Physik der Superhelden


Was ist das da über dem Wolkenkratzer? Ein Vogel oder ein Flugzeug? Falsch, es ist natürlich Superman bei der Arbeit. Aber was sagt eigentlich die Wissenschaft zu solchen übermenschlichen Flugkünsten? Kann er, darf er denn das? Wenn der Fachverantwortliche kein Miesepeter ist, lässt er sich auf diese Fragen ein. Wenn der Physiker James Kakalios heißt, dann bestreitet er mit solchen Fragen an der Universität von Minnesota eine populäre Einführungsvorlesung. Das Buch dazu erscheint nun als "Physik der Superhelden" auch auf Deutsch. Kakalios schlägt damit zwei Superfliegen mit einer Superklappe, kann er doch seine Leidenschaft für US-amerikanische Superheldencomics mit seinem Beruf verbinden. Tatsächlich gelingt es ihm sogar, unter Umgehung höherer Mathematik (Infinitesimalrechnung oder Differenzialgleichungen grüßen nur von ferne) einen Überblick über Mechanik, Optik oder Energielehre bis hin zu Atomphysik und Quantenmechanik zu geben, unterlegt mit Beispielen aus der Comicwelt. Erstaunliches Fazit: Die Superheldenerfinder lagen physikalisch sehr viel öfter richtig als daneben: Lässt man die übermenschlichen Kräfte von Superman als Ausnahme gelten (das Augenzwinkern des Physikers), dann kann er über Hochhäuser springen.

Das postklassische Entenhausen (unter Eingeweihten: die Ära nach den Geschichten von Carl Barks) beherbergt streng genommen zwei Superhelden: Supergoof (Goofy nach dem Verschlucken einer Supernuss) und "Phantomias" (Donald Duck im putzigen Overall mit Cape). Ersterer geht durch Steinmauern, als wären sie Seidenpapier, Letzterer bedient sich des überragenden Genies von Diplomingenieur Düsentrieb, der Donald/Phantomias mit allerlei technischen Spielereien im Kampf gegen das Unrecht ausrüstet. Zumindest war es am Anfang so. Band zwei der Reihe "Heimliche Helden" dokumentiert leider den Verfall eines ungewöhnlichen Charakters des Disneyuniversums. Eine klassische Episode ("Die Verwandlung", 1966) steht in diesem Sammelband fünf Geschichten gegenüber, in denen Phantomias sich auf Hilfe beim Keksebacken beschränkt. Der Verfall dieses Geschöpfes der Nacht ist leider nicht mal mehr superjungen Lesern zumutbar.

Martin Lhotzky in FALTER 38/2006



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