Zeit. Der Stoff aus dem das Leben ist. Eine Gebrauchsanleitung

Stefan Klein


Macht des Zeigers

Bestsellerautor Stefan Klein plädiert in seinem jüngsten Buch für eine neue Kultur der Zeit.

Wenn man mit einem netten Mädchen zwei Stunden zusammen ist, hat man das Gefühl, es seien zwei Minuten; wenn man zwei Minuten auf dem heißen Ofen sitzt, hat man das Gefühl, es seien zwei Stunden." So erklärte Albert Einstein einmal die Relativität der Zeit, also ihre Abhängigkeit vom Zustand des Beobachters. Mit seiner Entdeckung löste der Physiker die Vorstellung einer "absoluten Zeit" auf, wie sie Isaac Newton 200 Jahre vor ihm erkannt haben wollte.
Einen Zeittakt für alle gibt es nicht. Doch Newton und die Zeiger der Chronometer beherrschen noch das allgemeine Zeitverständnis. "Mehr oder weniger bewusst glauben wir alle, dass der Takt einer geheimnisvollen kosmischen Uhr unser Leben bestimmt", schreibt der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein. Die kosmische Uhr will der Autor der internationalen Bestseller "Die Glücksformel" und "Alles Zufall" in seinem neuen Buch über den "Stoff aus dem das Leben ist" zwar nicht vollends abschaffen, doch er plädiert für einen bewussteren Umgang mit der Zeit.
Der Autor setzt auf ein bewährtes Erfolgskonzept: Wie bei der Suche nach der Glücksformel überlässt der promovierte Biophysiker auf der Suche nach jenen Zeit-Phänomenen, die sich der Messung in Minuten und Stunden entziehen, den Neuro- und Naturwissenschaften viel Platz. Gewohnt anschaulich, flott und anekdotenreich beschreibt Klein die Entstehung der inneren Zeit. Das Buch beantwortet die großen Fragen, die sich fast jeder von uns schon gestellt hat – warum etwa die Zeit einmal rast, dann wieder kriecht oder warum die Jahre mit dem Alter immer schneller vergehen.
Besonders unterhaltsam sind die Kapitel über das "reichlich wackelige Konstrukt", wie der Mensch Zeit wahrnimmt. Beispielsweise die Tricks, mit denen das Gehirn die unterschiedliche Trägheit der Sinne kompensiert und uns Echtzeitwahrnehmung vorgaukelt, obwohl die Gegenwart eigentlich schon bis zu dreißig Sekunden alt ist. Umfassend recherchierte Versuchsbeispiele aus der Vergangenheit und kleinere Selbstexperimente als Angebot an den Leser untermauern Kleins Botschaft: "Das Jetzt, wie wir es wahrnehmen, ist eine Illusion."

Keine Einbildung ist hingegen die zunehmende Beschleunigung des Alltags seit der Uhrenpropaganda Ende des 19. Jahrhunderts, damit auch zunehmender Stress als Ausdruck des Zeitmangels und einer gesellschaftlichen Dauerkrankheit. Doch was ist der richtige Umgang mit der Zeit? Dass auch diese Frage Antworten findet, darauf verweist bereits der Untertitel des Buches. Irritierend wirkt dabei allerdings die Häme, die Klein zunächst den unzähligen Zeit-Ratgebern in den Buchhandlungen sowie entsprechenden Managementseminaren entgegenbringt. Denn Kleins "Gebrauchsanweisungen", die teilweise an die Kapitel angehängt sind und überflüssigerweise noch einmal im 6-Schritte-Programm im Epilog vermittelt werden, liefern auch nicht viel Neues.
Nach "Glück" und "Zufall" hat Klein ein weiteres populäres Thema populärwissenschaftlich routiniert aufgearbeitet. Mehr aber auch nicht. Und sicher ist: Die Lektüre wird nicht viel Zeit kosten.

Lena Yadlapalli in FALTER 40/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×