Pragmatismus und radikaler Empirismus

William James, Claus Langbehn


Theorie der Praxis

Eine Aufsatzsammlung von William James räumt mit einigen Fehldeutungen in Sachen Pragmatismus auf.

Was ist das: Wahrheit? Schlagen wir bei Thomas von Aquin nach, lesen wir "adaequatio rei et intellectus", also die Übereinstimmung des Denkens mit der Welt. Das ist schon einmal ein guter Anfang, nur bleibt offen: Ist Wahrheit etwas, das unabhängig von uns existiert und daher entdeckt werden muss? Oder ist sie etwas, das erst in der – erfolgreichen – Auseinandersetzung mit der Welt entsteht?
William James (1842–1910), einer der Hauptvertreter des US-amerikanischen Pragmatismus, hat die zweite Deutung favorisiert. Das liest sich dann so: "Das Wahre ist das Gegenteil von dem, was instabil und in praktischer Hinsicht enttäuschend ist, was lügt und was unzuverlässig ist, was nicht verifizierbar und unbeständig ist, was inkonsistent und widersprüchlich ist, was künstlich und exzentrisch ist und was schließlich unwirklich ist im Sinne praktischer Bedeutungslosigkeit." Das Zitat stammt aus dem 1904 erschienenen Aufsatz "Humanismus und Wahrheit", der nun mit einer Reihe anderer Texte von James erstmals ins Deutsche übertragen wurde und in der Aufsatzsammlung "Pragmatismus und radikaler Empirismus" erschien.
Dieses Buch ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Es zeigt nämlich den Psychologen William James, der sein ursprüngliches Fachgebiet in der Spätphase seiner Karriere hinter sich ließ und nur mehr insoweit behandelte, als es zur Klärung philosophischer Probleme diente. Und es zeigt den Philosophen James, der genug hatte vom weichen, populären Schreibstil, mit dem er die Jahre zuvor den Pragmatismus für ein breites Publikum aufbereitet hatte.
Letzteres ist deswegen wichtig, weil James mitunter das Image eines Handlungsreisenden in Sachen Pragmatismus hat, der die Ideen seiner Mitstreiter John Dewey und Charles Sanders Peirce in eine allgemeinverständliche Sprache übersetzte. Das stimmt zwar, ist aber nur die halbe Wahrheit: James war ein origineller Kopf, drückte dem Pragmatismus seinen Stempel auf und entwickelte ihn weiter. Weswegen er nach wie vor häufig zitiert wird – etwa in der heute boomenden Philosophy of Mind.
Oberflächlich betrachtet stehen die in den Jahren 1904 bis 1908 entstandenen Aufsätze der Position des Neopositivismus nahe, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem unter naturwissenschaftlich orientierten Philosophen in Mode kam. Im Detail sieht es aber anders aus: Die Neopositivisten wollten die Metaphysik mit der Heckenschere aus der Philosophie entfernen und erklärten vieles, was vorher gedacht wurde, zur sinnlosen Gedankendichtung. James hingegen nahm oft nur kosmetische Änderungen an der traditionellen Terminologie vor und wollte einen behutsamen Übergang zu einer bescheidenen, erfahrungsorientierten Philosophie erreichen. Er verstand sich nicht als Revolutionär, sondern als Katalysator einer historischen Entwicklung, an deren Ende eine Philosophie stehen sollte, die die Ergebnisse der Fachwissenschaften organisch in sich trägt.

Die nun erschienene Textsammlung zeigt nicht nur, was Pragmatismus ist, sondern auch, was er nicht ist. Denn schon James hatte mit dem Vorurteil zu kämpfen, der Pragmatismus sei eine flache Pseudophilosophie: "Unsere Kritiker (...) betrachten unsere Lehre als eine solche, die sich an den Ingenieur, Arzt oder Finanzmann – generell also an den Mann der Tat – wendet, der zwar so etwas wie eine behelfsmäßige Weltanschauung brauche, aber nicht genügend Zeit oder Verstand für das Studium der echten Philosophie habe. Für gewöhnlich wird sie als eine typisch amerikanische Bewegung beschrieben, als eine Art zurechtgestutztes Gedankensystem: wie für den Mann von der Straße gemacht, der die Theorie von Natur aus hasst und nach direkt barem Nutzen verlangt."
Darauf gibt es eine systematische und eine emotionale Antwort. Erstere kann man im Aufsatz "Die pragmatische Darstellung der Wahrheit und ihre Fehldeutungen" nachlesen, die andere in "Die Philosophie und ihre Kritiker". Sie lautet: "Ein Mensch, der keine Philosophie in sich trägt, ist der am wenigsten verheißungsvolle und nutzloseste Mitmensch, den man sich denken kann."

Robert Czepel in FALTER 40/2006



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