Johanna

Felicitas Hoppe


Ängste, Späße und Neurosen

Die satzverliebte Felicitas Hoppe bringt in "Johanna" die gleichnamige Jungfrau von Orleans zum Swingen.

Damen und Herren! "Von der Revolution zu Napoleon, das ist ja nur ein Gedankensprung." "Sie lieben das Einfache, kann das sein?" "Ich stehe wie in den Boden geschraubt, so kommen wir nie über die Schwelle." "Johanna brennt, und ich schwimme." "Wozu also beten, wir können ja singen."
Das sind nur einige der Sätze und Satzmuster, die Felicitas Hoppe in vielfacher Variation in den Text ihres neuen Buchs hineinwebt. Manchmal sind es Sentenzen, tiefe oder scheinbare Weisheiten, manchmal Witze, flotte Sprüche, manchmal nur Scharniere, um im Text weiterzukommen. Natürlich erzählt die Autorin auch Geschichten – und, nebenbei, eine "große", altbekannte Geschichte: die von der Heiligen Jeanne d'Arc, der kriegerischen Jungfrau, an der sich vom guten Schiller über den Schlachthaus-Brecht bis zu George Bernard Shaw schon viele versucht haben. Die dicht gestaffelte Reihe von Vorläufern ist Hoppe freilich egal, sie braucht derlei Anknüpfungspunkte nicht. Zuweilen hat man sogar den Eindruck, sie bräuchte nicht einmal Johanna, um ihre Arabesken anbringen zu können. Arabesken, oder genauer: Satzperioden, denn mit Sentenzen und Formeln allein ist es nicht getan, die Sätze müssen fließen, wie schon Cicero bemerkte. Sie müssen eine Spannung aufbauen, das Ende hinauszögern und es im richtigen Augenblick dann doch eintreten lassen. Das kann man auch Swing nennen, und davon haben die Hoppe'schen Sätze in der Tat reichlich. Das hat, wie gesagt, mit den Satzperioden zu tun, die meistens die Harmonie des Dreischritts suchen, den Goldenen Schnitt der Rhetorik; aber auch damit, dass der Roman vom ersten bis zum letzten Satz von einem daktylischen Metrum unterspült wird, dem traditionellen Erzählbeat, der es Hoppe erlaubt, darüber die Girlanden rhythmischer Freiheit wirbeln zu lassen.
Dazu passt Hoppes Humor, den man versucht ist, "weiblich" zu nennen, und wenn nicht, dann: übermütig, zart, ergiebig. Sprudelnd. Märchenhaft. Denn die Geschichten und die Geschichte sind nie vollkommen ernstzunehmen oder eben so ernst wie ein Märchen mit magischen Zahlen – der Sieben, der Zwölf, der 880 –, mit Königen, Bischöfen, Schreibern, Mundschenken, Kutschen, Kronen, Scheiterhaufen, Bademeistern, bärtigen Männern, mit Archetypen wie aus der Zeit der Meistersinger, auch wenn sie plötzlich im 21. Jahrhundert dastehen. Der Anachronismus, das zirkushafte Hin und Her zwischen den Zeitebenen und Wirklichkeitsgraden, ist wesentlich, ein schnippische Präsens und ein staunendes Imperfekt tanzen bei Hoppe Ringelreih.

Wer nun so ein Buch als historischen Roman liest, ist auf der falschen Spur. Was er über die Jungfrau erfährt, ist nicht mehr als das, was er in dem – auch recht ulkig geschriebenen – Eintrag in Wikipedia findet. Hoppe spielt mit einer überschaubaren Zahl an historischen Elementen, und es geht ihr nicht einmal darum, Erkenntniszweifel zu formulieren. Wen kümmert's, ob wir was wissen können oder nicht, Hauptsache die Daten mitsamt ihrem Täuschungskoeffizienten und ihrem (fallweise) Wahn eignen sich zum ästhetischen Spiel: "Damit jeder von uns endlich sagen darf, an welche Rose er glaubt." Tatsächlich ist "Johanna" ein Buch über die Ängste, Späße und Neurosen von Studiosi, habilitierten wie nochnichthabilitierten, und über Reisen, bei denen man immer fürchten muss, dass sie ins Nirgendwo führen, aber darauf kommt es nicht an. Und worauf kommt es eigentlich an? Heilige Einfalt!

Leopold Federmair in FALTER 40/2006



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