Von der Schönheit

Zadie Smith


Howard am Ende?

Zadie Smiths "Von der Schönheit" ist Familienduell und Campusklamotte sowie ein weitgehend gelungener Versuch, von modernen sozialen Gegensätzen auf altmodische Weise zu erzählen.

Warum zur Abwechslung nicht mal einen schön altmodischen, auktorial erzählten Roman lesen? Dieser Literaturherbst wird ohnedies so stark von narrativen Experimenten dominiert – von Liebesgeschichten in Interview- und E-Mail-Form oder Bergsteigerprosa in freiem Flattersatz –, dass "Von der Schönheit" in seiner Konventionalität schon fast wie eine schillernde Ausnahme wirkt. Vor allem aber legt die Engländerin Zadie Smith, Jahrgang 1975, die bereits mit "Zähne zeigen" einen Bestseller landete, hier ein über weite Strecken wirklich sehr schönes Buch vor.
Im Mittelpunkt der recht verzweigten Handlung steht die auf den ersten Blick langweiligste Figur, die man sich vorstellen kann: Howard. Howard Belsey ist Mitte fünfzig und arbeitet in Wellington, nahe Boston, als Dozent für Kunstgeschichte. Zu einer Professur hat es nicht gereicht, da er kaum Publikationen vorweisen kann. An seiner großen Studie "Wider den Rembrandt", mit der er einen Feldzug gegen naive ästhetische Attribute wie "schön" oder "genial" starten will, arbeitet er schon seit Ewigkeiten.
Howards Problem: Er hinterfragt alle Dinge so gründlich, dass vor seiner Kritik praktisch nichts bestehen kann. Als musikalische Untermalung duldet er in seinem Haus daher einzig japanische Elektronik – kein Gesang, kaum Melodien, ergo kein Schönheitsverdacht! Noch lieber ist ihm die Stille der Samstage, die er stets in der Bibliothek verbringt. Es braucht schon eine ordentliche Erschütterung, um Howard wieder zurück ins Leben zu holen. Aber wozu hat man eine Familie?
Sohn Jerome bringt die Ereignisse ins Rollen. Ausgerechnet bei Howards Erzfeind, dem reaktionären, aber höchst erfolgreichen Londoner Rembrandt-Experten Monty Kipps, hat Jerome einen Aushilfsjob angenommen. Und sich prompt in dessen Tochter verliebt. Weil der zuvor unberührte Jüngling sofort Heiratsgelüste verspürt, setzt sich Howard ins Flugzeug, um eine Verbindung der verfeindeten Häuser zu verhindern.
Außer ihrem Beruf haben Howard und Monty in der Tat nichts gemeinsam. Howard unterstützt als Liberaler auf der Uni noch jeden Antrag auf Gleichstellung und Minderheitenrechte, für Monty zählt allein Leistung. Über seine Familie herrscht er als Patriarch, während Howard sich aus dem häuslichen Treiben seiner karibischstämmigen Frau Kiki und der drei Kinder Jerome, Zora und Levy möglichst raushält. So erlebt der ausgebüchste Jerome ausgerechnet bei den superkonservativen Kipps erstmals familiären Zusammenhalt.
Überhaupt sind die Dinge in diesem Roman oft anders, als sie zunächst scheinen. Viele Figuren tragen Masken, die sie erst im Laufe der über 500 Seiten ablegen. Dass der heuchlerische Monty am Ende seine Rechnung präsentiert bekommt, ist freilich keine billige didaktische Volte der Autorin, die sich – was Wertungen anbelangt – erfreulich zurücknimmt. Ihre Figuren bestraft nicht das Leben, sie bestrafen sich durch ihr Verhalten schon selbst genug.
Besonders der tragikomische Howard, dem an allen Fronten die Felle davonschwimmen, wächst einem im Laufe der Lektüre immer stärker ans Herz. Seine Schwäche für alkoholische Getränke trägt einiges zu seinem Niedergang bei. Dass er auch noch in zwei Verhältnisse stolpert, ruiniert zwar fast seine Ehe, dafür hat der Leser gerade an diesen Passagen einen Heidenspaß.

Die finale Lektion im Erkennen wahrer Schönheit, die Smith ihrem Protagonisten angedeihen lässt, wirkt dagegen ein wenig forciert und hat ein kitschiges Happyend zur Folge. Davon abgesehen aber hat sie das große Thema ihres erklärten Vorbilds E.M. Forster ("Wiedersehen in Howards End", "Indien"), die Überwindung der Schranken zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebensart, jedoch schlüssig in eine zeitgemäße, multi-ethnische Form übertragen.
Nicht zufällig ist die berührendste Nebenfigur des Romans Howards jüngerer Sohn Levy. Mit dem akademischen Hintergrund des Vaters weiß er rein gar nichts anzufangen, seine Identität sucht der Pubertierende bei seinen "Brüdern" auf der Straße, die ihn als halb schwarzen Spross einer Mittelstandsfamilie freilich mehr belächeln als akzeptieren. Man ahnt: Er wird schon ein verdammt guter Rapper werden müssen, um auf der Bühne des Lebens zu bestehen. Das wäre dann aber schon Stoff für einen neuen Roman. Einstweilen bietet "Von der Schönheit" genug Anschauungsmaterial, um ein beachtliches Talent zu entdecken.

Sebastian Fasthuber in FALTER 40/2006



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