Die Erfindung Indiens. Das Leben des Pandit Nehru

Shashi Tharoor, Peter Knecht


"Land des Pluralismus"

Der Schriftsteller Shashi Tharoor gilt als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge von Kofi Annan.

Schreiben oder Politik? Wer die Homepage von Shashi Tharoor besucht, muss sich entscheiden. Im linken Feld ist das Cover eines der Bücher abgebildet, die Shashi Tharoor geschrieben hat – das Bild führt zu Tharoors literarischer Tätigkeit als Schriftsteller, Essayist und Kritiker. Im Feld daneben findet sich ein Foto des Uno-Gebäudes in New York, dies ist Tharoors Arbeitsplatz. Hier begegnet man dem politischen Menschen Tharoor, einem Mann, der die Friedensmission im ehemaligen Jugoslawien koordiniert hat und der derzeit als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge Kofi Annans gilt.
Neun Bücher und unzählige Essays hat Tharoor geschrieben, sein Schwerpunkt war und ist Indien in all seinen Facetten. In "Bollywood" etwa, 1991 im Original, aber jetzt erst auf Deutsch erschienen, geht es um die indische Filmindustrie. Es ist ein heiter-deftiger Unterhaltungsroman über Ashok Banjara, Ministersohn und Schauspieler, den es auf abenteuerliche Weise in eine noch viel abenteuerlichere Filmproduktion und schließlich in die Politik verschlägt. Seine Geschichte und die Geschichte der Filme, in denen er mitspielt, fließen ineinander, irgendwann weiß man nicht mehr, was Leben ist und was Film. Mit diesem Kunstgriff bringt Tharoor das Wesen Bollywoods auf den Punkt: Die Filme gehören zur indischen Kultur in dem Maße, wie sie auf diese Kultur zurückwirken – etwa auf die Hochzeitszeremonien, die sich durch Bollywood verändert haben. Die Filmindustrie ist bei Tharoor nicht zuletzt eine Metapher für Indien, für die Werte, die das Kino vermittelt und schafft, für die Verflechtung von Politik und Wirtschaft und den Einfluss der Religionen.

Die Vielfalt ist es auch, die Tharoor immer wieder dazu bringt, sich mit Indien zu beschäftigen, dem Land der 17 Hauptsprachen und 22.000 Dialekte. Er selbst schreibt – wie viele indische Schriftsteller seiner Generation – auf Englisch. Tharoor wurde in London geboren, ging zum Studium nach Bombay, Kalkutta und Indien. "Indien ist, was Fragen der Zivilisation betrifft, eines der wichtigsten Länder der Welt. Es ist ein Land des Pluralismus, in dem jede Religion, jede Ideologie blühen und ihren Platz an der Sonne haben kann. Das ist es, wofür Indien seit 3000 Jahren steht", erklärt Tharoor im Falter-Interview. Er wird allerdings auch nie müde, die dunklen Seiten der indischen Partikularismen zu beschreiben. In seinem Buch "Eine kleine Geschichte Indiens" geht er hart mit jenen Hindu-Fundamentalisten ins Gericht, die seit den Neunzigerjahren für eine anhaltende Welle der Gewalt verantwortlich sind und für die Radikalisierung des Konflikts zwischen Hindus und Moslems.
Indien und die Religion, ein ewiges Thema. Deswegen hat Tharoor auch ein Buch über den ersten Premierminister Indiens geschrieben: Pandit Nehru, der an der Seite Gandhis für Indiens Unabhängigkeit kämpfte. Tharoor würdigt Nehru in seiner Biografie "Die Erfindung Indiens. Das Leben des Pandit Nehru" als jenen Staatsmann, "dessen kompromisslos säkularistische Haltung" den Grundstein des modernen Indien gelegt habe. Der "für ein pluralistisches Indien stand, das niemals auf ein Indien der Hindus reduziert werden würde".
Shashi Tharoor selbst war für den indischen Staatsdienst vorgesehen, als er zum Studium nach Amerika ging und mit 22 Jahren promovierte. Die indische Politik machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung. Es war die Zeit der Notstandsregierung Indira Gandhis, eines Systems, dem Tharoor nicht dienen wollte. 1978 bewarb er sich beim Uno-Flüchtlingshilfswerk und befand sich, als Leiter des UNHCR-Büros in Singapur, plötzlich mitten im Weltgeschehen. Der Vietnamkrieg war vorbei, und auf den Meeren trieben Tausende Flüchtlinge, "Boat People" aus Vietnam. Das sei der Punkt gewesen, als er bemerkte, was Politik auch bedeuten kann: Leben zu retten. In den Neunzigerjahren wurde Tharoor Sekretär Kofi Annans, seit 2002 leitet er die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit.
Und was hat nun mehr Einfluss auf die Welt, das Schreiben oder das Politikmachen? "Kurzfristig hat sicher die Politik mehr Einfluss, aber das Schreiben ist es, das länger überdauert."

Verena Mayer in FALTER 40/2006



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