Bombay Paradise

Vikram Chandra, Barbara Heller, Kathrin Razum


Godfather Goes Bollywood

Vikram Chandras monumentales Mafiaepos "Sacred Games" führt durch die Bandenkriege der Neunzigerjahre und durch das Niemandsland zwischen Gut und Böse.

Sartaj Singh ist ein indischer Polizist mit modischen Ambitionen. Für den Schnitt seiner Hosen, die er in einer exklusiven Boutique schneidern lässt, ist er stadtbekannt, und eine Frauenzeitschrift hatte ihn sogar einmal als "Bombays bestaussehenden Junggesellen" bezeichnet. Sonderlich gut läuft es allerdings in letzter Zeit nicht: "Er war über vierzig, ein geschiedener Polizei-Inspektor mit mittelmäßigen beruflichen Perspektiven." Trotzdem ist es Sartaj, der aufgrund eines anonymen Anrufs den Fang seines Lebens macht: Ganesh Gaitonde, der Godfather Bombays, Indiens meistgesuchter Gangsterboss, ist umzingelt. Er hat sich in einem Betonkubus verschanzt: Er kann nicht heraus, die Polizei nicht hinein. Doch aus dieser Pattsituation ergibt sich ein Gespräch zwischen Singh und dem Gangster, der sichtlich ein Bedürfnis hat, seine Karriere als Mafiaboss aufzurollen – bevor er sich eine Kugel durch den Kopf jagt.
Vikram Chandras "Sacred Games" (2006), auf Deutsch in den zwei eigenständigen Teilen "Der Gott von Bombay" beziehungsweise "Bombay Paradies" erschienen, ist ein rund 1400 Seiten starkes Epos, an dem Chandra, einer der führenden Schriftsteller des Landes, acht Jahre lang geschrieben hat. Er soll für das Buch den sagenhaften Vorschuss von 1,3 Millionen US-Dollar erhalten haben. "Dieses Buch hat alles, vielleicht ein bisschen zu viel von allem", schrieb der britische Guardian. Und Chandra selbst hat in einem Interview ironisch angemerkt, es handle sich um einen "slow moving thriller".
Geschickt verbindet Chandra in seinem prallen Roman verschiedenste Genres, schlägt einen Bogen von der tristen Realität eines indischen Polizisten bis zur Film-Traumwelt von Bollywood (in das die Mafia investiert, um ihr Geld zu waschen). Vom Slum bis zum Cyberspace: In der Beschreibung des Molochs Bombay prallen die Gegensätze hart aufeinander. In den späten Neunzigerjahren, jener Zeit, in der die Geschichte angesiedelt ist, waren die Zeitungen voll mit Berichten über brutale Bandenkämpfe. Fast täglich starb jemand infolge dieser Rivalitäten. Chandra nimmt Bombays Unterwelt in dieser heißumkämpften Phase unter die Lupe – und verknüpft seine Mafiastory mit dem international-fundamentalistischen Terrorismus. Wie er Tradition und Moderne amalgamiert und ihm dabei stringente Charakterporträts gelingen, gehört zu den Stärken des Buches. Ob es nicht ein bisschen kürzer auch gegangen wäre, ist eine andere Frage. Trotz der Materialfülle behält der Autor jedenfalls stets den Überblick, was vielleicht auch daran liegt, dass das Buch letztendlich entlang zweier Handlungsstränge recht konventionell erzählt wird.
Vikram Chandra ist ein Kind Bollywoods und ein Pendler zwischen den Welten: Er wurde 1961 in Neu Dehli geboren, ist in Bombay aufgewachsen, studierte in den USA. Fast jeder in seiner Familie ist im Filmbusiness involviert: Seine Mutter schreibt Stücke und Drehbücher für Hindi-Filme, seine Schwester arbeitet als Regisseurin und Filmkritikerin, und auch Chandra hat einige Drehbücher verfasst. Mittlerweile lebt er abwechselnd im kalifornischen Berkeley, wo er creative writing unterrichtet, und in Bombay. Gerade diese Pendelbewegung gibt auch seiner Literatur einen speziellen Kick, die indischen Erzählreichtum mit amerikanischer Trivialkultur verbindet: Godfather goes Bollywood.
Immer handelt das Werk auch davon, wie schwer sich Gut und Böse voneinander trennen lassen. Unbestechliche Bullen gibt es nicht. Chandra hat in einem Interview dazu eine Anekdote erzählt: "Ich fragte einmal einen recht erfolgreichen Polizisten in Bombay: ,Gibt es saubere Polizisten?' Worauf er antwortete: ,Wenn ein Polizist sauber ist, dann ist er einfach nicht besonders erfolgreich'."

Karin Cerny in FALTER 40/2006



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