Der Wolkenatlas

David Mitchell, Volker Oldenburg


Sie werden euch fressen

David Mitchells furioser, Jahrhunderte umspannender "Wolkenatlas" umfasst eigentlich sechs Romane unterschiedlicher Genres, die zu einem faszinierenden Panorama historischen Niedergangs verknüpft sind.

Wäre in den vergangenen Wochen nicht so unerträglich viel über Günter Grass und sein Buch "Beim Häuten der Zwiebel" geschrieben worden, dann könnte man David Mitchells "Wolkenatlas" mit einer Zwiebel vergleichen, deren Struktur ein gutes Bild für das Konstruktionsprinzip dieses Romans abgäbe; oder vielmehr: dieser sechs Romane, von denen jeder im vorigen steckt wie in einer Schutzhülle. Weil die Zwiebel aber derzeit vergeben ist, liegt die Metapher näher, die Mitchell selbst einem Physiker in den Mund legt, um damit den Verlauf der Zeit zu erklären. Den stellt er sich nämlich als "eine unendliche Matrioschka aus gemalten Augenblicken" vor. "Jede Puppe (die Gegenwart) wird von anderen Puppen (früheren Gegenwarten) umschlossen, die ich die reale Vergangenheit nenne, die von uns aber als virtuelle Vergangenheit wahrgenommen wird. Gleichfalls umschließt die Puppe des ‚Jetzt' die Puppen künftiger Gegenwarten, die ich die reale Zukunft nenne, die von uns aber als virtuelle Zukunft wahrgenommen wird." Es sind die letzten Gedanken dieser Romanfigur, denn im selben Augenblick explodiert das Flugzeug, in dem sie sich befindet.
Sechs Zeitschichten, sechs Geschichten. Wie sich das Vergangene in Mythen verwandelt oder in Zeugnisse einer seltsamen Vorzeit oder in hinterlassene Manuskripte oder Filmvorlagen oder Datenmaterial eines zukünftigen Archivgerätes, das erzählt Mitchell nebenbei gleich mit – wobei sich die Erkenntnisse und Wahrheiten einzelner Epochen wechselseitig relativieren. Über 700 Jahre – von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in eine ferne Zukunft – spannt Mitchell den historischen Bogen dieses großen Panoramas. Die einzelnen Abschnitte sind mit bewundernswerter Raffinesse und Eleganz miteinander verknüpft, lassen sich aber auch einzeln lesen. Dann sind es immer noch sechs faszinierende Romane in einem einzigen Buch, einer spannender als der andere, und jeder in einer eigenen, zeitgemäßen Sprache.
Der 1969 im englischen Southport geborene David Mitchell ist ein erzählerisches Chamäleon, das sich scheinbar mühelos den unterschiedlichsten historischen Epochen und Genres anzupassen vermag. Kritiker in seinem Heimatland rätselten, welche erzählerische Stimme wohl seine eigene sei – eine absurde Frage bei einem, der die Komplexität und die Vielfalt liebt. Schon der Erstlingsroman "Chaos" verknüpfte neun Erzählerstimmen rund um die Welt. Im "Wolkenatlas" – Mitchells drittem Roman und dem zweiten, der auf Deutsch vorliegt – hat der Autor dieses Prinzip zur Meisterschaft gebracht.
Die äußerste Hülle, also Anfang und Schlusskapitel, dem Genre nach ein Tagebuch, ist ein Seefahrer- und Abenteuerroman im Stile Melvilles. Die zweite Schicht ist ein Brief- und Künstlerroman aus den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts, der zur Not auch von Thomas Mann stammen könnte: eine Mischung aus "Tonio Kröger" und "Felix Krull". Der junge Briefeschreiber und Komponist hat, bevor er seinem Leben ein frühes Ende setzt, eigentlich nur ein einziges Werk komponiert: das "Wolkenatlas-Sextett".
Schicht Nummer drei ist ein Thriller über Korruption in der Atomindustrie in Reagans Kalifornien im Jahr 1975, der sich liest wie ein Stück aus der Romanfabrik von Michael Crichton. Es folgt ein Schundroman aus dem England der Gegenwart, in dem ein Kritiker ermordet wird und ein von Gläubigern verfolgter Verleger Zuflucht in einem Altersheim des Grauens findet: Bodo Kirchhoff vielleicht oder Martin Walser. Handelte Teil zwei vom "Verfall des Genies", so geht es hier um die "Verderbtheit des Geschmacks". Geschichte ist für Mitchell kein Fortschrittsprozess, sondern eine fortgesetzte Regression. "Armes England", sagt der Verleger, "zu viel Geschichte auf zu wenig Fläche. Die Jahre wachsen hier nach innen wie meine Zehennägel."
Schicht fünf ist düstere Science-Fiction, angesiedelt im 22. Jahrhundert, in dem die nordkoreanische Diktatur mit dem Kapitalismus Südkoreas zu einer "Konzernokratie" verschmolzen ist. Da gibt es Genomchirurgie, Facedesigner, ein Statistikministerium und Schnellrestaurants so groß wie Kathedralen, vor allem aber willige Konsumentenmassen, denen es verboten ist, ihr Geld nicht auszugeben. Wer da an Orwell denkt, liegt nicht ganz falsch, doch Orwell gehört in diesem Universum zu den "späten englischen Optimisten", und das Lesen und die Beschäftigung mit Vergangenem sind sowieso verboten. Dieses Kapitel ist in Dialogform angelegt. Das Gespräch oder Verhör mit dem weiblichen Klon, der als Bedienung in einem Schnellrestaurant hergestellt worden, aber zu einer "Reinblütigen" aufgestiegen ist und damit die Ordnung durcheinandergebracht hat, findet nach dessen Verhaftung und kurz vor seiner Exekution statt.

Das Zentrum des Romans schließt die fernste Zukunft mit ein. Sie führt zurück in eine archaische Gesellschaft, in der primitive Insulaner ein Dasein als Ziegenhirten führen. Erzählt wird hier nur noch mündlich, Literatur und Schrift gibt es schon lange nicht mehr, und die Sprache ist seltsam verstümmelt. "Eines Tages muss eine gänzlich räuberische Welt sich selbst auffressen", prophezeite schon in der äußersten Schicht ein Seereisender, der selbst ganz und gar nach dem Motto "Fressen und gefressen werden" lebt. Seine Prognose zieht sich als historische Perspektive durch alle sechs Romanteile. Niemandem ist zu trauen, schon gar nicht den nächsten Vertrauten. Machtgier, Bereicherung, Korruption und Verschlagenheit sind die dominierenden Faktoren der Geschichte. Diejenigen, die dagegen ankämpfen – und von solch seltenen Exemplaren erzählt Mitchell – stehen immer wieder auf verlorenem Posten.
Da ist der brave Adam Ewing, der in der rauen, diktatorischen Gesellschaft auf See zum Opfer eines Giftmischers wird. Oder die junge Journalistin Luisa Rey, die mutig gegen die Atommafia kämpft. Oder die geklonte Sonmi, die schon fast als Erlöserin erscheint. Ihr Vermächtnis gelangt Jahrhunderte später in die Hände eines Ziegenhirten, der es nicht mehr verstehen kann, es aber dennoch bewahrt. All diese Untergeher sind durch ein sichtbares Zeichen miteinander verbunden. Zwischen den Schulterblättern tragen sie ein Muttermal in Form eines Kometen. Wer nun aber diese messianische Reinkarnationslehre als metaphysischen Schwulst kritisieren möchte, sollte vorsichtig sein. Denn auch Timothy Cavendish, der Schundverleger aus Teil drei, hält diese Andeutungen für elenden "Blumenkinder-LSD-Trip-New-Age-Quark", der definitiv aus dem Manuskript hinausredigiert werden müsste.
Mitchell ist der Kritik an seinem Roman immer einen Schritt voraus. Die Lust, die er am Erzählen hat, teilt sich in jedem Augenblick als verschwenderischer Einfallsreichtum und sprachliche Brillanz mit. Der Übersetzer Volker Oldenburg hat den Glanz bewahrt – und mehr als das. Es ist ihm gelungen, Mitchells Sprachspielereien, seine Neologismen und den von Kapitel zu Kapitel veränderten Stil im Deutschen neu zu erfinden. So ist "Der Wolkenatlas" auch in der deutschen Übersetzung ein literarisches Ereignis.

Jörg Magenau in FALTER 40/2006



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