Jahrbuch Theater heute 2006


Die Theatersaison beginnt, wie das Schuljahr, im September. Ungewöhnlicherweise werden die Zeugnisse im Theater aber erst am Beginn des neuen Schuljahrs vergeben – wenn das Jahrbuch der Berliner Zeitschrift "Theater heute" erscheint. Das opulente Sonderheft enthält alljährlich eine Umfrage unter knapp vierzig Kritikern, die über die herausragenden Leistungen der vergangenen Saison in deutschsprachigen Theatern abstimmen. Inszenierung des Jahres ist heuer Jürgen Goschs "Macbeth" aus Düsseldorf, der auch bei den Wiener Festwochen zu sehen war; den Preis für die beste Gesamtleistung eines Theaters heimste – erstmals seit der Ära Peymann in den Siebzigerjahren – das Staatstheater Stuttgart ein; der Tiroler Autor Händl Klaus wurde für sein jüngstes Stück "Dunkel lockende Welt" zum Dramatiker des Jahres gekürt. Neben Porträts der ausgezeichneten Künstler finden sich im Jahrbuch, das diesmal unter dem Motto "Regeln" steht, verschiedene Essays und Gesprächsrunden – unter anderem diskutieren Sepp Bierbichler, Thomas Ostermeier, Christoph Schlingensief und der frühere Falter-Kritiker Roland Koberg aus gegebenem Anlass über "Regeln der Kritik": Die Affäre um den von einem Schauspieler beschimpften Kritiker Gerhard Stadelmaier war nämlich das "Ärgernis des Jahres".

Die andere einschlägige Berliner Fachzeitschrift, "Theater der Zeit", gibt zwar kein Jahrbuch, dafür aber einmal im Jahr ein themenspezifisches Arbeitsbuch heraus. Die aktuelle Ausgabe ist Elfriede Jelinek gewidmet; neben André Müllers bereits im profil veröffentlichtem Interview mit der Autorin enthält das Arbeitsbuch hauptsächlich Texte von Theaterleuten (Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen), die über ihre Erfahrungen mit Jelinek schreiben. Den witzigsten Beitrag lieferte der Regisseur Nicolas Stemann, der in Wien "Das Werk" und "Babel" zur Uraufführung brachte und von seinen nervenzerfetzenden Kämpfen mit den Textflächen berichtet. Zitat: "Ich zumindest muss nach drei Seiten Jelinek-Lektüre schreiend aus dem Fenster springen. Dieser Schrei ist dann die Inszenierung."

Wolfgang Kralicek in FALTER 37/2006



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×