Die Inder. Porträt einer Gesellschaft

Sudhir Kakar, Katharina Kakar


Wenn Indien das Land der Gegensätze ist, ein Kontinent mit verschiedensten Sprachen, Kulturen und Religionen – kann es dann so etwas wie eine gesamtindische Identität geben, einen kulturellen Teil der Psyche, der sogar die in Indien besonders starke Identität der Familie, Kaste, Klasse und ethnischen Gruppe überlagert? Es kann, behaupten der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar und die deutsche Religionswissenschaftlerin Katharina Kakar in ihrem Buch "Die Inder. Porträt einer Gesellschaft". Und man vermag ihren Ausführungen Glauben zu schenken.
Ecksteine der Analyse sind der hierarchische Charakter der indischen Gesellschaft, die ayurvedische Lehre vom Körper des medizinischen Systems sowie Mythen und Legenden – verwandt, aber nicht identisch mit dem Hinduismus als Religion. Im Fokus stehen dabei die Großfamilie und die Frage, welche Auswirkungen die Verbindung von großem "Abstand durch Macht" mit hoher "menschlicher Orientierung" auf moderne Arbeitsprozesse hat.
Obwohl eine zutiefst patriarchale Gesellschaft, übertrumpft in Indien die Kaste das Geschlecht – was unter anderem eine Premierministerin wie Indira Gandhi ermöglichte, aber auch zu unbarmherzigen Praktiken wie der Abtreibung weiblicher Föten oder Mitgiftmorde führt. Die Eigentümlichkeiten des Kastenwesens sind ebenso Thema wie Liebe und Sexualität zwischen Lingamverehrung, Kamasutra, Askese und neuzeitlicher Prüderie.
Breiter Raum wird dem Konflikt zwischen Hindus und Moslems gegeben, inklusive eines aufschlussreichen Psychoporträts des Hindunationalisten und seines Verhältnisses zu inhärenter Toleranz, Pluralismus und ethischem Relativismus, d.h. der Kontextgebundenheit seiner Religion. Kenntnisreich und fundiert kann man diese Studie auch als Hintergrundlektüre zu indischen Romanen wie Vikram Seths "Eine gute Partie" (siehe Rezension S. xx) empfehlen, die dem westlichen Leser die Eigenart der indischen Psyche auf literarische Art und Weise näherbringen.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 40/2006



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