Der fliegende Berg

Christoph Ransmayr


Die Vermessung der Welt II: Christoph Ransmayr schickt ein irisches Brüderpaar in den Transhimalaja, um dort den letzten weißen Flecken auf der Weltkarte zu finden.

Christoph Ransmayr ist ein beharrlicher Entdecker und Erfinder letzter Welten. Echte Wüsten und Eiswüsten, Einöden und entlegene Exile wechseln sich in seinem Werk ab, selbst das an sich nicht ganz unpittoreske Salzkammergut, in dem der 1954 in Wels geborene Schriftsteller aufgewachsen ist, wird in "Morbus Kitahara" – gemäß der alternate history eines verwirklichten Morgenthau-Plans – ins vorindustrielle Zeitalter zurückgebombt.
Elf Jahre danach knüpft nun auch "Der fliegende Berg" an diese Generalfantasie des posthumanen Großreinemachens an: "Denn so leuchtend, so leer/ und von allem Leben entblößt/ wie in der Eisregion, wie dort oben,/ war die Welt nicht nur schon einmal gewesen,/ sondern würde sie nach Ablauf messbarer Fristen/ auch wieder werden, eine Welt ohne uns." Neu ist der Einsatz eines strophisch strukturierten Schriftbildes, in dem der gebräuchliche Blocksatz durch den Lyrikassoziationen wachrufenden Flattersatz ersetzt wird. In einem mit pompösem Understatement als "Notiz am Rande" ausgewiesenen Statement klärt der Autor die Eigentumsverhältnisse: "Der Flattersatz – oder besser: der fliegende Satz – ist frei und gehört nicht allein den Dichtern."
In den Rezensionen, die pünktlich zum oder auch – wie im Falle der Zeit – zwei Wochen vor Verstreichen der Sperrfrist erschienen (auf deren Einhalt sich die Rezensenten vertraglich verpflichten mussten, bevor ihnen ein Leseexemplar des Romans ausgefolgt wurde), sind wiederholt Zweifel an der Notwendigkeit und dem ästhetischen Mehrwert dieser typografischen Idiosynkrasie erhoben worden. Zu Unrecht, wie ich meine; zwar ist der Flattersatz alles andere als eine Lektüreerleichterung, von der Christoph Ransmayr im Interview (siehe Falter 39/06) sprach, aber er ist deswegen noch keine ästhetisch redundante Schrulle: Der unkonventionelle Zeilenbruch stimmt den Leser auf einen "hohen Ton" ein (immerhin befinden wir uns ja auch auf einer Seehöhe von 6840 Metern) und zwingt ihn gleichsam zum rhythmisch-skandierenden Mitlesen. Im besten Falle entsteht dadurch ein daktylischer Drive ("In der plötzlich gestiegenen Lufttemperatur waren/ der versteinerte Schlamm und das Glas der Pfützen getaut"), im schlechteren tendiert das Ganze eher in Richtung unfreiwillige Komik: "Die beiden waren an jenem Oktobertag,/ an dem uns das blaue Licht des Fernsehers/ zum ersten Mal bescheinen sollte,/ auf der Suche nach einem Verlängerungskabel/ für eine Weile verschwunden/ und hatten sich dann in der Garage geküsst."
Auf diesem schmalen Grat zwischen Kitsch und Poesie balanciert der ganze Roman, der sich – was die Handlung anbelangt – sehr schnell nacherzählen lässt: Der in der Handelsschifffahrt tätige Ich-Erzähler und sein computerprogrammierender Bruder Liam brechen von Horse Island ins verbotene Osttibet auf, um den mysteriösen Phur-Ri zu besteigen, den "fliegenden Berg", der – bislang unvermessen und -bestiegen – nomadischer Mythologie zufolge eines Tages auch wieder davonfliegen soll: "Phur-Ri, sagte Nyema, a mountain that flies,/ dieser Berg, der strahlendste und größte von allen,/ sollte jeden, der aufrecht gehen und sprechen konnte,/ daran erinnern, dass nichts, nichts!,/ und sei es noch so mächtig, so schwer,/ eisgepanzert, unbetretbar, unbesiegbar,/ für immer bleiben durfte,/ sondern dass alles davonmusste,/ verfliegen!, irgendwann auf und davon,/ (...)"
Während Liam stirbt (nachdem er davor dem Bruder das Leben gerettet hat), findet der Ich-Erzähler die Liebe seines Lebens – die vorhin zitierte Nyema (die ihrerseits den von einem chinesischen Soldaten erschossenen Vater ihres Kindes verloren hat). Von diesem – wohl nicht ganz zufällig an Reinhold & Günther Messner erinnernden und explizit auf Kain & Abel bezugnehmenden – Berg- und Brüderdrama abgesehen, liefert Ransmayrs jüngstes Opus eine gewohnt preziös intarsierte und, man ist geneigt zu sagen: glacierte Prosa – mit Eisemporen, Eisfahnen, Eiskristallschleiern, Eisnadeln, Eisrinden, Eiswolken, Explosionswolken aus Einsnadeln, Kristallschirmen, Kristallmützchen, Kristallschleiern, kristallinen Fahnen et cetera, in der die Schönheit des Eises und der Finsternis einmal mehr zu voller Leuchtkraft entfaltet wird: "Aus einem Himmel, der im Zenit/ schon die Schwärze des Alls anzunehmen schien,/ fielen eisstarre Falter, Apollofalter,/ wie wir sie vor Wochen in den Tälern von Kham/ gesehen hatten, in riesigen Schwärmen/ über den Gebetsfahnengirlanden/ eines zerstörten Klosters,/ über einem Gletschersee/ einem Rhododendrenwald."

Das ist – in seinem aufgebrezelten Ästhetizismus – für Freunde moderat temperierter Klimazonen und Schreibweisen mitunter etwas schwer auszuhalten. Zudem tragen extensive Beschreibungen von geologischen und meteorologischen Gegebenheiten beim Leser nicht notwendig zur Intensivierung der Imagination bei. Im Windschatten der zwischen Deskription und Evokation von Landschaft und Wetter changierenden Passagen wird freilich auch eine berührende Familiengeschichte erzählt, die auf stimmige und schöne Weise mit dem Tibetabenteuer "vernäht" ist – um es mit einer Lieblingsmetaphorik des Romans zu sagen.
Dabei geht es nicht nur um die beiden ungleichen Brüder, deren Jugend in Irland, deren Konkurrenz und Entfremdung, deren einstige und später dann wiedergewonnene Nähe aus der Sicht des Ich-Erzählers beschrieben wird, sondern auch um den Vater. Der ist ein verbissener irischer Nationalist, dem die Frau mit ihrem Liebhaber ausgerechnet nach Belfast abhaut; eine Figur, die – im Unterschied zur wesentlich freundlicher, aber konturärmer dargestellten Mutter – plastisch und widersprüchlich genug wiedergegeben wird, um, trotz aller Sturschädeligkeit, unser Mitgefühl zu wecken. Auch er, der die neuen Wohnorte der Ausgewanderten auf der Karte markiert und "nur von Abschieden, / niemals von einer Ankunft erzählen" konnte, fügt sich in Ransmayrs große Etüde über Aufbruch und Heimat, Mobilität und Sesshaftigkeit, über ein Suchen, das doch eigentlich auf ein Finden und Gefundenhaben abzielt: Von einem "unverrückbaren Ort unter einem/ unverrückbaren Himmel" schrieb auch Liam in seinen Briefen an den Bruder.
Am Ende, das – wie schon in "Morbus Kitahara" – auch der Anfang ist, stehen nicht nur der Tod und dessen eisig-schöne Inszenierung, sondern klingen darüber hinaus versöhnliche Töne an: "Immer ist noch jemand da,/ der zumindest von uns weiß, der uns nicht loslässt/ oder von dem wir nicht lassen können", heißt es im ersten der insgesamt 18 Abschnitte oder Gesänge. Tröstlicherweise ist dem Menschen hier also vergönnt, in einer vorletzten Welt zur Ruhe zu kommen.

Klaus Nüchtern in FALTER 40/2006



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