Mein papierener Garten. Gedichte und Denkkrümel

Elfriede Gerstl


Aus der Existenztasche

Elfriede Gerstls jüngster Gedichtband ist ohne Trost, aber keineswegs trostlos.

Mein papierener Garten", so heißt der neue Lyrikband der Wienerin Elfriede Gerstl. Zart klingt da der Titel eines Essaybands von Zbigniew Herbert an, "Ein Barbar in meinem Garten". Während dort aber Europa und dessen Kultur im Großen verhandelt werden, redet Elfriede Gerstl vom Überschaubaren. Der Hang zum Kleinen wird ja an dieser unbekanntesten unter den bekannten Wiener Dichterinnen gern hervorgehoben. Aber was ist schon klein an irgendeiner Welt?

Elfriede Gerstl leistet den Verkleinerungswünschen ihrer Interpreten gerne Vorschub: "Gedichte und Denkkrümel" nennt sie ihren neuen Gedichtband. Denkkrümel, das erinnert an den legendären Taschgrus bei Heimito von Doderer. Die Tasche, in der Gerstl herumsucht, ist ihre eigene Existenz. Sie braucht sie nicht einmal nach außen zu wenden, ein zartes Stochern genügt, schon entsteht vor uns eine ganze Welt. Der Blutdruck ist im Keller, die Stimmung im Stammlokal ist schlecht, aber übersichtlich, im Stadtpark hängt ein "Mückenschwarm der Befürchtungen", Dinge, die man gesammelt hat, stehen einem im Weg und hindern einen, zu finden, was man wirklich sucht.

Je kleiner und je enger der Raum wird, den Gerstls Lyrik mit sparsamen und selbstironischen Mitteln vor uns entwirft, desto klarer wird: Die Enge ist nur eine Chiffre, hinter der riesig die existenziellen Probleme gähnen. Wie geht es weiter, fragen sie, wie werden wir mit jener Verwandlung zurechtkommen, die auf uns wartet? Papierenes schützt uns nicht vor unserer Biologie. Am Ende landen wir alle im großen Garten der Natur. "ein baum werden / vögel zu gast haben / das wär was / worauf man sich freuen könnte". Wer kann die Trostlosigkeit des unausweichlichen Endes so dringlich und zugleich so witzig ausdrücken wie Elfriede Gerstl in ihrem kurzen Gedicht "schöner tot sein"?

Armin Thurnher in FALTER 38/2006



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