Golden Years. Materialien und Positionen zu queerer Subkultur und...

Diedrich Diederichsen, Christine Frisinghelli


Glanz der Gegenkultur

"Golden Years" beleuchtet die von der offiziellen Geschichtsschreibung weitgehend ignorierte queere Subkultur der Sechziger.

Jack is the daddy of us all", sagte der amerikanische Regisseur und Schauspieler Charles Ludlam über den Filmemacher und Autor Jack Smith und spielt damit auf den überragenden Einfluss des Wegbereiters des amerikanischen Undergroundfilms an. Noch bevor Andy Warhol oder John Waters mit "queeren" - verkürzt gesagt "schwulen" oder "lesbischen" und erweitert betrachtet "gegenkulturellen" - Elementen oder "Dragästhetik" hantierten und sich dabei von Smith inspirieren ließen, legte der 1989 in New York verstorbene Künstler obendrein auch den Grundstein für "Camp", ein bewusstes Spiel mit billig-trashigen Produktionsmitteln, die sich ungeniert an amerikanischer Popkultur bedienen. Der Geist seiner Arbeit lebt aber auch in der Androgynität des Glamrock weiter, und selbst im Punk, den Künstlerstar Mike Kelley hier als den "letzten Seufzer des Avantgardismus im Pop" bezeichnet, lässt sich das Spiel mit Ironie und Unterwanderung noch herauslesen.

Sieben Jahre mussten vergehen, bis das Herausgeberteam der "Golden Years" - darunter Diedrich Diederichsen, Christine Fringsinghelli und eine Vielzahl von Kulturwissenschaftern - den 384 Seiten dicken Wälzer zur Vollendung brachte. Der Titel des erst jetzt erschienenen Begleitwerks zum steirischen-herbst-Projekt "Remake/Re-Model - Secret Histories of Art, Pop, Life and the Avantgarde" des Jahres 1999 spielt, bewusst nostalgisch verbrämt, auf die künstlerische Strahlkraft dieser Epoche an. Laut Christine Frisinghelli, Redaktionsleiterin des Grazer Kunstvereins Camera Austria, "gibt es eben Dinge, die lange brüten müssen". Wie der Untertitel des Projekts "Secret Histories" schon klar macht, gingen sämtliche der hier betrachteten Subkulturaktivisten gar nicht oder nur teilweise in die offizielle Geschichtsschreibung ein, arbeiteten unermüdlich an der Peripherie, bis der Mainstream ihre Ideen absorbierte.

Und so erfährt man von Poptheoretikern wie dem Spex-Urahn Diederichsen von der Bedeutung der Performancegruppe The Cockettes, die John Waters als die "ersten hippen Drag Queens" bezeichnete, liest, wie John Kelley seine Liebe zu queerer Gegenkultur bei den Mothers of Invention oder dem für eine "böse-schwule" Ästhetik verantwortlichen Regisseur Kenneth Anger entdeckt, und darf in dem poetischen Originaltext "Die vollendet filmische Maria Montez" von Jack Smith an seiner Verehrung für die in den Vierzigerjahren tätige und - laut Smith - "schulterpolstrige, goldplateaubeschuhte Sirene" und B-Movie-Queen Montez teilhaben. Der Village Voice-Filmkritiker Jim Hoberman leuchtet die Hintergründe zum 1963 präsentierten Smith-Skandalfilm "Flaming Creatures" aus, Zeitzeugen wie die ehemalige Warhol-Darstellerin Mary Woronov erfreuen mit persönlichen Anekdoten.

Nur selten verliert sich das Werk in unzugänglichen Theorieexegesen zu Gender und Identität, besticht andererseits durch detailnahe Aufarbeitungen, die als Nachschlagwerk weniger geeignet, dafür aber als lesenswerte Bereicherung für Menschen, die David Bowie nicht als Übervater des chamäleonhaften Identitätsspiels akzeptieren möchten, absolut empfehlenswert sind.

Tiz Schaffer in FALTER 35/2006



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