Texte zur Architektur


"Besser ist relativ"

ARCHITEKTUR Der Architekt Friedrich Kurrent wird 75. Als Lehrer, Redner, Ausstellungsmacher, Denkmalretter und Publizist hat er sich einen Namen gemacht, gebaut hat er kaum was.

Friedrich Kurrent setzt sich zum Interview in Sommerein am Leithagebirge auf die Steinbank vor die alte Kirche, die er Anfang der Sechzigerjahre für seine Lebensgefährtin, die Bildhauerin Maria Biljan-Bilger, in ein Atelierhaus umbaute. "I

Über seinem von einem Panamahut bedeckten Kopf wuchert der Efeu, die Barthaare haben seit Jahrzehnten keine Rasierklinge mehr zu fürchten. Auf dem Steintisch liegen Feuilletonseiten, Kurrent serviert eine Dopplerflasche Weißwein, einen Teller mit Zwetschkenkuchen und blickt auf die Taschenuhr: Hat der türkische Kaffee lang genug geköchelt? Zum Essen geht Kurrent zum Heurigen und in eine Konditorei im Nachbarort; das Dorfgasthaus hat kürzlich zugemacht. Selbst kocht er auf einer Elektroplatte nur das Nötigste, manchmal eine Knackwurst.

In seiner vor fünf Jahren erschienenen Monografie zählt Kurrent seine Mitgliedschaften auf: Mitglied des von Le Corbusier begründeten Congrès Internationaux d'Architecture Moderne seit 1955, Mitglied Nummer sechs des Wiener Filmmuseums, Gründungsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Architektur. Welche Mitgliedschaft er den Lesern verschwiegen hat? "Keine. Wie ich die Geschichte über Günter Grass zum ersten Mal gehört habe, habe ich mir gedacht: Ah ja, das hat einem Menschen, der 1927 geboren worden ist, durchaus passieren können. Bei Kriegsende 1945 war ich dreizehneinhalb Jahre alt. Genau am zehnten Geburtstag habe ich in Salzburg mit der Mittelschule angefangen, und da ist man zur DJ, zur Deutschen Jugend, einberufen worden."

Kurrents architekturgeschichtliche Bedeutung erschließt sich weniger aus dem, was er gebaut hat, sondern aus den vielen Baudenkmälern, die er vor dem Abriss rettete, und den legendären, in den Sechzigerjahren gemeinsam mit Johannes Spalt ausgerichteten Ausstellungen über die Wiener Moderne. Wie bei vielen Künstlern mit schmalem Ruvre wird sein Rang durch etwas gerechtfertigt, was sich unbestimmt "Haltung" nennt. Der Architekturhistoriker Friedrich Achleitner nennt seinen Schulfreund einen "Gerechten bis zur Selbstzerstörung". Das impliziert eine natürliche Abneigung gegen Stararchitekten, Siebenzehntelflaschen und karrieristische Studienkollegen wie Gustav Peichl oder Wilhelm Holzbauer.

Stellt sich also zunächst einmal die Frage, was Kurrent möchte, dass gebaut worden wäre: "So wahnsinnig vieles ist es nicht, was Bestand hätte, aber einiges schon." Er nennt die "Wohnraumschule", eine Schule neuen Typs, die er mit der Architektengruppe arbeitsgruppe 4 Anfang der Fünfzigerjahre entwickelte. Die Errichtung eines zeitgemäßen Hauses in der Biedermeierumgebung des Wiener Spittelbergs scheiterte in letzter Sekunde ebenso wie jene eines Fritz-Wotruba-Museums neben der von dem Bildhauer gestalteten Kirche in Mauer. "Das tut mir wahnsinnig leid." Schließlich nennt Kurrent noch "zwei, drei Sachen in München", wo er mehrere Jahrzehnte an der Technischen Universität unterrichtet hat.

Seit seiner Emeritierung lebt Kurrent wieder in Österreich, pendelt zwischen seinem Haus am Spittelberg und Sommerein, wo er seiner vor neun Jahren verstorbenen Frau die Maria Biljan-Bilger Ausstellungshalle baute. Wie eine archaische Kultstätte oder ein rumänisches Volkskundemuseum aus den Fünfzigerjahren wirkt der Steinbau mit dem gewellten, mit Kies belegten Dach. Die geringen, zögerlich fließenden Subventionen führten zu immer weiteren Reduktionen. Die stählernen Skulpturenpodeste stehen auf grobem Betonboden, die Decke ist unverputzt. Hinter dem Haus hat er einige Außenskulpturen Biljan-Bilgers aufgestellt. Es sind mythologische, surreal anmutende Figuren, wie sie in der Nachkriegszeit modern waren. Ein aufgelassener Steinbruch bildet die natürliche Umfriedung der Anlage. Nur an einer Stelle kann man über einen Erdhang in den Wald des Leithagebirges hinaufgehen. Den habe ein Bürgermeister aufgeschüttet, ärgert sich Kurrent. Kurz vor einer Wahl sei er mit einem Raupenfahrzeug aufgetaucht, um eine Rodelpiste in den Hang zu graben. "Geschneit hat's dann eh nicht."

Kurrent wuchs im Salzburger Dorf Hintersee auf. "Es liegt am Ende eines Tales, wo man nur eine Richtung hat: weg von dort." Indianerzelte, Sandburgen, Baumhäuser - ist die Kindheit nicht voller Architektur? "Ja, wobei ich keine Sandburgen gebaut habe: Das war eine waldreiche und steinige Gegend." Sein Vater errichtete Materialseilbahnen für die Holzarbeiter, im elterlichen Holzblockhaus hatte er seine Werkstatt. "Daher kommt mein konstruktives Denken, dessen Fehlen ich an der heutigen Architektur kritisiere. Selbst der Dekonstruktivismus muss ein starkes konstruktives Verständnis haben, sonst kann ich ja nichts dekonstruieren. Das Hauptwerkzeug von uns Architekten, der Raum, wird durch den Bau bestimmt und der Bau durch das Tektonische und Strukturelle."

Kurrent gehört zu jener Nachkriegsgeneration, deren Kreativität von der Monotonie des kommunalen Wohnungsbaus ausgetrocknet wurde. Außer einigen Kirchenbauten gab es kaum öffentliche Aufträge. Die Architekturgeschichte bildete eine natürliche Gegenwelt, die etwas Glanz in den frustrierenden Wettbewerbsalltag brachte. Zu entdecken gab es viel, litt die österreichische Nachkriegsgesellschaft doch unter kultureller Amnesie. Otto Wagner, Adolf Loos, selbst noch lebende, emigrierte Architekten wie Josef Frank oder R. M. Schindler waren vergessen. Das Biedermeierviertel am Spittelberg, die von Adolf Loos gestaltete Bankfiliale auf der Mariahilfer Straße, das Semper-Depot oder das Wittgensteinhaus; ohne die Zivilcourage Kurrents und ein paar Gleichgesinnter wären diese architektonischen Meilensteine heute verschwunden.

Die Loos-Bank an der Kreuzung Mariahilfer Straße/Neubaugasse entdeckte Kurrent in einer Nacht des Jahres 1967. "Plötzlich reißt es mich. Jessas na, dieses Portal, mein Gott, dort oben die Kassetten. Das ist ja wie im Vorraum vom Loos-Haus. Der Stein, das ist der Marmor von Knize. Da war dann kein Zweifel mehr." Die Zentralsparkasse wollte die Filiale gerade umbauen und stoppte den Abriss erst, als im Loos-Archiv der Albertina ein kleiner Zettel mit einer Zeichnung des Portals gefunden wurde.

Ein wichtiges Kapitel der neueren Architekturgeschichte begann 1945 in einem Klassenraum der Salzburger Gewerbeschule. Kurrent saß in der zweiten Reihe, in der vierten saßen Friedrich Achleitner, Johann Georg Gsteu, Hans Puchhammer und Wilhelm Holzbauer. Mit Letzterem und Johannes Spalt gründete Kurrent die arbeitsgruppe 4. Als Holzbauer im vergangenen Jahr seinen 75. Geburtstag feierte, erschien eine monumentale Monografie, um vieles schwerer als jene seines Jugendfreundes. Tut so viel Erfolg nicht ein bisschen weh? "Die Quantität ist da, er hat sehr viel verwirklicht. Das Komische ist, ich bin um nichts neidisch. Und jetzt kritisiere ich ihn enorm wegen des Salzburger Festspielhauses."

Wie Holzbauer studierte Kurrent an der Akademie bei Clemens Holzmeister, dem Architekten des Kleinen und Großen Festspielhauses. Zum Mozartjahr 2006 wurde das Kleine Festspielhaus von Holzbauer und François Valentiny zum Haus für Mozart umgebaut. Hätte Kurrent das Haus für Mozart in Salzburg besser gemacht? "Besser ist relativ. Was ich jedenfalls nicht gemacht hätte: den Holzmeister abbrechen. Die Außenmauern vom alten Festspielhaus hätten stehen bleiben müssen. Diese Front war wie ein Lesebuch. Da hat man die ganze Baugeschichte des Ersten Festspielhauses von Holzmeister aus den Zwanzigerjahren und aus den Jahren 1937/38 ablesen können. Außerdem ist das kein Haus für Mozart. Das müsste kleiner sein, sodass man von jedem Platz aus gut hören und die Mimik und Gestik der Sänger sehen kann. Holzbauer hat sich da sentimentalisch hineingeraunzt. Er sagt, er habe Clemens in die sterbende, noch warme Hand hinein versprochen: ,Das machen wir.' Das ist lächerlich."

Jeder Besucher einer Wiener Architekturveranstaltung hat Kurrent schon als notorischen Zuwortmelder erlebt. In eine Podiumsdiskussion über NS-Architektur schaltete er sich mit dem Hinweis auf ein von Josef Hoffmann gestaltetes Offizierskasino mit Hakenkreuztapeten ein. Zum Thema Hochhäuser in der Donaucity meinte er: "Das Ganze ist falsch, in Bausch und Bogen. Was heute Platte genannt wird, hätte niemals so gebaut werden dürfen." Er selbst legte Mitte der Sechzigerjahre ein Stadterweiterungskonzept mit Bauten an der Alten Donau vor. "Das wäre ein Zentrum für den Stadtteil drüben geworden, nicht isoliert, wie es jetzt ist. Die Platte hätte ein Freiraum dazwischen werden können."

Immer wieder kommt Kurrent auf seine Frau Maria Biljan-Bilger zu sprechen, die ihm, dem leidenschaftlichen Anhänger des Ornamentenstürmers Loos, das Ornament näher gebracht habe: "Ich war zwischen zwei Feuern." Ein Kapitel im Leben der um 19 Jahre älteren Künstlerin kam erst zum Vorschein, als die Grazer Neue Galerie für die Ausstellung "Moderne in dunkler Zeit" das Leben der Grazer Künstlerin während der NS-Zeit recherchierte. Nach dem "Anschluss" 1938 tauchte sie in Wien als Hilfsarbeiterin unter, einige ihrer Freunde aus der Grazer Zeit, die politischen Widerstand leisteten, wurden hingerichtet. Erst als er das hörte, wusste Kurrent, warum Maria niemals eine schriftliche Notiz liegen ließ. In ihrem kleinen Wiener Atelier versteckte sie gegen Kriegsende den italienischen Fremdarbeiter Wander Bertoni, der nach dem Krieg Bildhauerei studierte. Eine kleine Aktfigur in der Ausstellungshalle erinnert an ihn. Jenseits der Leithawälder, in Winden am Neusiedlersee, hat er sein eigenes, von Johannes Spalt gestaltetes Refugium. Die paar Kilometer dorthin durch den Wald ist Kurrent nie gegangen.

Matthias Dusini in FALTER 36/2006



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