Der Teufel von Mailand

Martin Suter


Träger Teufel, trüber Trip

In Martin Suters "Der Teufel von Mailand" wird ein Wellnesshotel für eine Synästhetikerin zur Vorhölle.

Eine LSD-Tablette hat Sonia Forsters Wahrnehmung verzerrt. Sie kann Farben riechen und Stimmen sehen, auch nach dem Ende des Trips. Darüber hinaus erinnert sich die kürzlich geschiedene Frau in plötzlich auftretenden Flashbacks auch noch an ihren Ehemann, einen gewalttätigen Businesstypen. Da sie in Zürich vor ihrem Ex keine Ruhe hat, bricht Sonia ins Unterengadin auf, um ihr Leben neu zu ordnen. Die Kulisse eines verschlafenen Bergdorfes taugt hier freilich nicht zur Idylle. Erstens herrscht ständig mieses Wetter, zweitens geschehen in dem luxuriösen Wellnesshotel, das eine undurchsichtige Schönheit mit Unterstützung dubioser Geldgeber betreibt und in dem Sonia als Physiotherapeutin anheuert, beunruhigende Dinge.

Geübte Suter-Leser sehen schon: Der Schweizer Bestsellerautor hat sich für "Der Teufel von Mailand" erneut am Erfolgsrezept von Romanen wie "Die dunkle Seite des Mondes" oder "Ein perfekter Freund" orientiert. Wieder wird das fragile menschliche Bewusstsein in Bereiche geführt, in denen es sich nur zu leicht aus der sogenannten Normalität ausklinkt; wieder fährt der Autor eine Reihe skurriler Figuren auf; und wieder wartet er mit einem Krimiplot auf, der gegen Ende hin unerwartete Wendungen nimmt.

Zunächst gilt es allerdings einmal, die ersten neunzig Seiten zu bewältigen. Mühsam schleppt sich die Exposition dahin, enthält zudem auch kaum Hinweise darauf, was sich später in Sonias Wellnessvorhölle zutragen wird. Überhaupt läuft bei diesem Buch für einen Autor, dessen page turner-Qualitäten stets gelobt werden, erstaunlich viel ins Leere. Spannung stellt sich da für Momente ein, die Nebenfiguren bleiben blass und Sonias Drogenerfahrungen hat Suter zwar bei LSD-Erfinder Albert Hofmann recherchiert, was diese aber auch nicht plastischer macht.

Wenn es etwas gibt, das einen bis zur letzten Seite durchhalten lässt, dann sind es zwei Dinge: das Teufelsmotiv, das über eine alte Sage eingeführt wird und endlich etwas Schwung in die Handlung bringt; und die wackere, nach Dienstschluss gern einmal an der Bar hängen bleibende Protagonistin. Beim geduldigen Leser allerdings bleibt nach beendeter Lektüre wenig hängen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 37/2006



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