbt hat.
Was sich hier abspielt, macht dem Titel alle Ehre: Die "Katzenmusik", ein Ständchen als Strafe, war schon im 18. Jahrhundert ein böser Studentenbrauch, die Revolutionäre von 1848 veranstalteten den musikalischen Lärm unter den Fenstern der Adeligen. Tatsächlich ist Fritsch' Roman ein doppelter Anschlag auf die Harmoniesucht seiner Leser: durch die dissonante Form und durch den anstößigen Inhalt. "Katzenmusik" – der Autor schrieb bis zu seinem Tod im Jahr 1969 daran – wurde erst 1974 von Alois Brandstätter herausgebracht. Das Lesevolk hat sich, nach der hierzulande halbverschlafenen 68er-Revolution, wohl noch fester die Ohren zugehalten als beim Erscheinen des Romans "Fasching" im Jahr 1967: Die darin erzählte Geschichte vom Deserteur in Frauenkleidern, der in den letzten Kriegstagen zum Retter einer Kleinstadt wird und nach Jahren heimkehrt, um von allen gedemütigt zu werden, erschien nicht nur den Rezensenten "geschmacklos" überzeichnet. Niemand wollte damals Bilder von der landesüblichen Charakterlosigkeit, vom trotz Wendezeit unwandelbar braunen Wesenskern vorgehalten bekommen.
Dabei hat Gerhard Fritsch den von Kurarzt Dr. Herzlich verlangten Roman, "wie ihn die Leute gerne lesen", ja längst geschrieben: Elf Jahre vor "Fasching" war "Moos auf den Steinen" erschienen und wurde das, was man einen Bombenerfolg nennt. 1968 hat Georg Lhotzky das Buch mit Erika Pluhar verfilmt. In der gemischten Gesellschaft, die symbolschwanger in einem verfallenen Schloss haust und sich zwischen Alt und Neu hin und her gerissen sieht, erkannte das österreichische Publikum des Jahres 1956 bereitwillig sein Spiegelbild. Zwischen versunkener schwarz-gelber Größe und dem fortschrittsfrohen Wiederaufbau blieb genug Raum für sanft melancholische Ratlosigkeit. Weil der ehemalige Wehrmachtssoldat Fritsch, Jahrgang 1924, hier das fatale Zwischenspiel von Krieg und Naziregime nicht direkt ansprach, schien die rotweißrote Identitätssuche nicht allzu schmerzhaft. Das Moos auf den Steinen wurde von manchen wohl als das Gras missverstanden, das über die braune Sache wachsen möge. Das freilich wollte Fritsch nicht.

"Ein Leben, das auf dem Kopf stand. Er wurde früh zum Klassiker, um erst danach ein Stürmer und Dränger zu werden", konstatiert Robert Menasse in seinem brillanten Nachwort zu "Katzenmusik", in dem er den herausfordernden Ton des Textes aufnimmt. Fritsch' politische Position veränderte sich, wie man nun in einem facettenreichen Sammelband nachlesen kann, wiederum gegenläufig: Er hatte sich als Marxist verstanden und war, als er seinen Ruf als konservativer Österreichmythologe begründete, Mitglied der SPÖ (auch "weil ich eine Wohnung will"); in späteren Jahren rückte er nach rechts, im Tagebuch wie in der literaturbetrieblichen Karriere.
Zur selben Zeit wurde das, was er schrieb, immer radikaler, zynischer, obszöner. Als Bibliothekar, Verlagsmann und Zeitschriftenredakteur litt der Familienvater Fritsch unter seiner Angepasstheit an die Erfordernisse des Betriebs wie des Gelderwerbs, die auf Kosten der literarischen Arbeit ging: "Kompromissler, der ich bin. Zu wenig exaltiert, der verquere Ehrgeiz."

Gewiss genügend exaltiert ist die rasant komponierte "Katzenmusik", nicht nur durch die betont unsichere Erzählhaltung: In Anspielung auf einen Gedichtband Theodor Kramers – ihn bewunderte der Lyriker Fritsch – heißt das erste Kapitel, das von der Irrealität des Helden Swedek und der Unmöglichkeit eines sicheren Zeugnisses spricht, just "Einer bezeugt es". (Außerdem wird daraus klar, woher Menasses Vorliebe für die metaphorische Ausbeutung des Punschkrapfens stammt.)
In seiner Schärfe und forcierten Peinlichkeit gehört "Katzenmusik" wohl zu den erstaunlichsten Werken der jüngeren österreichischen Literatur. Wie in "Fasching" geht es nicht allein um kollektive Identität und kollektiven Kleiderwechsel: Der Text ist geradezu penetrant sexualisiert. Vor mehr als 200 Jahren wagte Georg Christoph Lichtenberg einen Blick in die Zukunft: "Wenn man gar nicht einmal die Geschlechter an den Kleidungen erkennen könnte, sondern auch noch sogar das Geschlecht erraten müsste, so würde eine neue Welt von Liebe entstehen."
In dieser Literatur entsteht aus dem Transvestismus eine Welt von Aggression: Die Frauen erscheinen in Fritsch' grell gepinseltem Guckkasten als Huren oder monströs sadistische, mannstolle Matronen, die Männer lassen sich von ihnen lustvoll demütigen oder träumen von anderen Männern. Gerade in den biederen Sechzigerjahren musste der Hass auf die Frau auch dem eigenen weiblichen Anteil gelten. Zwar möchte Fritsch die "geistige Bisexualität des Autors als günstigste Basis" sehen. Im Tagebuch schreibt er aber auch von seiner halb unterdrückten Lust am Geschlechterrollentausch. "Man darf nicht leben, wie man will", das trifft nicht nur die berufliche Existenz. Als Exempel eines sexuellen Notstands relativiert "Katzenmusik" auch den aufklärerischen Furor der früheren Bücher: "Nicht gegen diese vorgestellte Gesellschaft hast du revoltiert, sondern gegen deine Vorstellung von dir selber, also gegen dich selbst!"
Der Tod des Autors – Fritsch erhängte sich in Frauenkleidern, Menasse deutet einen autoerotischen Unfall an – erscheint wie eine groteske Coda des nachgelassenen Fragments. Dessen letztes Wort: "Panik".

Daniela Strigl in FALTER 40/2006



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