Wien gestern und heute

László Lugo Lugosi


Wien bleibt Wien

Ein Fotoband stellt Bilder von Wien vor hundert Jahren Fotos der Stadt von heute gegenüber - mit bemerkenswertem Ergebnis.

Es ist, als ob die Stadt die vergangenen hundert Jahre unter einem gewaltigen Glassturz zugebracht hätte. Eine Daguerreotypaufnahme der Wiener Börse um 1900: repräsentative Architektur der Ringstraßenära, Pferdefuhrwerke, eine Baumallee; Männer, alle mit Hut, Anzug und Spazierstock im Bild; die Frauen verschwinden beinah in ihren ballonhaft geblähten Überwürfen. Im Vergleich dazu eine Aufnahme des Wertpapierhauses aus dem Jahr 2006, fotografiert im exakt gleichen Winkel wie das historische Vorbild. Der Eindruck ist täuschend ähnlich, allein der zwischen 1953 und 1955 erbaute, imposant aufragende Ringturm im Bildhintergrund macht deutlich, dass einige Jahre vergangen sein müssen. Einige abweichende Details sind ferner feststellbar: Uniforme Bekleidung ist passé, die Fuhrwerke sind durch Autos ersetzt, die ehemals kleinen Bäumchen haben sich in Baumriesen verwandelt.

Den Vergleich von vergangenen Stadtansichten mit der Gegenwart ermöglicht der ungarische Fotograf László Lugo Lugosi in seinem soeben erschienenen Buch "Wien gestern und heute". Nach Budapest, Athen und Salzburg erforscht Lugosi, geboren 1953 und wohnhaft in Budapest, nun Wien als vierte Großstadt mit seiner Kamera - und präsentiert neuerlich ein reizvolles urbanes Bilderrätsel: Wo sind massive Änderungen im Stadtbild feststellbar? Wo ähneln sich die Eindrücke?

Lugosis Arbeitsmethode ist so einfach wie effizient: Er wählt Motive von alten Fotografien und Fotopostkarten, die einen Vergleich mit der Gegenwart ermöglichen. Dabei verfolgt er zwei Prinzipien. "Es muss noch etwas vom Original vorhanden sein", erklärt Lugosi, "ein Haus, ein Gebäude, auch wenn alles andere längst verschwunden ist". Lugosi nähert sich für die Jetztzeitdokumentation auch, Fotogrundsatz zwei, so exakt wie möglich dem einstigen Kamerastandpunkt. "Ich möchte aber auch nicht nur von bekannten Orten wie Schönbrunn ein Foto machen. Auch weniger frequentierte Plätze, etwa bestimmte Ansichten des 19. Bezirks, interessieren mich. Ich gehe dann dorthin, zur selben Tageszeit, wenn die Schatten ähnlich wie auf der Vorlage fallen." In Grinzing konnte man eine Zeit lang einen Mann sehen, der mit Stativ und unhandlicher 4x5-Großformatkamera mitten auf der Hauptstraße stand, von Autos und Bussen voller Touristen umtost.

In "Wien gestern und heute" bewahrheitet sich, auf gespenstische Art, ein Bonmot Helmut Qualtingers: "Wien bleibt Wien und das geschieht ihm ganz recht." Zum Beispiel der Stock-im-Eisen-Platz: Statt der Thomas-Cook-Filiale ist eine Bank im Gebäude linkerhand untergebracht, der Platz vor dem Stephansdom ist von Touristen bevölkert. Aber die Laterne in der Platzmitte steht seit einem Jahrhundert unverrückbar an der Stelle. Die Staatsoper? Der Maria-Theresien-Platz, die Secession, die Karlskirche? Der Heiligenkreuzerhof, der Josephsplatz, die Urania, der Musikverein? Wunderliches Wien: Architektur für die kleine Ewigkeit, eine Stadt, die zugleich fremd und vertraut wirkt. Radikale Veränderungen bilden die Ausnahme. Die Gespensterbahn "Zum Walfisch" im Prater etwa, die erste, 1898 eröffnete elektrische Grottenbahn Europas, wurde 1945 durch einen Großbrand zerstört. Das gleichnamige Wirtshaus vis-a-vis gibt es noch immer.

"Als ich dieser Tage das fertige Buch in meiner Post fand, war ich ziemlich überrascht", erzählt Lugosi. "Ich kenne Wien nicht sehr gut, aber bereits beim Fotografieren merkte ich, dass es nur sehr geringe, kaum wahrnehmbare Veränderungen im Stadtbild gab. Wien hat sich die vergangenen hundert Jahre sogar weniger verändert als Salzburg. Von den vier Städten, die ich bereits in der Gestern-Heute-Methode fotografiert habe, hat sich Wien am wenigsten gewandelt. In meinem Buch ist es mitunter schwierig, eindeutig festzustellen: Zeigt das Foto links oder rechts das alte oder das neue Bild der Stadt?"

Wolfgang Paterno in FALTER 37/2006



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