Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne

Hartmut Böhme


Marke, Müll, Museum

Wollte man dieses Buch über die Welt der Dinge selbst mit einem Ding vergleichen – ein Flaschenschiff wäre vielleicht dazu geeignet. Denn dem Berliner Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme ist es gelungen, ein ansehnliches Panorama der Moderne zu zeichnen, das erst einmal durch den Flaschenhals eines einzigen Begriffs, des Fetischismus, hindurchgeschoben und dann aufgerichtet werden musste. Geduldig wie ein Bastler arbeitete sich Böhme durch einen Berg von Sekundärliteratur, vorurteilslos folgt er Haupt- und Nebensträngen des Themas, um ein Buch hervorzubringen, dessen Autor man am Ende nicht als schrulligen Ideensammler belächelt, sondern als Fährmann durch eine nicht eben unstürmische kulturgeschichtliche Epoche schätzen lernt.
So viel Metaphorik hat sich ein Autor verdient, der über 500 Seiten hinweg den Ball flach zu halten vermag und stets zur Ausgangsthese zurückkehrt, die sich zunächst etwas schlicht ausnimmt: "Dinge tun etwas mit den Menschen (und nicht nur wir mit ihnen)." Es waren zunächst Afrikareisende der frühen Neuzeit, die die bedrohliche und schützende Macht von Gegenständen als Teil primitiver, religiöser Praktiken beobachteten. Damit begann eine lange, negative Bedeutungsgeschichte des Begriffs, der den Fetischisten in sehr verschiedenen Gewändern zum passiven Opfer einer übersinnlichen Kraft machte. Missionare und Seefahrer glaubten unchristlichen Götzendienst zu entdecken, ohne sich bewusst zu sein, dass sie über katholische Reliquienverehrung sprachen. "Am Ende weiß niemand mit Sicherheit, ob eigentlich ‚die Afrikaner' Fetischisten sind oder nicht vielmehr die Europäer, die sich über afrikanische Magie erregten", schreibt Böhme.
Das 19. Jahrhundert zerstörte die überschaubare Anzahl der Dinge des täglichen Gebrauchs. Gefundene und gefertigte Objekte füllten sonder Zahl Museen und Wohnzimmer. In diesem Säkulum der Dinge trat aber auch die bis dahin kaum beachtete religiöse Praktik des Fetischismus ihren fantastischen Siegeszug ins Innere des weißen Kontinents an. Karl Marx machte sie zur zentralen Metapher seiner Kritik des Kapitalismus. So begierig suchte er die Tiefenstruktur der modernen Warenwelt auf ihre verborgenen religiösen Wurzeln hin abzuklopfen, dass Böhme nicht umhinkann, ihm zu unterstellen, das Phänomen erst erzeugt zu haben, das er geißelte.
In einem seiner vielen thematischen Abzweigungen verweist Böhme auf kommunistische Gesellschaften, in denen der Zauber der Warenwelt durch ein nivellierendes Grau bekämpft wurde. Personen- und Parteikult ersetzten diesen auf umso archaischer anmutende Art. Einen ähnlichen Bedeutungsüberschuss stellt er im Fetischismuskonzept Sigmund Freuds fest, das den erlösenden Phallus zum Maß aller sexuellen Dinge machte.
Von Marx und Freud aus gelingt es Böhme dann, die sexualisierte Warenwelt der postindustriellen Gesellschaft schlüssig zu beschreiben. Längst hat der Fetischismus den Underground der sexuellen Perversion und der Clubkultur verlassen und ist in den Mainstream eingezogen. Der Begriff erweist aber nicht durch die Verbreitung von Lack und Gummi in der Mode seine Geschmeidigkeit, sondern als kulturelle Matrix, die dem Konsum von Waren wie von Kultur gleichermaßen zugrunde liegt.
Eine Objektmagie ohne Furcht lässt das Spiel mit der Aura von Markenprodukten ebenso zu wie das Umpolen sexueller Stereotypen. Böhme folgt darin lieber optimistischen Gegenwartsbefunden der Gender und Cultural Studies als den radikalen Antifetischisten à la Adorno/Horkheimer, die sich nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland in der amerikanischen Kulturindustrie ähnlich wohl fühlten wie Missionare im Afrika des 18. Jahrhunderts.

Wenn die Inszenierung von Schaufenstern derselben Logik folgt wie der von Museumsausstellungen, muss man sich um die Kommerzialisierung von Kultur weniger Sorgen machen als um die Kulturalisierung der Warenwelt? Auch hier bleibt Böhme ohne polemische Zuspitzung, unterscheidet lediglich zwischen einem verzehrenden Fetischismus der Konsumsphäre und dem Museum, das die Dinge durch eine Glasscheibe sowohl begehrlich als auch unsterblich macht. Zwischen dem Museum und der Müllhalde ist die Luft für die Gegenstände dünn.
Was bei anderen Autoren aber dazu führte, unter dem Eindruck von Digitalisierung und Simulation vom Verschwinden der Wirklichkeit zu sprechen, führt bei Böhme zur Feststellung einer von unsichtbaren Strömungen unterspülten, gleichzeitig auch sehr fassbaren Gegenwart.

Matthias Dusini in FALTER 40/2006



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