Der Grazer Schloßberg. Weltkulturerbe im Sturm der Zeit

Peter Laukhardt


Ein Mann nimmt seinen Hut

Das Schloßbergrestaurant wird dem Erdboden gleichgemacht. Betreiber Erich Wegscheidler zieht nach drei Jahrzehnten und fünf Prozessen vom Berg ab. Ein Porträt.

Ich war immer da und immer nüchtern." Erich Wegscheidler sitzt im Gastgarten des Schloßbergrestaurants - ausnahmsweise, denn sitzen hat man ihn sonst in dreißig Jahren nur selten gesehen. Der mürrische Mann mit dem Hut gehört für viele untrennbar zum Schloßbergrestaurant dazu. Doch nun bleibt am Grazer Hausberg kein Stein auf dem anderen: Die Stadt plant dort einen schicken Gastrotempel, das verstaubte Schloßbergrestaurant soll abgerissen werden (siehe Kasten). Und Wegscheidler zieht nach über dreißig Jahren vom Berg ab.

Noch leuchten die kirschroten Tischtücher fröhlich unter den Kastanienbäumen hervor und erinnern an längst vergangene Sommer, als die Leute noch in den Gastgarten strömten - schließlich gab es dort schon immer den schönsten Ausblick der Stadt. Und an die Zeit, als im Schloßbergrestaurant von Montag bis Samstag Bälle stattfanden und am Sonntag die Senioren zum Tanz kamen. Diese brachten Wegscheidler nicht das große Geld, aber "Umwegrentabilität", wie er es nennt. Oma und Opa zeigten den Enkeln, wo sie tanzten, und so wurde das Schloßbergrestaurant mit der Zeit zum Kult. Ältere Grazer erinnern sich noch an "Tanzmusik auf Bestellung", wo sich das Publikum Tanzlieder wünschte, die dann via Radio Steiermark vom Schloßbergrestaurant aus ins ganze Bundesland gesendet wurden. Und nicht wenige Grazer haben dort ihren Maturaball gefeiert. Damals schoben sich die Menschenmengen noch durch die Gänge und stellten sich in Dreierreihen um ein Krügerl an, kredenzt vom "besten Bierzapfer Europas", wie sich der Chef selbst nennt.

Der Mann mit dem Hut schien überall gleichzeitig zu sein und fand nebenbei noch Zeit, den Köchen auf die Finger und in die Töpfe zu schauen. Der Erste und der Letzte im Schloßbergrestaurant war immer der Chef selbst, und nie kam ihm ein Tropfen Alkohol über die Lippen. Deshalb konnten sich die Angestellten sicher sein: Wegscheidler hatte stets alles unter Kontrolle. "Entweder du bist da, oder du musst mit dem Defizit leben", lautete das Credo des Mannes, der zu Blütezeiten fünf Gaststätten führte. Und sein Konzept ging auf: Die Vorbesitzer des Schloßbergrestaurants mussten den Berg allesamt bald wieder räumen, darunter auch Otto Herberstein, der den Betrieb Anfang der Siebzigerjahre führte, das Herbersteinstüberl zeugt noch von dieser Zeit. Wegscheidler blieb über drei Jahrzehnte - ohne Verhandlungen beim Arbeitsgericht und ohne Fleischskandal, wie er nicht müde wird zu betonen. "Wenn etwas schlatzig ist, dann kommt es weg."

"Wegscheidler ist sein eigener Vorarbeiter", sagt Peter Laukhardt, der ein Buch über die Geschichte des Grazer Schloßbergs geschrieben hat. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts habe es an der Stelle des jetzigen Restaurants eine Gaststätte gegeben, heißt es dort. Ein Jahrhundert später, 1943, kaufte die Stadt das Restaurant und baute es Anfang der Sechzigerjahre aus. Pächter Otto Herberstein erweiterte in den Siebzigern den Eingangsbereich.

Seither blieb im Schloßbergrestaurant alles beim Alten. Laut Pachtvertrag sei für Renovierungsarbeiten die Verpächterin Stadtwerke zuständig, sagt Wegscheidler. Außerdem wolle er ja nicht die Welt verbessern, sondern nur ein Restaurant gewinnbringend führen. "Das habe ich geschafft." Das Restaurant habe Flair - das müsse reichen. Wegscheidler reicht es jedenfalls, was mit seinem ausgeprägten Sinn für Sparsamkeit zusammenhängen dürfte: "Ich trage dieselbe Hose und dasselbe Paar Schuhe, bis es wirklich nicht mehr geht."

Doch den Stadtvätern war es zu wenig, sie wollten auf dem Grazer Hausberg einen modernen Gastronomiebetrieb. Zunächst hieß es, schon 2002 werde man Silvester im nagelneuen Restaurant feiern - inklusive gläserner "Skybar". Wegscheidler, ein Gastwirt der alten Schule, der seine Ausflugsgäste vor allem mit Wienerschnitzel durchfüttert, passte den Verantwortlichen nicht mehr ins schicke Konzept. Tatsächlich kann man sich den Mann mit dem Hut nur schwer in einer "Skybar", umgeben von Glas und Stahl, vorstellen. Doch man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Der weigerte sich, den Berg zu räumen, und beharrte darauf, sein Pachtvertrag laufe bis 2009. Erst nach fünf Prozessen warf er vor zwei Jahren schließlich das Handtuch - 220.000 Euro ist es der Stadt wert, dass er endlich geht.

Was Wegscheidler noch heute richtig ärgert, ist, dass Bürgermeister Siegfried Nagl sein Restaurant einmal als "Schandfleck" bezeichnet habe. Und der ehemalige Kulturamtsleiter Josef Marko hat sogar gemeint, dort oben sehe es aus wie im Ostblock. Wegscheidler schüttelt den Kopf: "Das, was ich hier geschafft habe, soll mir einmal jemand nachmachen." Ganz unrecht haben Wegscheidlers Kritiker freilich nicht: Die dunkle Holzvertäfelung, der Spannteppich und die Möbel verströmen ein abgenutztes Flair - eine Rundumerneuerung würde dem alten Schloßbergrestaurant nicht schaden.

Und trotzdem hat auch der Chef Recht, wenn er vor der legendären Bar im Fünfzigerjahrestil steht, einer der letzten ihrer Art, die alten steirischen Wappen bewundert und meint: "Das Schloßbergrestaurant ist Kult." Wenn er daran denkt, dass das Gebäude nun abgerissen werden soll und auch von ihm, Wegscheidler, nichts mehr bleibt, tut ihm das Herz weh. An einen Neuanfang unten in der Stadt oder an einem anderen Ort denkt der 62-Jährige trotzdem nicht. Da gehe es ihm wie Toni Sailer, sagt er, der habe auch nach seinem dritten WM-Titel aufgehört: "Es wäre ja peinlich, wenn ich jetzt ein Lokal eröffnen würde, in dem vielleicht gähnende Leere herrschen würde."

Donja Noormofidi in FALTER 38/2006



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