Licht auf zerborstenen Säulen

Attia Hosian, Anna Winterberg


Weg mit der Burka!

Attia Hosains einziger Roman behandelt Indiens steinigen Pfad aus patriarchalen Traditionen.

Ferne Länder zu Gast bei der Frankfurter Buchmesse zeigen immer auch den Eurozentrismus unseres Lektürekanons. Im Vorfeld profitiert die Gilde der Übersetzer, und bei exotischeren Sprachen können da schon Engpässe auftreten. Das ist im Fall Indiens weniger zu befürchten, eher die Konzentration auf indische Literatur in englischer Sprache, die unvergleichlich leichter zugänglich ist als jene in einer der 17 anderen offiziellen Landessprachen.
Aus dem Englischen übersetzt ist auch der einzige Roman der 1913 in Indien geborenen Attia Hosain, die von 1947 bis zu ihrem Tod 1998 in London lebte und als Journalistin arbeitete. "Licht auf zerborstenen Säulen", zuerst 1961 in England erschienen, führt ins Indien der Dreißigerjahre, wo die Autorin ihre Jugend verlebte.
Erzählt ist das Buch aus der Perspektive der heranwachsenden Laila; sie lebt inmitten einer reichen moslemischen Großfamilie, die den alten Traditionen der Feudalherrn verhaftet ist. Das sind keine guten Startbedingungen für eine Teilhabe am Aufbruch der Gesellschaft hin zu offeneren oder – wenn man will – auch deregulierten sozialen Verkehrsformen im Zuge der Kapitalisierung des Landes. Zwar wird der Großvater in seiner Funktion als Familienoberhaupt von einem etwas liberaleren Onkel beerbt, aber der Kampf zwischen Alt und Neu, Burka und Universitätszugang zerreißt die Familie quer durch die Generationen. Dazu kommen die ethnischen und religiösen Differenzen, die auf dem Weg zur Unabhängigkeit Indiens von der britischen Kolonialmacht gewaltsam aufbrechen und gewachsene Freundschaften und Bündnisse zerstören.
Doch diese politischen Entwicklungen bilden nur den Hintergrund für Lailas Versuch, ihren eigenen Weg zu finden – ein Unterfangen, das in gesellschaftlichen Umbruchzeiten stets mit besonders dramatischen Zäsuren verbunden ist. Dass ein junges Mädchen um das Recht auf Liebesheirat kämpft, dabei gegen versteinerte Konventionen, Vorschreibungen und Benimmregeln verstößt, dass der Patriarch der Familie noch am Totenbett die gesamte Familie bis ins letzte Glied in Angst und Schrecken versetzt, das alles klingt überraschend vertraut. Schließlich hatten die vielfältig literarisch verewigten Gründerzeitpatriarchen auch im Europa der Dreißigerjahre noch nicht allzu lange abgedankt.

Für Lokalkolorit sollen einige im Glossar erschlossene Ausdrücke sorgen, aber trotzdem will das Buch nicht recht überzeugen. Die dominierenden Dialoge schleppen sich dahin und wirken zum Teil genauso konstruiert wie die Komposition des Romans mit seiner eher schematischen Figurenanordnung. So wächst Laila mit ihrer Cousine Zahra auf, die in allem genau das Gegenteil Lailas verkörpert, also die Tradition widerstandslos fortzusetzen bereit ist, und Lailas vier Schulfreundinnen verteilen sich herkunftsmäßig strategisch auf die Lager radikale Muslimin, freisinnige Britin, Hinduistin und Degagierte.
Die Lebenswege der Mädchen kreuzen sich immer wieder und so entsteht gewissermaßen automatisch ein kursorischer Überblick über die Entwicklung der verschiedenen Strömungen. Mehr hätte man hingegen gerne erfahren von den eigentlich tragischen Figuren der älteren Generation, die von der Zeit überrollt und zerstört wurden wie die zerborstenen Säulen des einstigen Familiensitzes.

Evelyne Polt-Heinzl in FALTER 40/2006



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