Leute von Welt

Philipp Tingler


"Wirklich amazing!"

Philipp Tingler, in der Schweiz lebender Berliner, über Wiener Charme, Äußerlichkeiten, Elfriede Jelinek und Filmkunst mit Barbra Streisand.

Dass Philipp Tingler einen personal trainer beschäftigt, ist nicht zu übersehen. Auf dem Coverfoto seines neuen Buches "Leute von Welt" sitzt er mit Bizeps, Tanktop und Trainingshosen, sogenannten fat pants, auf einem Sofa. Ist das jetzt eitel, ironisch oder ein prima Trick? Gute Verpackung, aber auch guter Inhalt? Tingler findet man entweder ganz schlimm oder man mag seine Texte einfach. Dazwischen gibt's nichts. Zum Glück für den schnellen Berliner, der in der gemächlichen Schweiz lebt und mindestens so scharf formuliert wie er aussieht, liebt ihn seine Leserschaft mehr als viele Kritiker. 2001 trat Tingler beim Bachmann-Preis an, rasselte bei der Jury durch und verarbeitete die Klagenfurter Erlebnisse im grandios witzigen Tagebuchroman "Ich bin ein Profi". Der 34-jährige Wirtschaftswissenschaftler kolumniert und schreibt für das Magazin des Tagesanzeigers, für Facts, Weltwoche, Neon oder Welt am Sonntag. "Leute von Welt", sein viertes Buch, besteht größtenteils aus bereits Erschienenem. Es geht um Britney Spears und Thomas Mann, um Luxus, Bel Air und den Rest der Welt, klug, gut beobachtet und very bitchy. Wenn Tingler nicht gerade an seiner Dissertation ("Thomas Mann und Immanuel Kants transzendentaler Idealismus") arbeitet, schaut er Sitcoms, häuft Muskelmasse an oder geht shoppen. Unlängst weilte er mit Lebensgefährten Rich in Wien – auf Einladung des Tourismusverbandes, um etwas über den Wiener Charme zu erfahren, und um den Falter im Café Korb zu treffen.

Philipp Tingler: Wir wirken heute nicht so dynamisch.
Falter: Wieso, was war denn gestern?
Gar nichts. Das Hotel Imperial. Die haben da so ein Champagner-Menü, bei dem man zu jedem Gang einen anderen Champagner bekommt. Man wird auf diese Weise wahnsinnig betrunken, es ist wirklich amazing!
Sie haben das Café Korb vorgeschlagen, wieso?
Rich und ich waren schon mal in Wien. Damals habe ich die österreichische Generalkonsulin in Zürich, die eine Freundin ist, gefragt, wo wir hingehen sollen. Sie hat uns das Korb empfohlen. Sie hat mir auch freundlicherweise einiges an Material zukommen lassen, darunter auch den Falter mit der Geschichte über den Charme. Deswegen war ich auch froh, Sie zu treffen. Ich wusste, dass Sie sich mit dem Thema beschäftigt haben. Charme ist offenbar ein Herzensanliegen der Republik Österreich, vielleicht um zu verhindern, dass man sofort an sowas Entsetzliches wie Adolf Hitler denkt, wenn man Österreich hört ...
Das Imperial war angeblich Hitlers Lieblingshotel in Wien.
Wahrscheinlich Zimmer Nummer 230, in dem wir abgestiegen sind. Just kidding.
Wer Ihre Bücher liest, bekommt den Eindruck, dass Sie da Ihr Privatleben ausbreiten.
Ist das nicht schön? Das macht's doch irgendwie auch so interessant. Viele Konversationen zwischen Rich und mir haben so stattgefunden. Gewisse andere Sachen werden dann im Nachhinein ausgebügelt, verstärkt oder abgeschwächt. Das ist ja das Schöne am Schreiben: Man kann die Wirklichkeiten ein bisschen korrigieren und also erledigen. Mit dem treffenden Wort. Andererseits könnte ich mir nichts ausdenken, ohne dass ich einen Anlass in der Wirklichkeit habe. Das ist so die Form von Literatur und auch Fernsehen, die mich am meisten interessiert. Die Möglichkeit der Identifikation ist meines Erachtens irre wichtig, damit ich mich als Leser oder Zuschauer für irgendwas interessiere. Was mich nicht interessiert sind irgendwelche Innerlichkeiten oder hermetische Reflexionen, die dann auch noch als Literatur angeboten werden – eine Frechheit. Ich selbst schreibe eher extrovertiert, habe immer einen Bezug zu gesellschaftlichen Phänomenen. Nicht im Sinne abstrakter Gesellschaftskritik, sondern von Interaktion und Dialogen.
Nervt es die Kritiker, dass es bei Ihnen nur um "Äußerlichkeiten" geht, um Celebritys, Labels und Marken?
Wenn es nur darum ginge, würde mich das auch nerven! Das Problem ist ein anderes: Bestimmte Sachen dürfen in der deutschsprachigen Literatur offenbar nicht vorkommen, weil eine derartige Belletristik dann von irgendwelchen Feuilletonisten sofort abqualifiziert wird. Als Unterhaltungspop oder was auch immer. Zu diesen verbotenen Dingen gehören die von Ihnen erwähnten Phänomene sowie Humor. Manche Kritiker fühlen sich von meinen Hervorbringungen geradezu persönlich angegriffen, können aber ihre Aversion nicht sprachkritisch begründen, weil meine Schöpfungen sprachlich eine gewisse Qualität haben. Also kommen sie mir mit Moral und weiß Gott was und entdecken in meiner Prosa diskriminierende und diffamierende Menschenbilder, weil ich halt darüber schreibe, wie Leute aussehen. Doch diese Tradition, zu beobachten, wie Leute sich präsentieren und daraus Rückschlüsse auf deren Innenleben zu ziehen, die ist ja nicht die schlechteste. Die französische und angelsächsische Gesellschaftsprosa lebt davon, aber im deutschen Kulturraum ist die Gesellschaftsprosa mit Thomas Mann abgetreten. Einerseits ist sie natürlich unterhaltsam, andererseits kann man mit ihr auch zu tieferen Einsichten über den Menschen und seine Antriebe vordringen. Diese Perspektive ist aber nur auszuhalten, wenn auch das erzählende Ich sich selbst nicht verschont. Natürlich ist das selbstverliebt – Selbstironie ist ja auch eine Form von Selbstobsession. Aber die einzig erträgliche.
Sie meckern ja gerne mal über allgemein anerkannte Säulen der Kultur, zum Beispiel gegen Christo oder Elfriede Jelinek.
Ja, das zählte damals zu jenen seltenen Momenten, in denen ich mal mit meiner Mutter einer Meinung war: Wie diese Frau sich benommen hat, als sie den Nobelpreis bekam! Also nicht meine Mutter, sondern die Jelinek. Da kriegt die einen Preis, und dann geht die nicht zur Feier – aus Angst vor Menschen! Damit ist doch schon alles gesagt. Und bedankt hat sie sich auch nicht! Keine Manieren!
Da ist jetzt aber schon ein bisschen Provokation dabei?
Was hab ick davon, wenn der Reichstag einjepackt wird? Was soll das? Das ist so was wie eine Bastelarbeit oder Rummelplatzattraktion, aber keine Kunst. Eventuell habe ich ein wahnsinnig altmodisches Kunstverständnis. Jedenfalls ein bürgerliches. Wenn ich mir denke: "Das kann ich auch!", dann ist das keine Kunst. Es gibt dann auch immer diese Debatten, man könne das alles schwer beurteilen. Total bullshit! Man kann zum Beispiel sehr einfach gute von schlechter Literatur unterscheiden. Nicht nach dem, was inhaltlich verhandelt wird, sondern schlicht nach der sprachlichen Qualität. Sie müssen ungefähr drei Sätze lesen, um gute von schlechter Literatur zu unterscheiden. Mir selbst wird ja gelegentlich vorgeworfen, dass ich zu viele Adjektive benutze. Ich finde, wenn jemand nicht in der Lage ist, irgendwelche Dinge mit Eigenschaften zu charakterisieren, dann kann der noch so löbliche inhaltliche Absichten haben, das ist einfach keine Literatur. Das ist dann so ein moralisches Pamphlet.
Gerade ist Ihr neues Buch erschienen, Sie arbeiten auch an einem Theaterstück. Gehen Sie denn ins Theater?
Ich habe total reaktionäre, stockkonservative Vorbehalte gegen das, was man modernes Regietheater nennt. Ich finde, dass Theater – wie Kunst überhaupt – in erster Linie unterhaltsam sein sollte. Alles was man sonst noch erreichen möchte, Botschaften, Bewusstseinsveränderungen, das geht sowieso nur, wenn's nicht langweilig ist. Damit meine ich nicht, dass man sich die ganze Zeit auf die Schenkel schlägt und lacht. Unterhaltsam ist für mich das Gegenteil von langweilig. Auch etwas Tragisches kann unterhaltsam sein. Inspirationsquellen für mein Theaterstück sind einerseits das Konversationstheaterà la Oscar Wilde, bei dem der Witz im Dialog liegt, andererseits so Meilensteine der Filmkunst wie "Hasch mich, ich bin der Mörder" mit Louis des Funès. Oder "Is was, Doc?" mit Barbra Streisand, der einzig gute Film mit Barbra Streisand. In meinem Theaterstück gehen andauernd Türen auf und zu, und es gibt 17.000 Komparsen, die ihre Auftritte haben.
Gibt es auch schon einen Titel?
Ich will, dass es "Leicht zu lieben" heißt.

Christopher Wurmdobler in FALTER 40/2006



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