Sommerfest mit Preisschießen. Die unbekannte Geschichte des NS-Putsches im Juli 1934

Hans Schafranek


SA gegen SS

Das neue Buch von Hans Schafranek enthüllt bisher unbekannte Hintergründe des gescheiterten Naziputsches vom 25. Juli 1934.

Als Erinnerungsstütze für Geschichtsmuffel: Am 25. Juli 1934 besetzte eine Einheit der illegalen Wiener SS-Standarte 89 handstreichartig das Bundeskanzleramt. Die seit Mitte 1933 in Österreich verbotenen Nationalsozialisten hatten geplant, die Regierung während einer Ministerratssitzung festzunehmen und die Einsetzung einer neuen, nazifreundlichen zu erzwingen. Zeitgleich sollte die SA, alarmiert durch eine Durchsage des von SS-Leuten besetzten Rundfunks, überall im Land die lokale Macht ergreifen. Das ging bekanntlich alles höchst spektakulär daneben.

Über die Umstände des Putsches im Kanzleramt, insbesondere die Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, ist viel spekuliert worden. Vermutlich wurden die verdächtigsten Spuren von beiden Seiten - Austrofaschisten und Nazis - zu gut verwischt, als dass man zu den offenen Fragen noch seriöse Antworten finden könnte. Anders verhält es sich mit dem misslungenen, gleichwohl höchst gewalttätigen und blutigen Aufstand der SA in mehreren Bundesländern. Was da konkret wieso schiefgelaufen ist, was hinter den nach außen hin völlig unkoordiniert wirkenden und auf offensichtlich illusionären Voraussetzungen basierenden Aktionen steckte, war für die Geschichtsschreibung ebenfalls lange Zeit ein Rätsel. Denn über die Hintergründe der Aufstandsplanung liegt von NS-Seite kein geschlossener Aktenbestand vor, auf den man hätte zurückgreifen können.

Trotzdem: Das Rätsel kann mittlerweile als weitgehend gelöst betrachtet werden. Dazu bedurfte es keines spektakulären Quellenfundes in irgendeinem verstaubten Keller, sondern der bienenfleißigen, zähen Archivrecherche. In den unterschiedlichsten Beständen förderte der Wiener Historiker Hans Schafranek aufschlussreiche Dokumente zutage: mehr als subjektiv gehaltene Elaborate, eher der Verschleierung als der Wahrheitsfindung dienende Rechtfertigungsberichte, Vernehmungsprotokolle und Gerichtsakten. Aber auch diesen Dokumenten - von denen einige im Anhang des Buches im Originalwortlaut abgedruckt sind - ist per se nicht zu entnehmen, wieso es tatsächlich zum Desaster der österreichischen Nationalsozialisten im Juli 1934 kam. Um das herauszufinden, muss man zwischen den Zeilen lesen und mit Kreativität und Kombinationsvermögen weit verstreute Informationshappen zusammenfügen, die nicht selten vordergründig so aussehen, als hätten sie gar nichts miteinander zu tun.

Eine spannende Angelegenheit. Freilich, die unzähligen Namen, Fakten und Details machen es nicht immer ganz leicht, dem Buchinhalt zu folgen. Wer sich darauf einlässt - es muss kein Fachhistoriker sein -, dem enthüllt sich Kapitel für Kapitel die geheime Geschichte des Juliputsches. Staunend erfährt man, wie der österreichische SA-Führer Reschny zwar vordergründig versprach, den SS-Putsch zu unterstützen, diesen aber tatsächlich hintertrieb, weil er selbst für Herbst 1934 den Staatsstreich plante und die Lorbeeren einstreichen wollte. Nicht weniger staunt man darüber, dass sich die Führer des 1933 ins Nazilager gewechselten Steirischen Heimatschutzes, die an sich zu SA-Führern mutiert waren, heimlich mit den Betreibern des SS-Putsches in Wien geeinigt hatten und auf deren Signal hin - und nicht auf das der Obersten SA-Führung, der sie formal unterstanden - am Nachmittag des 25. Juli in der Steiermark losschlugen. Und so weiter. An dieser Stelle soll und kann nicht alles verraten werden.

Über einige der Schlussthesen Schafraneks kann man diskutieren, aber das ist wohl der Sinn der Sache. Und sogar der Rezensent, selbst vom Fach, hätte sich zur Orientierung während des Lesens ein ausführliches alphabetisches Verzeichnis der erwähnten Personen und ihrer Funktionen gewünscht. Etwas mehr an allgemeiner Einführung in die Situation des Jahres 1934 hätte vielleicht nicht geschadet, aber ganz bei null kann der Leser eines solchen Buches sowieso nicht anfangen.

Das sind letztlich Peanuts. Gemessen an seinem Anspruch muss man über dieses bemerkenswerte Buch sagen: Mehr kann investigative Geschichtsforschung eigentlich nicht leisten. Eine wichtige Forschungslücke ist geschlossen.

Kurt Bauer in FALTER 36/2006



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