Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch

Peter Sloterdijk


Politik der Gefühle

Peter Sloterdijk erklärt den Zorn der Einzelnen zum Rohstoff aller Politik und schreibt so die Geschichte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart neu.

Zornbank. In einem Falter-Interview mit Peter Sloterdijk tauchte der Begriff erstmals in der Öffentlichkeit auf, mitten in Bawag-Skandal und der Selbstdemontage des ÖGB. Kaum zwei Jahre nach Fertigstellung seiner "Globen"-Trilogie und ein Jahr nach seiner Geschichte der Globalisierung ("Im Weltinnenraum des Kapitals") erscheint nun das Buch zum Begriff: "Zorn und Zeit", mit 350 Seiten ein eher mittelschweres Werk im Œuvre des wortmächtigen Vielschreibers.
Der gleich produktive wie originelle Denker hat mit diesem "politisch-psychologischen Versuch" eine Geschichte des Aufbegehrens vorgelegt und erklärt darin den "Zorn" zum Ausgangspunkt der Politik. Im Gefolge von stoischer Affektkontrolle, christlich-humanistischer Ethik und psychoanalytischer Abwehr gilt uns der Zorn als rein negative und gefährliche Gefühlsregung. Sloterdijk bemüht sich nun, dem Zorn seine produktiven Aspekte zurückzuerstatten. Mehr noch, er macht die Rache der Entrechteten zur primären Ressource des Politischen – trotz der ihr innewohnenden Gefahr.
Diese Ambivalenz, wonach der Zorn sowohl jene Kraft ist, "die die Welt zusammenhält", als auch jene, die diese bedroht, macht es notwendig, dass das politische Rohmaterial in einem genuin politischen Prozess verarbeitet wird. Und hier entfaltet Sloterdijk einen ganzen Metaphernapparat, der eben im Begriff der Zornbank kulminiert. Diese virtuos ausgeführte Metaphernarbeit – der Text liest sich spannend wie ein Roman – stellt den Leser dennoch vor die Frage, ob es sich hierbei nur um eine geglückte Darstellung des hinlänglich Bekannten (etwa der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts) handelt oder ob diese Bearbeitung des politischen Prozesses mittels einer ökonomischen Metaphorik einen tatsächlichen Erkenntnisgewinn bedeutet.
Sloterdijks Psycho-Politik besteht weder darin, die Psychologie der historischen Akteure namhaft zu machen, noch darin, politische Kräfte zu psychologisieren. Psycho-Politik bedeutet hier einen metaphorischen Eingriff, der Politik als einen Produktionsprozess beschreibt. Sein Rohstoff wiederum ist die Wut des Einzelnen, des Entrechteten, der nur dann zu einer politischen Kraft werden kann, wenn dieser Rohstoff "weiterverarbeitet" wird. Eine politische Kraft wäre demnach nichts anderes als die Akkumulation und Transformation von individuellen Zornregungen.
Linksparteien sind demnach Zornbanken, bei denen das Zornvermögen der Einzelnen, das für sich genommen nur ohnmächtig oder höchstens regional wirksam ist, deponiert werden kann. Die Parteien fungieren insofern wie eine Bank, als sie nicht nur Sammelstelle privater Regungen sind, sondern auch "Verwertungsagenturen", die die Einlagen aus intimen Emotionen in öffentlich-politische Programme transformieren, die blinde Wut also in ein geplantes Projekt verwandeln. Das bedeutet sowohl eine Absage an alle anarchischen wie auch an alle basisdemokratischen Vorstellungen.
Für Sloterdijk bedarf die politische, die "rächerische" Energie notwendigerweise einer Institution zu ihrer Rationalisierung. Trotzdem verschiebt er damit auch das Konzept der politischen Repräsentation zugunsten des Einzelnen als Kunden. Der Einzelne hat eine besondere Position inne: Es ist seine "Einlage", die die Institution stützt.

Was bedeutet solche Art der Institutionalisierung nun für die emotionale Seite des Zorns? In Sloterdijks Neuerzählung ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts eine, der diese Balance nicht gelungen ist. Sie wurde letztlich in ihrer bolschewistischen Wende zur Geschichte eines "Anlagenschwindels", der das Proletariat und die Bauern "um ihren gesammelten Zorn" gebracht hat. Das kommunistische Bankenmonopol habe mit seinem Massenterror die Verbindung von Empörung und konstruktiver Politik gesprengt und die Kunden ihrer Zornbank in "Leibeigene des Unternehmens" verwandelt. Für Sloterdijk ist die Geschichte der Linken die Geschichte des großen Scheiterns der Zornwirtschaft.
Heute sehen wir uns mit dem Ende der großen Zornbanken konfrontiert. Das Scheitern der Domestizierung des Zorns hat zur Folge, dass heute auch dessen Steigerung misslingt. Genau diesen paradoxen Zusammenhang enthüllt Sloterdijks Metaphernarbeit, die sich deshalb als Bekräftigung von Fukuyamas Wort vom "Ende der Geschichte" versteht. Was heute noch bleibt, sind Schieflagen, die nicht einmal mehr das Versprechen einer Produktivität des Zorns bieten. Sichtbarstes Beispiel dafür ist der Islamismus, der eine "rein rächerische Ideologie" sei, die nur strafen, aber nichts hervorbringen könne. Hier würde das Zornkapital nur blutig verschwendet und nicht zukunftsfähig investiert.

Den Erfordernissen des Politischen als einer Verbindung von Emotion und Domestizierung, von Wut und Bank stehen heute zwei Szenarien des Ungleichgewichts gegenüber: zum einen der Zorn ohne Bank – wie beispielsweise bei den Unruhen in den französischen Banlieues, wo keine politische Partei sich als Sammlerin und Verwandlerin der "schmutzigen Energien" angeboten hat. So sei es bei einer Zornaufwallung am "Nullpunkt der Artikulation" geblieben.
Die Kehrseite dazu bildet unsere gegenwärtige Situation, in der weder massive Arbeitslosenraten noch der nachhaltige Abbau des Sozialstaates es bislang vermochten, ein "Aufflackern des klassenkämpferischen Feuers zu provozieren". Wir haben also Banken – nur ohne Zorn. Eben deshalb funktionieren sie nicht. Die Linke sei zum "Teil des Wohlfühlsystems" geworden. Sie ist, so Sloterdijks Lektion, von ihrer politischen Quelle abgetrennt. Oder würde jemand behaupten, der ÖGB sei eine Zornbank?

Isolde Charim in FALTER 40/2006



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