Das Wetter vor 15 Jahren

Wolf Haas


Wie es würklich war

Wolf Haas hat seinen ersten Nichtkrimi geschrieben: In "Das Wetter vor 15 Jahren" gibt er ein Interview über seinen jüngsten Roman. Mit dem "Falter" sprach er über das Wetter, über Interviews, den "Spürterror" und die Würklichkeit.

Als Wolf Haas vor zehn Jahren mit "Auferstehung der Toten" seinen ersten Krimi herausbrachte, war damit der Grundstein für eine ungewöhnliche literarische Karriere gelegt: Der 1960 in Maria Alm im Pinzgau geborene Schriftsteller und Werbetexter avancierte mit seinen Romanen rund um Privatdetektiv Brenner gleichermaßen zum Liebling eines breiten Publikums und der Kritik; darüber hinaus gelang es ihm, mit seinem an die gesprochene Sprache angelehnten, nichtsdestotrotz aber hochartifiziellen Idiom, dem sogenannten "Haasisch", bis in den Alltagssprachgebrauch vorzudringen.

Mit "Das ewige Leben" hat Haas 2003 nach einem halben Dutzend Büchern die Serie der Brenner-Romane beendet. "Das Wetter vor 15 Jahren" ist sein erster Nichtkrimi. Es wäre freilich nicht Wolf Haas, hätte er diesen auf mehr oder weniger konventionelle Weise erzählt. So aber besteht der ganze interkulturelle Liebesroman über die nachhaltige Leidenschaft eines Mannes aus dem Ruhrpott für seine österreichische Ferienliebe aus Jugendtagen aus einem einzigen Interview über eben diesen Roman, das Wolf Haas einer deutschen Journalistin gibt. Und es wäre nicht Wolf Haas, wenn dieser "Roman im Roman", dessen Handlung über einen Auftritt des Protagonisten bei "Wetten, dass ...?" in Gang kommt, bei seinem überaus unterhaltsamen und intelligenten Weg durch das deutsch-österreichische Sprachdickicht nicht auch noch zu einem furiosen, actiongeladenen Finale fände.

Falter: Herr Haas, reden wir übers Wetter.

Wolf Haas: Gerne. Das ist ein vielbespottetes Thema, aber wenn ich zum Beispiel mit meiner Mutter telefoniere, rede ich eigentlich immer übers Wetter.

Jetzt kommt ja sowieso das beste.

Stimmt. Der Herbst ist eine überaus angenehme Jahreszeit, die beste, um sich zu verlieben. Im Sommer ist es ja zu heiß, um sich überhaupt näherkommen zu wollen. Ich halte Hitze nicht aus.

Wie sind Sie denn aufs Wetter gekommen?

Im Zentrum des Titels steht für mich ja gar nicht so sehr "das Wetter", sondern vielmehr "vor 15 Jahren" - die Sentimentalität des Ganzen. Als ich mir den Titel notiert habe, was ja auch fast schon 15 Jahre zurückliegt, hat dieses "vor 15 Jahren" noch die Jugend gemeint.

Der Titel stand am Anfang?

Ja. Übrigens nicht zum ersten Mal: Bei "Komm, süßer Tod" war es auch so: Mit so einem Titel, dachte ich damals, kann ich den Roman gar nicht vergeigen. Im Prinzip gehe ich ja immer von formalen Dingen aus und schaue dann, welcher Inhalt dazupasst.

Und da sind Sie auf die Sache mit "Wetten, dass ...?" verfallen?

Nein, die kam erst ganz am Schluss.

Sie schauen sich das immer an?

Nein, ich habe keinen Fernseher. Wenn ich allerdings auf Lesereise bin, schaue ich im Hotel nur noch fern - wie ein Kind, das ein Monat Fernsehverbot gehabt hat: Alles ist interessant! Dadurch hole ich dann das Versäumte relativ schnell auf. Für so triviale Muster wie eine Wette bin ich außerdem sehr empfänglich. Ich hatte lange Kapitel geschrieben, die dann leider nicht mehr hineingepasst haben und die nur aus der Aufzählung von Wetten bestanden. Man kann das ja im Internet im sogenannten "Wettarchiv" alles nachlesen. Und da ist mir aufgefallen, dass es im Lauf der Jahre an die zehn Wetten mit Gabelstaplern gegeben hat: Alltagsmythos Gabelstapler!

Was, vom Titel einmal abgesehen, hat denn nun Ihren Roman sozusagen ins Rollen gebracht?

Ich wollte etwas anderes machen als davor, und die "Brenner"-Romane wurden immer als "österreichisch" wahrgenommen. Fast jede Woche kriege ich ein E-Mail von einem Schüler, der eine Fachbereichsarbeit über "Das Österreichische bei Wolf Haas" schreiben muss. Da erschien mir das Länderübergreifende der Urlaubsliebesgeschichte als guter Ausweg.

Kowalski fährt mit der Familie immer vom Ruhrgebiet nach Farmach. Wo ist denn das überhaupt?

Das ist ein Ortsteil von Saalfelden. Das spielt zwar in der Erzählung selbst gar keine Rolle, ist aber für mich wichtig, weil er eine gewisse Intensität hat. Und die besteht darin, dass es in Farmach eine Gebärklinik gab, wo alle Kinder im Umkreis von dreißig, vierzig Kilometern auf die Welt kamen - auch ich. Interessant ist der Ort für mich aber vor allem deswegen, weil er ein zentrales Problem unserer Zeit birgt: Die Gebärklinik ist nämlich mittlerweile zu einem Altersheim umgebaut worden, sodass die gleichen Leute, die dort geboren wurden, heute zum Sterben hingehen.

Das haben Sie ja gar nicht verwendet! Eigentlich schade.

Nein, das ist für mich überhaupt das Attraktivste am Schreiben: was auszulassen.

Und Sie haben dann einen großen Spaß daran, dass niemand eine Ahnung davon hat, was Sie alles ausgelassen haben! Mussten Sie nicht überhaupt einiges verwerfen, um zu einer plausiblen und für Sie selbst überzeugenden Erzählhaltung zu kommen?

Ja, das war das Schwierigste. Ich habe zwei Jahre geschrieben, die Geschichte im Grunde genommen schon in mehreren Versionen fertig gehabt - ähnlich wie beim ersten "Brenner"-Roman, den ich auch schon in einem anderen, allerdings stinkfaden Stil fertig hatte. Am ersten Tag, an dem ich das im Interviewton versucht habe, wusste ich aber: Das ist es jetzt. Und danach hab ich es auch ganz schnell runtergeschrieben.

Wie sind Sie auf diesen Ton gestoßen?

Den hatte ich eigentlich schon viele Jahre im Kopf gehabt: Es wäre witzig, mal einen Roman zu schreiben, der aus einem Interview über den Roman besteht. Letztendlich gibt's also doch viele Parallelen zum Brenner: Zum Beispiel bin ich wieder zur gesprochenen Sprache zurückgestolpert.

Und es gibt eine batz'n Explosion!

Ja, und auch so etwas wie einen allwissenden Erzähler, weil der Autor, der da über seinen Roman redet, alles weiß.

Während ihn seine Gesprächspartnerin ständig davon zu überzeugen versucht, dass er eben nicht alles weiß.

Und ihn am Schluss ja tatsächlich eines Fehlers oder einer Fälschung überführt.

Die deutsch-österreichische Geschichte, die der Roman erzählt, wiederholt sich insofern auch im Interview, als das Interview mit "Wolf Haas" für die Literaturbeilage von einer Deutschen geführt wird.

Das hat mit meiner grundsätzlichen Situation als Autor zu tun, wenn ich in Norddeutschland wieder mal versucht habe, jemandem zu erklären, wie das gemeint ist. Es verstehen viele in Berlin oder Hamburg sehr genau, worum's mir geht, aber es gibt auch viele klischeehafte Österreich-Bilder: Ich, der ich mit dreißig nach Wien gekommen bin, werde als typischer Wiener wahrgenommen. Der typische Wiener ist natürlich sehr makaber, obwohl es für einen Krimi nicht sehr ungewöhnlich ist, dass es da auch Leichen gibt. Die Assoziationen sind dann der Zentralfriedhof und Ludwig Hürsch ...

... Ludwig Hirsch?!!

Jaja, das Dunkle!

Geben Sie eigentlich gern Interviews?

In erster Linie lese ich sie irrsinnig gern. Wenn es in der Zeitung unter mehreren Artikeln ein Interview gibt, lese ich das immer zuerst. Auf diesen Effekt war ich neidig! Als Schriftsteller muss man sich immer mit dieser Prosasülze abquälen, und ein Interview kann man ganz lässig und schnell zum Bier lesen. Andererseits ist es eine fast dummdreiste Form, weil man immer glaubt: Das ist wirklich so - Realität pur, ohne Text dazwischen.

"Würklich", wie Ihre Interviewerin sagen würde.

Das ist eine Parodie auf manche deutschen Akzente.

So wird wirklich gesprochen?

Ich hör das oft: "einen Füsch essen".

Das kommt im Roman aber nicht vor?!

Eben. Ich habe ihr nur drei Wörter gegeben: "würklich", ürgend..." und "Gehürn." Das sind drei Begriffe, die die sprachliche Konstruktion von Wirklichkeit umfassen. Jedes Interview enthält ja irgendwie diese Grundfrage: "Okay, du hast einen Roman geschrieben, aber jetzt erzähl mal, wie's wirklich war!"

Sie sagt aber auch "Kürche."

Ja, richtig! Die Transzendenz der "Würklichkeit" hätte ich jetzt fast vergessen.

Und wird Ihre Antwort dann wirklich so wiedergegeben, wie Sie's wirklich gesagt haben?

Durch Kürzungen verändert sich natürlich der Sinn, absichtlich verfälscht wurden meine Antworten aber noch nie. Außerdem redet man mit jedem Menschen ein bissl anders und ist darauf angewiesen, wie der reagiert. Meine Erfahrung ist jedenfalls, dass man sich von einem blöden Fragensteller nie erholt - dem ist man ausgeliefert. Andererseits habe ich mir auch schon gedacht, dass ich auf den Fotos den Fotografen ähnlich schaue.

Ihre Gesprächspartnerin im Roman ist unglaublich gut vorbereitet viel besser als ich jetzt. Sie führt das Interview auch über Tage hinweg.

Da steht kein realistischer Anspruch dahinter. Ich wollte das einfach auf Romanlänge strecken. Entscheidend war für mich, dass die Geschichte über die Fragen genauso erzählt wird wie über die Antworten. Wenn sie sagt, "das ist ja der Rivale", leistet diese kleine Bemerkung etwas, wofür ich in normaler Prosa drei Seiten brauche. Daran hatte ich eine richtig diebische Freude: Mit einem Satz kann ich ein ganzes Kapitel erzählen! In normaler Prosa entspricht eine bestimmte Quantität des Erzählten meistens einer analogen Quantität in der Form: Ein kleiner Schrecken kriegt eine halbe Seite, ein großer eine ganze. Diese lähmende Entsprechung wollte ich aufbrechen.

Es ist eine narzisstische Basistechnik, im Kopf Interviews mit sich selbst zu führen. Tun Sie das manchmal?

Das habe ich vielleicht mit 15 gemacht; da war ich aber noch nicht Autor, sondern Skirennfahrer oder Popstar.

Aber auch als Autor können Sie bestimmen, wer was sagt und wie aussteigt. Und die Interviewpartnerin von "Wolf Haas" in dem Roman kommt ja eher ein bissl krätzert rüber.

Es wäre mir total feig vorgekommen, wenn ich sie recht gscheit und mich deppert dargestellt hätte. Wenn ich es nicht aushalte, dass ich hin und wieder gut dastehe, muss ich es gleich bleiben lassen. Der Vorwurf der Eitelkeit steht ohnedies von der ersten Seite an massiv im Raum. Aber nachdem sie am Anfang ein bisschen auf der Leitung steht, dreht sie am Schluss den Spieß um, und ich komme ins Schwimmen.

Sie geben, wie Ihre Gesprächspartnerin ja auch bemerkt, immer ein bissl den dummen Ösi, während diese sehr intellektuell daherkommt - mit so einem hochgestochenen Germanistenvokabular.

Die Inspiration kam vom Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, den ich mir vor ein oder zwei Jahren im Internet angesehen habe. Verräterischerweise habe ich mich für die Texte überhaupt nicht interessiert, fand aber die Diskussionen spannend. Und zufällig war's einmal so, dass drei der Diskutanten - ich weiß nicht mehr, ob Sie einer davon waren - innerhalb von kurzer Zeit "too much" gesagt haben. Als ich 1990 als Werbetexter begann, war das die beliebteste Vokabel. Immer, wenn ich eine Idee hatte, hieß es: "Das ist eh ganz lässig, aber ein bissl too much." Und die Feuilletonisten haben 15 Jahre gebraucht, bis sie das jetzt endlich auch verwenden!

Im Übrigen habe ich mich vor der Lektüre Ihres Romans genau davor gefürchtet: ein Roman in Interviewform? Wenn das bloß nicht "too much" wird!

Das haben mir schon einige erzählt: "Pah, am Anfang hab ich mir gedacht: Das geht sich nicht aus." Dasselbe hab ich übrigens beim ersten Brenner-Roman zu hören gekriegt.

Und schließlich wird es dann ja im Roman auch ein bisschen viel - gegen Ende geht's ja noch mal richtig zur Sache.

Weil ich unbedingt wollte, dass der Roman, über den gesprochen wird, gleich gewichtet ist wie das Gespräch selbst. Am Schluss soll der Leser einfach das Gefühl haben, den Roman gelesen zu haben. Ich habe eine besondere Freude daran, unrealistische Geschichten so zu erzählen, dass sie realistisch wirken. Und dadurch, dass sich die Interviewform so in den Vordergrund drängt - also da findet sozusagen das Literarische statt -, bleibt das, worüber sie reden, von Stil unbehelligt, geht als wirklich durch. Diese Ablenkung hat schon in den Romanen davor ähnlich funktioniert; die Leser haben gedacht: Der Erzähler ist vielleicht ein Trottel, aber den Brenner gibt's wirklich. Es ist wie im Fußball: Der eine Stürmer zieht den Verteidiger ganz nach rechts, damit links mehr Platz ist.

Haben Sie den Leser nun reingelegt?

Reingelegt wird jeder, der einen Roman liest, aber was mich reizt, ist, dass man's offen macht: vergleichbar einem Gebäude wie dem Centre Pompidou, bei dem die Rohrleitungen außen verlaufen. Am Spannendsten ist es dort, wo man sich wider besseres Wissen mitnehmen lässt.

In manchen Aspekten ist Ihr Roman aber auch durchaus realistisch: Das von Ihnen erfundene Wort "Spürterror" wird sicher seinen Weg in den Alltagssprachgebrauch finden und noch viele Beziehungsdiskussionen bestimmen.

Ich muss zugeben, dass ich an diesem Wort meine Freude hatte. Ich wundere mich immer wieder, wenn man so was gesagt kriegt wie: "Wir haben uns viel zu sagen - ich spüre, dass du das auch spürst." Wo doch die Sprache erfunden worden ist ...

... damit man sich das Spüren sparen kann.

(Lacht.) Genau!

Sie sind bekannt dafür, weniger zu recherchieren, als man annimmt. Wie war es diesmal?

Da habe ich mehr recherchiert als in allen anderen Fällen. Zum Beispiel bin ich tatsächlich eine Woche ins Ruhrgebiet gefahren: eine wirklich interessante Reise, die mir gezeigt hat, wie rückständig und klischeehaft meine Vorstellungen von dieser Gegend waren.

Und worauf sind Sie dort gestoßen?

Zum Beispiel auf ein altes Ehepaar in der Straßenbahn in Dortmund, die beobachtet haben, wie Stromleitungen demontiert werden. Worauf er zu ihr gemeint hat: "Sieh dir das an: Das wird alles abgebaut!" Das hatte so eine irre Melancholie - besonders weil ja die Gegend tatsächlich vom Abbau gelebt hat. Auf diese Weise ist der "Abbauingenieur" in den Roman gekommen.

Und diesen Beruf gibt's wirklich?

Man könnte es sich vorstellen.

Klaus Nüchtern in FALTER 36/2006



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