Eros

Helmut Krausser


"Eros ist ein großes Zelt"

Helmut Krausser erzählt in seinem neuen Roman "Eros" von lebenslang unerfüllter Leidenschaft. Im Interview spricht er über seine Charaktere, das "Lektorat" von Daniel Kehlmann und die Beatles.

Helmut Krausser, Jahrgang 1964, gehört mit Büchern wie "Fette Welt", "Der große Bagarozy" oder "Die wilden Hunde von Pompeii" zu den meistbeachteten deutschen Autoren der jüngeren Generation. Mit dem soeben erschienenen "Eros" hat er einen Roman geschrieben, der sich nicht nur um eine obsessive Liebe dreht, sondern diese auch vor großer Kulisse inszeniert. Der schwer kranke Alexander von Brücken, Jahrgang 1930, heuert einen Schriftsteller an, um von diesem sein Leben aufzeichnen zu lassen. Bestimmt wurde es von der Zuneigung zu Sofie, der von Brücken zum ersten Mal im Luftschutzbunker näher kommt. Nach dem Krieg steigt von Brücken allmählich zu einem der mächtigsten Industriellen des Landes auf. Seine beträchtlichen finanziellen Mittel setzt er vor allem dazu ein, Sofie ausfindig zu machen, sie beobachten zu lassen, nötigenfalls auch in ihr Leben einzugreifen: eine Leidenschaft zwischen Fürsorge und Kontrollwahn, die es dem Erzähler zugleich ermöglicht, einen großen Panoramaschwenk über die deutsche Nachkriegsgeschichte zu machen.

Falter: Der Titel Ihres Romans, "Eros", mag bei manchen falsche Erwartungen wecken - haben Sie eine heimliche oder auch unheimliche Freude an dieser Vorstellung?

Helmut Krausser: Nein, deshalb bestand ich auf einem Leseexemplar, um bei den Buchhändlern von vornherein die Pornoerwartung zu zerstören. Meine Bücher sind sonst teils recht deftig, bei diesem aber wollte ich mal die zartere Schiene fahren.

Inwieweit, wenn überhaupt, hat "Eros" mit Erfüllung zu tun? Wie würden Sie ihn für sich definieren?

Eros ist ein nicht definierbarer Überbegriff, ein großes Zelt, in dem Tausende Facetten dessen Platz haben, was sich aus rein biologischer Sicht wohl vom schlichten Sexualtrieb herleitet. Schopenhauer hingegen sagt, dass jede Form von Liebe dem Mitleid entspringe. Na ja. Mit Erfüllung jedenfalls hat Eros nicht direkt etwas zu tun.

Für den Leser ist "Eros" ein Buch voller Leerstellen und Unwägbarkeiten: Er kann weder demjenigen trauen, der diktiert, noch demjenigen, der das Diktat aufnimmt. Inwiefern kann er denn Ihnen trauen?

Wenn man das Buch lesen will, bleibt einem nichts anderes übrig: Mein Buch ist meine Welt, und es gelten meine Gesetze darin.

Am meisten erfahren wir über Sofie. Die Faszination, die von ihr auf Alexander von Brücken ausgeht, ist aber nur sehr bedingt nachvollziehbar. In erster Linie scheint sie eine durchschnittlich desorientierte Frau zu sein.

Na, na, keine durchschnittliche Frau endet im bewaffneten Kampf. Aber ich weiß schon, was Sie meinen: Ich hätte Sofie klüger, reizender, schlagfertiger und so weiter machen können - aber das wäre ein Fehler gewesen. Obsessionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie kaum nachvollziehbar sind. Andererseits ist Sofie ja kein Dummchen und hat immerhin für die Nachwelt ein tolles Anagrammgedicht verfasst. Ich lasse sie einige Fehler machen, die für ihre Generation typisch waren - na klar, aus dem zeitlichen Abstand heraus kann man dann schon etwas großspurig von einer desorientierten Frau sprechen. Im Grunde aber ist sie eine moralische, engagierte Person, die die Welt zu ändern versucht. Wo gibt es das heute noch?

Ist es für Sie beim Schreiben wichtig, mehr und auch Dinge zu wissen, die Sie uns nicht preisgeben?

Ich weiß alles über diesen Stoff - und vielleicht mache ich von diesem Wissen noch einmal Gebrauch. Wir erfahren ja die ganze Geschichte nur aus der Perspektive Alexanders, selbst wo sich dessen Ghostwriter in Sofie hineindenkt. Wie wäre es in fünf Jahren mit einem Komplementärroman? Gab's das schon mal? Die Erinnerungen der Sofie Kurtz, niedergeschrieben in Paraguay. Oder so.

Wo verläuft denn die Grenze zwischen Liebe und Liebeswahn?

Liebe ist immer erst mal Liebeswahn und verwandelt sich im Zusammenleben nach und nach in eine tiefe Freundschaft, die bis hin zur Symbiose reicht.

Sofie ist ja praktisch an allen "hot spots" dabei, an denen Geschichte stattfindet. Ist die Liebesgeschichte auch ein Vehikel, um die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik aufzurollen?

Ja, selbstverständlich. Die Geschichte war von Anfang an als märchenhaft angelegt, aber so gestaltet, dass es gerade eben doch nicht so hundertprozentig unmöglich sein konnte. Die Stalagmiten der Geschichte - soll ich die weiträumig umfahren? Nein, natürlich benutze ich die als Kulisse.

Aus dem "Abspann" des Romans erfahren wir, dass Sie acht Jahre an diesem gearbeitet und 17 Fassungen davon erstellt haben. Was hat man sich unter einer "Fassung" vorzustellen?

Die erste Fassung bestand aus 300 Seiten, die die Zeit von November 1943 bis April 1945 beschrieb. Sie können es hochrechnen: Bei diesem Tempo hätte ich etwa 2800 Seiten gebraucht. So was wollte ich nicht auf die Welt loslassen. Also: Reduktion; immer wieder einköcheln. Und der Ghostwriter war nötig, um die Dreiermenage Alexander-Sofie-Lukian so zu erhellen, dass dennoch etwas im Dunkeln bleibt.

Auf dem Umschlag wird Daniel Kehlmann zitiert, der "Eros" als "ein ganz, ganz großes Buch" bezeichnet. Wie kam es dazu? Ich dachte immer, Autoren seien furchtbar schamhaft, wenn es darum geht, ihre Bücher vor der Publikation Kollegen zu zeigen?

I wo. Ich gebe Daniel alles von mir vorab zur Beurteilung und umgekehrt. Da erwachsen wertvolle Tipps daraus. Zum Beispiel riet er mir, das sehr, sehr lange Extemporat durch Zwischenauftritte zu teilen. Prima Idee! Autoren, die ihre "fertigen" Manuskripte nicht möglichst vielen Kollegen geben, auf deren Urteil sie Wert legen, sind einfach nur unprofessionell, fast Kinder.

Ein Aspekt, den ich überraschend und irgendwie rührend fand, ist Alexander von Brückens Begeisterung für die Beatles. In einer Musikzeitschrift wurden unlängst die 101 besten Beatles-Songs gewählt. Welcher, glauben Sie, hat gewonnen?

"A Day in the Life"?

Richtig! Ihrer Meinung nach eine akzeptable Wahl?

Was denn sonst? "Yesterday"? Es gibt einige Songs, die das Zeug haben, ein ganzes Zeitalter zu prägen, "Hey Jude" natürlich oder vielleicht noch "Let It Be" - aber in Bezug zur kompositorischen Substanz von "A Day in the Life" sind das nur hübsche Petitessen.

Welches ist der unterschätzteste Beatles-Song?

"She Said".

Und welcher nervt am meisten?

"All You Need Is Love."

Paul oder John?

Trotz Yoko - John.

"Revolver" oder "Abbey Road"?

Warum nicht "Magical Mystery Tour"?

Ja, das frag ich doch Sie!

Ehrlich - auf "Magical Mystery Tour" finde ich die Beatles auf dem Höhepunkt ihrer Erfindungskraft. Es ist sicher das unterbewertetste Beatles-Album, hat es nie zur begrifflichen Marke geschafft.

Die erste oder die zweite LP vom "White Album" - also: Sanftmut oder Testosteron?

Ich kann diese Frage nicht beantworten, denn ich hatte immer nur die Kaufkassette, da waren die Songs, glaube ich, anders zusammengestellt, warum auch immer. Damals: ganz klar Testosteron. Heute: wohl eher Sanftmut. Eben höre ich die ganze Zeit "Infrared" von Placebo. Guter Track, aber bei Brutalmusik nutzt sich Pop zu schnell ab. Wenn ich Adrenalin spüren und echt harte Musik hören will, geh ich in die Oper.

Gibt es einen Beatles-Song, bei dem Sie weinen müssen - oder zumindest eine Gänsehaut kriegen?

"Eleanor Rigby" - und viele andere.

Im Roman wird "The End" zitiert: "And in the end the love you take / Is equal to the love you make." Trifft das Ihrer Meinung - im Großen und Ganzen - zu?

Quatsch.

Klaus Nüchtern in FALTER 37/2006



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