Doping im Hochleistungssport. Anpassung durch Abweichung

Karl-Heinrich Bette, Uwe Schimank


No Dope, No Hope

Drei deutsche Sportwissenschaftler berichten über gängige Dopingpraktiken im Spitzensport. Zwei Soziologen erklären, warum gedopt wird und was man dagegen tun könnte.

Wolfgang Konrad war Ende August ziemlich sauer: "Ihre Wortmeldungen sind unqualifiziert, unverständlich und lediglich der Versuch, eine positive Entwicklung, nämlich die regelmäßige und lustvolle sportliche Aktivität zahlreicher Personen, schlechtzureden." In einem offenen Brief sah sich der ehemalige Weltklasseläufer und langjährige Veranstalter des Wiener Stadtmarathons bemüßigt, den Ruf aller Hobbyläufer zu verteidigen. Angepatzt hatte den Hans Holdhaus, Österreichs "Anti-Doping-Papst". Er war am 22. August in der U-Bahn-Zeitung mit den Worten zitiert worden, dass "ein Drittel der Starter beim Wien-Marathon gedopt ist". Aus Sicht von Konrad eine gemeine Unterstellung. "In der 23-jährigen Geschichte des Wien-Marathons gibt es trotz Dopingkontrollen keinen einzigen positiven Dopingfall", schrieb Konrad in einem genauso offenen wie wütenden Brief an Holdhaus. Dieser relativierte seine Aussage zwar später und sprach nur mehr von einer "zehn-bis dreißigprozentigen Dunkelziffer im Breitensport". Für Diskussionsstoff in den Onlineforen war aber gesorgt.

Dass die Zahlen von Holdhaus nicht aus der Luft gegriffen sind, ist durch eine Reihe von Studien vor allem im Fitnessbereich gut belegt. Nachzulesen ist dies in dem instruktiven Buch "Dopingprävention in Europa", das eine Expertentagung vom Jänner 2005 in Deutschland zusammenfasst. Die Sportwissenschaftler Patrick Laure und Gerhard Treutlein berichten darin von US-Studien, die zeigen, dass bereits Neun-bis 13-Jährige anabole Steroide zum Muskelaufbau einnehmen. Generell schwankt die Rate von Jugendlichen, die sich in den anonymen Befragungen zu Doping bekennen, zwischen fünf und zehn Prozent.

Und auch in gesellschaftlichen Bereichen weit weg vom Spitzensport wird den Leistungen chemisch auf die Sprünge geholfen. So gaben 45 Prozent der französischen Medizinstudenten an, bei Prüfungen Mittel gegen Stress genommen zu haben - von Tranquilizern bis zu Antidepressiva. Und bis zu einem Drittel der fertigen Ärzte in den USA bekannte sich dazu, regelmäßig Amphetamine, Barbiturate oder Cannabis zu konsumieren.

Klar ist damit, dass "Doping" kein Problem allein des Spitzensports ist. Und schon gar nicht allein der Spitzensportler, betonten die beiden deutschen Soziologen Karl-Heinrich Bette und Uwe Schimank bereits 1995 in ihrem Buch "Doping im Hochleistungssport". Heuer wurde es neu aufgelegt und mit einem dicken Nachwort versehen. Ihre Aussagen von damals hätten nichts von ihrer Gültigkeit verloren, versichern sie glaubhaft. Ihre Hauptthese: "Doping entsteht aus dem Wechselverhältnis zwischen der Eigenlogik des Sports und seinen Abhängigkeiten von anderen Gesellschaftsbereichen - etwa wirtschaftlichen oder politischen Interessen. Es ist keine zufällige Anhäufung von Einzelfällen, sondern muss als eine Alterserscheinung der Entwicklung des Leistungssports gewertet werden."

Dazu haben die verschiedenen Gesellschaftsbereiche laut Bette und Schimank maßgeblich beigetragen, was sie zum Teil des Problems macht: die Sportverbände, die für die Teilnahme an internationalen Bewerben Leistungsnachweise fordern, die nur schwer zu erbringen sind. Die Medien, die mit neuen Rekorden genauso Schlagzeilen machen wie mit personalisierten Dopingskandalen. Und schließlich Politik und Wirtschaft, die sich gerne im Glanz erfolgreicher Sportler sonnen und dafür immer höhere Geldbeträge zur Verfügung stellen. Alle zusammen hätten sie zu einer "Entfesselung des Spitzensports" beigetragen, die zwar nicht zwangsläufig zu Doping führt, es den Athleten aber nahelege.

Um aus dieser misslichen Lage herauszukommen, machen Bette und Schimank einige originelle Vorschläge. Wobei sie allen Strategien, die bloß auf der individuellen Ebene der Athleten ansetzen - stärkere Pädagogisierung, Intensivierung der Dopingkontrollen, Fair-Play-Initiativen -, keine Chance einräumen. Stattdessen gelte es, Doping in seiner Struktur zu begreifen und zu bekämpfen. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene hieße das "Abstimmung mit all jenen Akteuren, die ihren Anteil an der Totalisierung des Spitzensports und der Entfesselung des sportlichen Siegescodes haben - Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft. Moralappelle und Steuerung von außen werden da nicht helfen."

Stattdessen schlagen Bette und Schimank einen "auf Reflexion ausgelegten Konstellations-Egoismus" vor. Dabei soll jeder Akteur der "Dopingkonstellation" - also Sport, Politik, Wirtschaft und Medien - zwar weiter seine Eigeninteressen verfolgen. Die Einsicht, dass diese Eigeninteressen durch Doping aber langfristig bedroht sind, könnte zu einem Umdenken führen. Wenn die Wirtschaft endlich merkt, dass ihre Werbe-Testimonials andauernd unter Dopingverdacht stehen, wäre es langfristig klüger, nur noch jene Sportverbände zu unterstützen, die unangemeldete Dopingkontrollen durchführen. Genauso könnte die Politik Sportförderung an strengere Anti-Doping-Maßnahmen knüpfen.

Zur Koordination der verschiedenen Akteure schlagen die Forscher einen runden Tisch vor, an dem sich alle gleichberechtigt beteiligen. Da Bette und Schimank doch sehr auf die Selbstaufklärung der Involvierten setzen, sind sie nur bedingt optimistisch, was die Erfolgschancen ihres Projekts betrifft. Dafür sehen sie für ihre eigene Zunft eine große Chance: "Die Soziologie könnte dabei eine Mediatorfunktion übernehmen, denn sie erfüllt eine wichtige Voraussetzung dafür: Sie ist selbst nicht Teil der Doping erzeugenden Akteurskonstellation."

Das ist sicher richtig, bringt aber auch Stärken und Schwächen des Buches von Bette und Schimank auf den Punkt. Auf der einen Seite liefern sie eine umfassende und plausible Analyse von Doping, die ihresgleichen sucht. Auf der anderen Seite betonen sie permanent die Wichtigkeit der Soziologie in einer seltenen Mischung aus Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstüberschätzung gegenüber anderen Wissenschaften. Und da wird aus der Beschäftigung mit Doping implizit ein Fall für die Wissenschaftsforschung.

Lukas Wieselberg in FALTER 40/2006



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