Alpenkönig und Menschenfreund

Austrofred


Die Socke in der Hose

Austrofred, Österreichs bekanntester Freddie-Mercury-Impersonator und selbsternannte Austropopikone, macht mit seiner amüsanten und höchst fiktionalen Biografie eines klar: Realität ist nicht, sondern man erschafft sie.

Elegant wie bei Groucho Marx von den Marx Brothers ziert der Schnauz Austrofreds Oberlippe. In diesem Fall: geklebt und nicht gemalt. Sonst aber hat der Wiener Künstler Franz Wenzl seine Kunstfigur durchaus mit kühnem Strich angelegt. Der Austrofred ist nämlich der einzige wirkliche Austropopstar. Zumindest auf dem Papier. "Alpenkönig und Menschenfreund" nennt sich die eben erschienene semifiktionale Biografie jener Figur, die seit 2001 als Freddie-Mercury-Impersonator durch die Lande zieht und bei ihren Einmannshows alte Queen-Hadern "inhaltlich in eine ganz neue Dimension transferiert, indem man auf Österreichisch drübersingt". Den Inhalt, also die Texte, besorgt er sich bei alten Austropophits oder schreibt sie selbst und legt sie über Coverversionen bekannter Queen-Songs ("Hitradio Gaga"). Musikalisch unspektakulär, flotter Electropop - was zählt, ist die Performance. Und gespielt wird überall: In Szeneinstitutionen wie dem Wiener Flex genauso wie auf Feuerwehrfesten.

"Entstanden ist das Ganze eigentlich aus einem Jux", erzählt Wenzl, der bisher mit einigermaßen versponnenen Kunst-Pop-Projekten wie etwa Gelée Royale aufgefallen ist. Seine aktuelle Combo nennt sich Kreisky. Als Privatperson ist er sonst unauffällig. Allerdings: Ganz klar ist auch im Gespräch nicht immer zu erkennen, wann der Franz Wenzl und wann der Austrofred spricht. Die beiden scheinen seltsam miteinander verwachsen zu sein. So gibt die vorliegende Vita des Austrofred, erschienen im weststeirischen Verlag Edition Kürbis, autobiografische Eckdaten des Franz Wenzl wieder, wie etwa seine oberösterreichische Herkunft, greift aber größtenteils auf die realen Erlebnisse der Kunstfigur zurück, die ungeniert verändert, beschönigt oder nach Bedarf erweitert werden. Da macht auch notorischen Buchverweigerern das Lesen Spaß.

Der Austrofred ist eine überlebensgroße Pose. Und wahrscheinlich die Rolle des Lebens für Franz Wenzl. Noch nie war zelebrierter Größenwahn so sympathisch. Trotzdem ist der Austrofred ein "grader Michel" geblieben. Das versichert uns zumindest die Biografie. Und in dieser spricht ausschließlich Austrofred: unpathetisch, authentisch, gerade heraus, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Stilistisch teilweise mit einer seltsam anmutenden Naivität und neurotischen Direktheit, wie sie sonst in den Kriminalromanen eines Helge Schneider zu finden ist. Auch die Grundkonstuktion der Kunstfigur ist nicht ganz ohne Widersprüche. Zwar wird der Austrofred einerseits nicht müde, sein Rockstartum zu betonen, andererseits kann er sich - wie in der 2005 erschienenen Tourdoku "Giving Gas" zu sehen - nicht einmal ein Hotelzimmer leisten. Und sein "Tourbus", ein Opel Astra, pfeift schon dermaßen aus dem letzten Loch, dass die Motorhaube mit dem Mikroständer hochgehalten werden muss. Der Austrofred ist ein Gespaltener: Der in Wien lebende Oberösterreicher, ein gelernter Speditionskaufmann - "mir war zu der Zeit schon komplett klar, dass ich auf die Bühne gehöre, und zwar nicht auf die Hebebühne eines Iveco-Sattelschleppers, sondern auf die Rockbühne" -, ist ein vom Ruhm verwöhnter Popstar, zumindest in der Eigenwahrnehmung. Und gleichzeitig eine armselige Musikerfigur aus der Provinz

Das riecht natürlich auch nach den Kabarett-Prollgestalten, wie sie ein Roland Düringer gerne erschafft, nur mit dem einen entscheidenden Unterschied: Der Austrofred ist ein Sympathieträger. Gefangen zwar in seinen Zwängen und Nöten, gebeutelt und infiltriert von der Provinz, aber dennoch höchst integer und voll Stolz auf sein Können. Im Prinzip ist der Austrofred ja auch ein Appell an die Fantasie: Als Freddie-Mercury-Kopie durch die Lande zu tingeln hat etwas zutiefst Tragisches, mit ein wenig Verklärung kann man der Sache auch einen glamourösen Aspekt abgewinnen. Trotz enger Jogginghosen, trotz schwer trashiger Ledermontur. Eine Socke in der Hose scheint auch aus dem Gemächt des "Champion", mehr zu machen als es eigentlich hergibt. Das Selbstverständliche relativieren, das Banale verzaubern. Und so wird in seiner Bio die mühsame Fahrt zu einem Konzert eben der "Transport der verschiedensten Soundtools und Showelemente". Betont wird - das gilt für sämtliche Aspekte seines Lebens - das Positive: "Es ist heute nicht mehr so wie vor ein paar Hundert Jahren, wo du für ein Konzert noch zu Fuß von Salzburg nach Wien gegangen bist mit deinem Equipment im Leiterwagerl."

Nicht zufällig deckt sich der Größenwahn des Austrofred auch mit jenem längst verblichener Heroen des Austropop, an denen der Zahn der Zeit gnadenlos genagt hat, deren letzter Hilfeschrei der Ruf nach der österreichischen Quote im öffentlich-rechtlichen Rundfunk war. In diesen Kanon stimmt - wenn auch ironisch zu lesen - der Austrofred ein: "Auf tausend Austrofred-Fans kommt ein vollkommener Musikbanause. Aber genau der eine Dodl arbeitet garantiert in der ORF-Kulturredaktion", schreibt er in seinem Buch.

Arroganz ist dem Austrofred dennoch fremd, er schildert einfach ungeniert, wie das Leben eines Rockstars ausschaut. Und so schmeißt er sich nach dem Konzert backstage auf die Chaiselongue, trinkt "ein erholsames Hülserl" und lässt sich "von einem Flex-Hackler die Stirn abtupfen". Mit einer geradezu unverschämten Nonchalance biegt er das, was er Revue passieren lässt, so zurecht, dass es in sein Selbstbild passt: ein erfolgreicher Austropopstar ohne Fehl und Tadel zu sein.

Franz Wenzl hingegen ist ein schüchterner Mensch. Wie ein Superheldenkostüm funktioniert die Austrofred-Tracht für ihn. Denn dem Unterleiberlträger Austrofred scheint nichts peinlich zu sein. "Schon gar nicht auf der Bühne", sagt Wenzl. Wie ist sein Verhältnis zur Kunstfigur? "Es gibt eine emotionale und eine ironische Bindung." Und diese emotionale Bindung sorgt wohl auch dafür, dass die Figur nicht hoffnungslos ins Kabarettfach hineinschlittert. Selbst im harten Rockbiz steht die Rampensau zu ihren Gefühlen. In den wenigen Momenten - nach einem Konzert beispielsweise -, wenn er sich der Realität stellt: "Nur ein ganz schmaler kalter Scheinwerferstrahl tanzt noch mit dem Austrofred und erwischt dabei eine winzige Träne, wie sie ihm über seinen einsamen Schnurrbart rinnt."

Tiz Schaffer in FALTER 39/2006



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