Das oblatendünne Eis des halben.... Kolumnen

Sarah Kuttner


"Nur 'ne Tante, die redet"

Sarah Kuttner, 27, "SZ"-Kolumnistin und bis vor kurzem letzter Lichtblick bei MTV, führt eine Lesereise nach Wien. Dem "Falter" erzählte die Berlinerin, wieso sie keine "Servicemoderatorin" sein möchte.

"Und alle, die das nicht interessiert, können mich mal am Arsch lecken": Bei ihrer letzten MTV-Show am 3. August 2006 hat Sarah Kuttner dann doch noch heulen müssen. Aber ganz offensichtlich mehr aus Wut denn aus Gerührtheit über ihren vorübergehenden Abgang von der Mattscheibe. Kuttners letzte Geste Richtung Kamera war der Stinkefinger und ging wohl an die Programmverantwortlichen beim deutschen Musiksender. Echter Punkrock zum Abschied also. Und jetzt wird das Fräulein Kuttner erwachsen. Endlich, freut man sich, das wurde ja auch Zeit.

Lange galt die 27-jährige Moderatorin als große Nachwuchshoffnung im deutschen Fernsehen: gutaussehend, schlagfertig, mit Schnauze, witzig und ohne Furcht vor großen Tieren. Vielleicht ist sie ja eine Spur zu hyperaktiv vor der Kamera, vielleicht auch ein wenig zu respektlos manchen Gästen gegenüber. Aber das kommt an, erstaunlicherweise beim Publikum ebenso wie beim Feuilleton. Seit 2001 ist Sarah Kuttner, Tochter eines bekannten Berliner Radiomoderators, im Musikfernsehen beschäftigt, zunächst bei Viva, dann bei MTV. Dort wurde sie mit nach ihr benannten Personalityshows zur "Leitfigur der unter Dreißigjährigen" (FAZ), ausgestattet mit Witz, Intelligenz und einem dringenden Mitteilungsbedürfnis. Deswegen betreibt die Moderatorin auch seit geraumer Zeit eine Kolumne auf der Jungeleuteseite ("Jetzt") der Süddeutschen Zeitung und im Popblatt Musik Express. Daraus hervor ging ein Kolumnenbuch, "Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens", mit dem Kuttner derzeit unterwegs auf Lesereise ist. Das Publikum erwartet allerdings mehr als alte Geschichten, eher so etwas wie eine Sarah-Kuttner-Show ohne Kameras, ohne Band und - da werden die Mädchen aber traurig sein - leider auch ohne ihren kongenialen Showkollegen Sven Schumacher.

Am 25. September kommt die schreibende Fernsehmoderatorin ohne Sendeplatz nach Wien ins Wuk. Der Falter sprach mit Kuttner über ihren unerwarteten Rausschmiss bei MTV, den Spaß am Ausfüllen von Fragebögen, neue Fernsehpläne und darüber, was das Finale der Kultserie "Six Feet Under" emotional mit ihr anstellte.

Falter: Anfang August lief auf MTV Ihre letzte Show - sind Sie jetzt arbeitslos, Frau Kuttner?

Sarah Kuttner: Ich bin nicht arbeitslos. Man hat mich ja nicht gefeuert, ich kann ja weiter bei MTV arbeiten. Ich überlege allerdings, ob es nicht auch vielleicht Zeit für etwas anderes wäre. Ich bin ja sowieso eher freiberufliche Moderatorin und Autorin.

War das Aus der "Kuttner Show" zu erwarten?

Das war nicht absehbar. Ganz am Anfang hab ich mir Sorgen gemacht, weil die Quoten tatsächlich schlecht waren. Aber dieses Risiko ist beim Fernsehen halt immer da. Insofern bin ich auch nicht aus allen Wolken gefallen.

Was passiert mit dem Studio, den Leuten, der Band?

Keine Ahnung, das Studio gehört MTV, man kann es noch nicht mal kaputt machen. Die anderen sind tatsächlich in einem klassischeren Sinne als ich arbeitslos. Jeder bemüht sich da um einen anderen Job, und ich möchte auch wieder mit jedem von denen zusammenarbeiten, wenn ich wieder eine andere Sendung machen sollte.

Der seriöse Westdeutsche Rundfunk WDR hat mit Ihnen vor zwei Jahren einen Piloten für ein Kulturmagazin produziert, hat sich aber gegen das Format entschieden. Angeblich, weil Ihre Zielgruppe zu jung ist für den Sender. Wie schaut Ihre Zielgruppe denn so aus?

Ich glaube, dass ich die 14-bis 35-Jährigen habe. Aber 35 ist für den WDR tierisch jung. Bei denen war damals eine junge Zielgruppe vierzig. Eigentlich war das ein ganz guter Pilot, thematisch so erwachsen, wie ich sein konnte und wollte. Aber das war für die tatsächlich immer noch zu jung. Ich kann das theoretisch verstehen, es zeichnet sie nur nicht so richtig aus, sich einfach auf die Masse der Alten zu verlassen.

Wir sind eh ganz froh, dass Sie nicht beim WDR gelandet sind, den können wir im Wiener Kabelnetz nämlich leider nicht sehen.

Oh, gut zu wissen: wegen der Österreicher lieber nicht beim WDR arbeiten.

Wenn man sich das Studiopublikum Ihrer Show betrachtete, wirkte das eher desinteressiert.

So sehen Leute eben aus, wenn sie jemanden beobachten. Wie siehst du aus, wenn du fernsiehst? Die sitzen da und kucken zu, wie ihnen jemand was erzählt. Wenn was lustig ist, dann lachen die sehr wohl. Viele Leute haben aber auch einfach Angst vor den Kameras, davor, angesprochen zu werden. Sie fürchten sich vor meiner sogenannten Schlagfertigkeit. Für mich ist Fernsehen halt das Normalste der Welt, die sind wahrscheinlich das erste Mal in ihrem Leben in einem Studio. Aber sie sind schon alle freiwillig da und haben Eintritt für ihre Karte gezahlt. Sie kucken einem zu, wie man eine Sendung macht, ich glaub, da kann man nicht hysterischer aussehen.

Typische Leser Ihrer Kolumne in der "Süddeutschen Zeitung" also?

Ich weiß ja nicht, wer mich in der SZ liest. Man darf auch nicht vergessen, dass viele von den Älteren, die zukucken, die gehen natürlich nicht mehr zu MTV ins Fernsehen. Ich würde mich selber ja auch nicht ins Publikum setzen. Die Älteren, bisschen Lässigeren, die sitzen zu Hause vorm Fernseher.

Ihre "SZ"-Kolumnen sind nun auch als Buch erschienen. Sie antworten dort auf Fragen der Leser. Lässt man Sie da einfach machen?

Jaja. Die kürzen vielleicht, weil ich zu viel schreibe. Aber die lassen dann eher so ganze Blöcke weg.

Haben Sie auf manche Fragen auch keine Antwort?

Ich bekomme sowieso immer mehr Fragen, als gebraucht werden. Zu manchem habe ich tatsächlich nichts zu sagen. Oder ich will dazu nichts sagen. Oder hab kein Interesse daran.

Schreiben sich die Kolumnen schnell?

Das ist eine schnelle Geschichte. Eigentlich ist das so wie Fragebogenausfüllen, so was mach ich ja so gerne.

Sie füllen gerne Fragebögen aus?

Absurderweise schon. Das ist irgendwie so befriedigend wie Ausmalen.

Umgekehrt scheinen Sie nicht so gerne Interviews zu führen. Geht's da eher drum, frech, lustig und Sarah Kuttner zu sein?

Es geht mir in Interviews nun wirklich nicht darum, frech, lustig und Sarah Kuttner zu sein. Ich recherchiere wie eine Bekloppte und habe da sehr wohl Fragen, die ich mir aufgeschrieben habe, und immer zu viele, durchaus auch sehr kritische. Ich krieg's nur häufig ganz gut hin, die so charmant zu verpacken, dass man nicht so richtig merkt, dass das jetzt eine Frage war, die fast unterhalb der Gürtellinie ging. Mir ist die Art und Weise des Gesprächs wichtig. Ich habe nur zehn Minuten Zeit und kann nicht so tief bohren, weil da schon wieder alles vorbei ist. Irgendwie gelingt es dann halt doch, von Michael Stipe von REM zu erfahren, dass er Zuckertütchen sammelt. Ich bin schon sehr gut vorbereitet, oft kommt's dann aber nicht dazu und endet in Smalltalk. Das andere finde ich aber doch viel besser. Wie man noch mal das aktuelle Album aufgenommen hat und so weiter, das kann man viel besser in geschriebenen Interviews nachlesen. Da will man doch lieber andere Sachen wissen.

Sie hatten in Ihrer Show auffallend selten Gäste, die nur was zu promoten hatten.

Schön, dass das auffällt. Das war von vornherein unser Konzept. Leider kann man das nur nicht immer einhalten. Die Leute kommen oft immer nur dann, wenn sie was zu verkaufen haben. Wir haben aber versucht, nicht das ganze Gespräch darauf zu verwenden. Das war uns schon wichtig, dass es kein Verkaufsgespräch wird.

Wie muss man sich Ihre Lesereise vorstellen?

In erster Linie lese ich Texte mit dem Publikum zusammen. Diese Fragen, die mir die Süddeutsche stellt, will ich mir natürlich nicht selber stellen. Dann hab ich auch noch ein paar Einspieler dabei, die gezeigt werden, und man kann gemäß des Mottos "Fragen stellen" Fragen stellen. Die werden dann auch alle beantwortet. Ohne Zensur.

... und mit einem Publikum, das Reaktionen zeigt?

Was erwartet man denn? Die reagieren schon. Lachen, kichern, stimmen zu und so. Aber das ist ja kein Rockkonzert, was ich mache! Da ist doch nur 'ne Tante, die redet, also hört man zu. Da wird halt nicht getanzt, mitgesungen und dem Nachbarn an den Arsch gepackt. Jedes Publikum, das Beobachter ist, sieht irgendwie lethargisch aus.

In Ihren Texten kommen häufig Proms vor, über die Sie auch teilweise ziemlich böse Sachen sagen ...

... nur bei den Leuten, die's verdient haben. Ich relativiere das auch. Grönemeyers Fußballsong finde ich wirklich schlimm. Aber ich weiß, dass Grönemeyer ein netter Typ ist. Ich hatte den schon im Interview und der hat nicht viel Kacke verzapft, aber der Song ist echt unerträglich. Ich finde, das muss man sagen dürfen. Solange ich sage, dass er sonst wirklich nett sein mag. Da muss man dann durch. Manchmal trifft man dann diese Leute, über die man geschrieben hat, wie zum Beispiel Campino, und manchmal sind die dann hysterisch eingeschnappt - wie Campino.

Das ist ja eher selten im Fernsehen, dass jemand etwas schlecht findet.

Man findet aber auch selten, dass jemand was gut findet. Ich finde, es wird überhaupt nichts mehr gefunden im Fernsehen. Es wird halt dargestellt, nachgeplappert, nachgemalt. Dass mal jemand sagt "ich" und "finde" und dann was Gutes oder was Schlechtes, das ist verhältnismäßig selten.

Wieso ist das so?

Weil es vielleicht nicht interessiert. Ich würde auch nicht behaupten wollen, dass es Deutschland interessiert, was ich so finde. Aber innerhalb einer Personalityshow kann man das schon mal so machen. Ich will Olli Geißen auch nicht sehen, wie der die Chartshow moderiert und sagt "ich finde". Das ist halt "Servicemoderation", da gilt eine eigene Meinung nicht.

Aber die "Personalitymoderatorin" darf das sagen.

Die darf das, ja.

Die darf zum Beispiel sagen, dass "Six Feet Under" super ist.

Ja.

Haben Sie die letzte Staffel der Serie schon gesehen?

Schon vor langem auf DVD!

Das heißt, Sie sind fertig mit "Six Feet Under"?

Komplett.

Sind Sie in ein Loch gefallen?

In ein riesiges! Meine Güte, das war ganz schlimm. Also nicht das Ende, das haben sie sehr schön gemacht. Aber ich habe geheult wie eine Bekloppte. Seitdem bin ich schon in andere Löcher gefallen. Ich hab schon vier Staffeln "Nip/Tuck" gesehen, die werden auch immer schlimmer. Dann hab ich alle Staffeln der "Gilmore Girls" gekuckt, sodass ich mir ganz sicher war, dass Rory und Lorelai Gilmore meine Freundinnen sind. Als das alle war, war ich komplett fertig.

Haben Sie keine Lieblingsserie mehr?

Nein. Aber Ich bin auf der Suche nach neuen Serien und neuen Fernsehfreunden.

Christopher Wurmdobler in FALTER 37/2006



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