Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart

Tony Judt


Gelobtes Europa

Tony Judt legt mit seiner "Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart" ein Standardwerk vor.

Es ist auch schon wieder fast 17 Jahre her, dass Tony Judt ausgerechnet in Wien die Idee zu diesem Buch hatte. Der angloamerikanische Historiker befand sich im Dezember 1989 in der österreichischen Hauptstadt, die für ihn ein gutes Beispiel war für den Mantel des Schweigens, den das Nachkriegseuropa über seine jüngere Vergangenheit gelegt hatte. Nun, durch die Umwälzungen in den kommunistischen Ländern des Ostens, war Wien plötzlich wieder in die Mitte Europas gespült worden.
Der 1948 in London geborene Judt, der seit 1995 das Remarque-Institut für Europäische Studien der Universität New York leitet, sieht in seinem Buch dementsprechend auch das Jahr 1989 als die epochale Zäsur für das Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst mit dem Zusammenbruch des Kommunismus sei die Nachkriegszeit tatsächlich zu Ende gegangen und habe für ganz Europa eine geeinte Zukunftsperspektive eröffnet, die auch den Blick freilegte für eine notwendige Neubetrachtung der Vergangenheit.
17 Jahre später hat sich Europa tatsächlich grundlegend gewandelt – und Tony Judt in der Zwischenzeit mit "Postwar" ein monumentales Werk erarbeitet, das nun auch in der deutschen Übersetzung vorliegt. Es stellt äußerst detailreich die unzähligen Entwicklungslinien der jüngeren europäischen Geschichte dar, vereint sie zu mehreren Hauptsträngen und ist dabei mitunter spannend wie ein Krimi. In vier Teilen, 24 Kapiteln und insgesamt auf rund tausend Seiten erzählt er die wechselvolle Geschichte des Kontinents von den Trümmerfeldern des Weltkriegs bis zum "Modell Europa". Und dieses Europa soll nicht trotz seiner dunklen Vergangenheit, sondern gerade wegen seiner ständigen Berufung auf die unsäglichen Verbrechen des 20. Jahrhunderts das geistig-moralische Vorbild für die Welt des 21. Jahrhunderts sein.
Für Judt, der selbst Jude ist, aber nicht an Kritik an der derzeitigen Politik Israels und der USA unter George Bush spart, ist die Anerkennung des Holocausts und das Eingeständnis von Schuld und Verantwortung aller am Genozid beteiligten Länder die Grundlage für den Eintritt ins neue Europa. Dennoch sei das Verdrängen und Vergessen der Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs in der "Stunde null" – die eben keine war, sondern vielmehr eine "kollektive Amnesie" – sinnvoll gewesen, um den geistigen und wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas voranzutreiben.

Eindrucksvoll schildert er die schmerzhaften, langwierigen und keinesfalls immer gelungenen Prozesse, die in den folgenden Jahrzehnten zur Klärung der Legenden der Nachkriegszeit in Deutschland und Österreich, Frankreich und den Niederlanden oder zuletzt Polen und Rumänien führten. Daneben betrachtet und bewertet Judt aber auch kulturelle Strömungen, erläutert wirtschaftliche Prozesse und lobt den europäischen Sozialstaat, der entgegen anderslautenden Prognosen kein Auslaufmodell sei und eine bessere Antwort auf die Ungewissheiten der Zukunft, als es das flexible, aber unsoziale System der USA sei.
Überhaupt kommen die USA in diesem Buch über die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, dem "amerikanischen Jahrhundert", erstaunlich selten vor. Judt erzählt eine genuin europäische Geschichte aus einer erstmals umfassenden europäischen Sichtweise. Denn anders als in vergleichbaren früheren, eher von den großen westeuropäischen Nationen geprägten Betrachtungen der Geschichte Europas wird gerade den kleineren Ländern und endlich auch Osteuropa ein angemessener Platz eingeräumt.
So wie sein Buch keine europäische Geschichte aus dem Blickwinkel einer Nation ist, ist das neue Europa für Judt auch nicht mehr ein Kontinent autonomer, selbstständiger Nationalstaaten, sondern wird von einer übernationalen Idee zusammengehalten, die ausgeprägten Separatismus und Konfrontationen zumindest in Westeuropa bereits wirkungsvoll verhindert. Dennoch müsse sich Europa seiner Vergangenheit immer bewusst sein und die verblassende Erinnerung an das Europa des 20. Jahrhunderts jeder Generation erneut vermitteln. Dieses Buch ist ein Anfang.

Andreas Bachmann in FALTER 40/2006



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