Das Echo der Erinnerung

Richard Powers, Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié


Hirnschmalz galore

Richard Powers hat in "Das Echo der Erinnerung" wieder jede Menge gewichtige Themen hineingepackt – unter anderem die Ökologie, den Krieg gegen den Terror und die Hirnforschung.

Die geografische Mitte der USA liegt in Kearney im Bundesstaat Nebraska. Nur weil dort jedes Jahr die Kraniche auf dem Weg in ihre Brutgebiete Station machen, darf man dieses Kaff nicht vollkommen trostlos nennen. Kearney ist der Schauplatz von Richard Powers' neuem Roman, ein Schmöker wie der hochgelobte und außerordentlich erfolgreiche "Klang der Zeit", im Gegensatz zum Vorgänger jedoch ein geradezu familiäres Kammerspiel. Mit vergleichsweise wenigen Figuren entwirft Powers ein Genrebild der USA unserer Jahre, zerrissen zwischen äußerer Stärke und inneren Konflikten, religiösem Fundamentalismus und wissenschaftlicher Euphorie, dem Glanz der Metropolen und der Depression der Provinz.
Die Depression der Provinz: Gleich zu Beginn des Romans verunglückt Mark Schluter auf der nächtlichen Landstraße nicht weit vom heimatlichen Kearney mit seinem Pick-up. Ein Opfer der Raserei? Des Alkohols? Irgendwelcher Pillen? Er ist bewusstlos in das Wrack eingeklemmt, und dass er seine schweren Hirnverletzungen überhaupt überlebt, verdankt er einer bis kurz vor dem Ende des Romans unbekannten Figur, die die Rettungskräfte alarmiert.
Die Klinik macht Marks Schwester Karin ausfindig, die sich schon vor Jahren aus Kearney davongemacht hat, nun aber alles liegen und stehen lässt, um ihrem Bruder zu helfen. Doch als der so langsam aus dem Koma erwacht, zeigt sich ein gespenstisches Krankheitsbild: Er erkennt seine Schwester, aber er erkennt sie nicht als seine Schwester – vielmehr unterstellt er ihr, seine wirkliche Schwester perfekt zu imitieren. Je weiter er wieder zu Bewusstsein kommt, umso absonderlicher werden die Verschwörungstheorien, die er entwickelt. Außerdem findet sich auf dem Nachttisch in der Klinik ein Zettel rätselhafter Herkunft, auf dem mit krakeliger Schrift eine kryptische Botschaft geschrieben steht.
Diese Ingredienzien würden als Krimi-Plot taugen, haben hier aber auch die Funktion, den Roman als Ganzes in Bewegung zu halten. Denn parallel erzählt Powers die Geschichte von Marks wahnhafter Persönlichkeitsveränderung, und auf dieser Ebene geht es um viel grundsätzlichere Dinge: zum Beispiel um die Frage, wie das Nervengewebe des Gehirns Bewusstsein und Persönlichkeit hervorbringt oder auf welche Weise und wie weit in solche Prozesse mit Psychotherapien oder Psychopharmaka eingegriffen werden darf. Wie nimmt das Gehirn unsere Erfahrungen auf? Was davon wird zensiert, gelöscht oder als Erinnerungen aufbewahrt? Und was bedeutet das alles für die Konstruktion eines Individuums?
Hauptperson dieses Handlungsstrangs ist Professor Weber, ein von Karin beigezogener Experte. Er vermutet, dass Mark an einer seltenen Krankheit namens Capgras leidet, bei der sich die Patienten zwar problemlos in ihrer Umgebung orientieren können, denen aber gerade jene Menschen fremd werden, die ihnen eigentlich besonders nahe stehen müssten. Angesichts der verletzungsbedingten Veränderung von Marks Person liegt also die Vermutung nahe, dass diese emotionalen Bindungen in prinzipiell lokalisierbaren Bereichen des Gehirns abgelegt sind.
Mit der Krankheit ihres Bruders konfrontiert, entwickelt Karin ungeahnte Kräfte. In Windeseile informiert sie sich über neueste Erkenntnisse der Hirnforschung, die ihrem Bruder helfen könnten. Sie geht ein Zweckbündnis mit dessen Kollegen aus der Fleischfabrik und auch mit seiner etwas ordinären Geliebten ein. Bei einem ihrer Jugendfreunde, der als überzeugter Veganer in der Umweltbewegung kämpft, findet sie Unterschlupf, betrügt ihn aber auch ein bisschen mit einem anderen Jugendfreund, der dummerweise mit jenen Immobilienprojekten sein Geld verdient, die den Kranichen in Kearney die Nistplätze wegbetonieren. Ist da nicht ein bisschen viel Aktualität hineingepackt? Dabei war noch gar nicht von Barbara die Rede, jener wunderbar einfühlsamen und auch in erotischer Hinsicht nicht unüblen Schwesternhelferin, die wie ein Engel durch die Handlung schwebt und dabei nicht nur dem schwerverletzten Mark viel Gutes tut ...

Powers Romane beanspruchen auf altmodische Weise enzyklopädische Gelehrsamkeit und haben keine Probleme mit geradezu märchenhaft begabten Figuren, denen auf eher unwahrscheinliche Weise (fast) alles glückt. Für Leute, die damit überhaupt nicht klarkommen, gibt es genug anderen Lesestoff. Aber sie sollten wenigstens einen Versuch mit Powers wagen. In die tragisch-dramatische Handlung seiner Schmöker sind essayistisch-reflexive Inseln eingelassen, die mit nicht immer überraschenden und originellen Argumenten aufwarten – über die Hirnforschung als Leitwissenschaft der Gegenwart, über den Antagonismus von Ökonomie und Ökologie, aber auch über Bushs "Krieg gegen den Terror". In diesen Partien bilden sich sehr präzise politische Stimmungen, intellektuelle Moden, populäre Weltentwürfe ab.
Ein fatales Missverständnis wäre es freilich, wollte man aus diesem Roman etwas über die Gegenstände lernen, die von seinen Figuren verhandelt werden. Powers vermag seine Figuren in ihrer ganzen Vielschichtigkeit, in ihren komplizierten Beziehungen und am Ende in ihrer sozialen und politischen Lage darzustellen – man wird nur schwer einen anderen Autor finden, der es ihm darin gleichtut. Wenn man aus solcher Literatur etwas lernen kann, dann ist es die Kunst, die Träume und Obsessionen, die Brüche und Dynamiken einer Gesellschaft zu beobachten. Die Mitte der USA liegt in Nebraska. Und Nebraska ist überall.

Tobias Heyl in FALTER 40/2006



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