Frauen, die pfeifen

Antonia S. Byatt, Brigitte Heinrich, Andrea Stumpf, Melanie...


Konchyliofuckingwhat?!!

Mit "Frauen, die pfeifen" hat Antonia S. Byatt eine ebenso gescheite wie unterhaltsame Geistes-, Sozial- und Wissensgeschichte der Sechzigerjahre in Romanform gebracht.

Frauen, die pfeifen" ist ein hervorragender Buchtitel. Pfeifende Frauen künden von beschwingtem Selbstbewusstsein und Eigensinn. "Für Frauen ist das alles schwerer", sagt zwar die kluge, spitzkinnige Frederica Potter mit den glühend roten Haaren auf Seite 527, sie hat aber zu diesem Zeitpunkt, als der Roman bereits seinem Ende zustrebt, schon mehrmals unter Beweis gestellt, mit wie viel Selbsterfindungskraft man ein Frauenleben anlegen kann. "Und wenn schon! Du musst eben lauter pfeifen. Einfach nur lauter", antwortet ihr darauf der Konchyliologe Luk Lysgaard-Peacock.
Konchyliologe? Das ist ein Schneckenforscher, und Schnecken spielen in Antonia S. Byatts neuem Roman eine nicht unbeträchtliche Rolle. Als Feldforschungsobjekte im Hochmoor von Yorkshire dienen sie einer verkorksten Liebesgeschichte, als Labortiere befördern sie wissenschaftliche Karrieren, die verschlungene Regelmäßigkeit ihrer Schneckenhäuser inspiriert einen Mathematiker zu neuen Formeln, ihr zwittriges Geschlechtsleben wird zum Ausgangspunkt eines eleganten Vortrags über die biologischen Nachteile zweigeschlechtlicher Fortpflanzung.
Antonia S. Byatts Buch ist so vielschichtig, dass es seinen hypnotischen Reiz erst dann ganz entfaltet, wenn man am Ball bleibt. Lesepausen verträgt es schlecht. Denn die große britische Autorin, die dieser Tage ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert hat, führt gut und gerne drei Dutzend Figuren ein, die, jede für sich, wieder in komplexe Lebensgeschichten und Geisteswelten eingesponnen sind. Nur langsam entfaltet sich das kunstvolle Gewebe, durch das alle miteinander verbunden sind. Die Geschichte dieses Buchs nachzuerzählen ist unmöglich, weil es sich in Wirklichkeit um Hunderte Geschichten handelt.
Byatt entfaltet einen ganzen Kosmos des Denkens und Fühlens. Ihr zeitgeschichtliches Spielfeld ist das England der späten Sechzigerjahre, ihr Milieu akademisch. Die Figuren operieren auf Basis einer satten, umfassenden Bildung. Frederica Potter ist eine der Zentralfiguren, eine Literaturwissenschaftlerin in einem Patchwork-Familien-Verband. Sie wird Moderatorin einer skeptisch beäugten TV-Talkshow im Setting von "Alice in Wonderland", die heute, vierzig Jahre später, als einsamer Höhepunkt kulturbeflissener TV-Unterhaltung gälte.

Mit fortschreitender Handlung verlagern sich die Ereignisse in Fredericas Heimatgegend, an eine Universität in Yorkshire, deren Rektor eine interdisziplinäre Konferenz zum Thema Körper und Geist vorbereitet. Der Zeitgeist gebiert derweil eine Anti-Universität, die sich mit Mao-Parolen, Zeltlagern, Haschischkeksen, Gewaltbereitschaft und Antifaschismusverve gegen das wissenschaftliche Establishment stellt. In einem alten Herrenhaus in der Nachbarschaft versammelt sich eine therapeutische Gruppe namens "Tiger des Geistes", die sich in bestürzender Folgerichtigkeit nach und nach in eine Sekte verwandelt. Ihr Führer ist ein von epileptischen Anfällen gebeutelter Mann mit schweren psychischen Beschädigungen und großem Charisma. Allein an dieser fesselnden Figur verhandelt Byatt detailliert die Themen Psychoanalyse und Therapie, Religion, Okkultismus, Wahn und Wirklichkeit. Die Gelassenheit, mit der die Autorin tief in die entlegensten Fachgebiete vordringt, ist ebenso beeindruckend wie ihre Gabe, dieses ganze Wissen souverän mit einer Geschichte und quietschlebendigen Charakteren zu verbinden.
Eine hybride Zeit, wie es die späten Sechzigerjahre waren, verlangt nach einer Chronistin, die bereit ist, sich dieser ausufernden Vielfalt zu stellen. Byatt – das ist deutlich zu spüren – quillt über vor Neugier. Wie ihre Figur der Frederica ist sie von einem körperlichen Genuss am Denken beseelt. Angesichts einer sprachlich vollkommen geglückten Romanszene empfindet Frederica , "was sie immer für ein Bild gehalten hatte – die feinen Härchen ihres Nackens sträubten sich und kribbelten in einer primitiven Reaktion auf kulturelle Vollendung, im Anerkennen des Geistes durch den Körper". Es ist, als erklärte Byatt die Wirkung ihres eigenen Schreibens.

Julia Kospach in FALTER 40/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×