Alle meine Kriege. Texte aus meinem Leben

Marusa Krese


Krieg essen Sprache auf

Die Grazer Stadtschreiberin MarusÇa Krese legt mit "Alle meine Kriege" ein ebenso poetisches wie hartes Buch über den Krieg vor. Ein Gespräch über "wirkliches Tun", den Blick des Schriftstellers, über Mad Max und Peter Handke.

Wenn MarusÇa Krese auf dem Weg ins Cerrini-Schlössel, das sie als Stadtschreiberin ein Jahr lang bewohnt hat, aus dem Lift auf den Grazer Schloßberg tritt, fällt ihr Blick zuerst auf einen Feigenbaum. "Aus irgendeinem Grund wirkt Graz südlicher als Ljubljana", sagt Krese, die ihre Heimatstadt schon in den Achtzigerjahren gegen Tübingen und Berlin eingetauscht hatte. Damals in dem Wissen, jederzeit auch wieder zurück in ihr "Jugoslavija" zu können, das ihr nie nur die kommunistische Diktatur war, wie sie in den Medien vereinfacht dargestellt wurde, sondern immer auch ein offenes Land, das versucht hat, einen eigenständigen Weg zu gehen.

Seit den aufkeimenden Nationalismen und den Kriegen um die Unabhängigkeit Sloweniens, Kroatiens und Bosniens, die sie in ihren Texten von Anfang an vehement kritisiert hatte, wurde diese Rückkehr für Krese, die zunächst als Psychotherapeutin, später als Lyrikerin und Radiojournalistin arbeitete, immer schwieriger. "Seit 1990 ist Slowenien politisch immer mehr Provinz geworden", sagt sie und hat sich daher eine Form "postjugoslawischen Nomadentums" zu eigen gemacht. Ein Dasein, das keine einfachen Identitäten und Heimaten kennt. Und das gleichermaßen in Berlin auf die Suche geht wie in Baku oder Bethlehem, in Srebrenica oder Sarajevo, das MarusÇ a Krese während der Belagerung praktisch monatlich besuchte, und das persönliches Erleben, politisches Engagement und poetisches Schreiben in einer Weise verbindet, die sich gegen Vereinfachungen sträubt und die condition humaine in all ihren Untiefen auslotet.

Mit "Alle meine Kriege", einer lyrisch-rhythmischen Montage aus neuen Texten, Briefen, Gedichten und Reportagen der letzten Jahre, zieht Krese Bilanz über dieses Nomadentum, eine gleichermaßen politische wie persönliche Geschichte des Verlusts und des Versuchs, der Welt dennoch eine Sprache zu erfinden.

Falter: Sie sind mit Ihrem neuen Buch in einen Krieg - nach Bosnien - zurückgekehrt, den Sie vor mehr als zehn Jahren verlassen haben. Warum?

MarusÇa Krese: Unmittelbarer Auslöser war der Irakkrieg. Da sind so viele alte Bilder zurückgekommen: Alle scheinen sich um Frieden zu bemühen, zugleich ist aber alles schon längst entschieden. Da hat es bei mir angefangen zu rollen. Wir haben ja auch in Jugoslawien immer gedacht, um Gottes Willen, hoffentlich machen die das nicht. Man hofft, es passiert nicht, zugleich weiß man, dass es passiert. Wenn nicht morgen, dann übermorgen.

In Ihrem Text ist auch die Rede von der "Wiederholung" der Geschichte. Schwingt da Ohnmacht mit?

Das empfinde ich sehr stark. Daraus kam auch mein Impuls, in Bosnien etwas "Wirkliches" zu machen. Aber was kann man tun? Letztlich ist alles lächerlich. Ich habe schon in den Achtzigerjahren über Nationalismen geschrieben, über das, was kommt, wenn alles so weitergeht. 1992 hörte ich dann auf zu schreiben und diese lächerlichen Konferenzen zu besuchen. Da starben Menschen - Schluss, aus. Für mich war die Zeit zum Diskutieren zu Ende. Die letzte Konsequenz war, selbst nach Sarajevo zu gehen. Ich habe damals verschiedene Aktionen unterstützt, zum Beispiel seitens der Schaubühne in Berlin, die nach jeder Vorstellung Geld für Künstler in Sarajevo sammelte. Ich habe versucht, die Brücke aufrecht zu halten, zwischen Radios in Berlin und Sarajevo oder zwischen den Akademien.

Den Anspruch, durch Ihr Schreiben etwas zu verändern, hatten Sie zunächst nicht?

Nein. In meinen Radiofeatures stand im Vordergrund, wie die Menschen in Sarajevo versuchten, ein normales Leben zu führen. Aber eben nicht, wie sie zu Wasser kamen, oder zu Essen, sondern kulturell. Zum Beispiel die Geschichte der Band, deren Mitglieder tagsüber an vorderster Front standen und in der Nacht Konzerte gaben. Die Holländer haben damals eine CD bezahlt, was toll für die Musiker war. Über die Qualität der Musik muss man da gar nicht reden. Hauptsache, der Rock läuft weiter. Sarajevo war immer das Rockzentrum Jugoslawiens.

In den Reportageteilen Ihres Buches ist Sarajevo so etwas wie eine Leerstelle. Warum?

Ich wollte Sarajevo nicht so in den Vordergrund stellen. Ich habe auch mein Problem mit der Stadt. Als ich die ersten Male dort war, hatte ich noch die Illusion, dass irgendetwas bleibt. Aber in Wirklichkeit ist nichts von dem Jugoslawien, von dem Sarajevo geblieben, das ich gemocht habe. Ab 1994 hat auch dort der Nationalismus wahnsinnig stark um sich gegriffen. Die guten, normalen Menschen in Sarajevo haben schließlich verloren, das Nationalistische, das Bosnische hat gewonnen.

Was macht den Unterschied aus, wenn ein Schriftsteller in einen Krieg fährt? Ist der Blick anders als der eines Journalisten?

Ich habe als Journalistin versucht, meine Radiofeatures sehr distanziert zu gestalten, mit sehr langen O-Tönen. Aber mich hat dieses Sarajevo so gefressen, dass ich lange Zeit nichts darüber schreiben konnte. Ich habe die Worte einfach verloren. Jeder Film ist so blass im Vergleich zu dem, was du da siehst. Auch jedes Buch. Sarajevo war für mich andererseits auch völlig absurd. Wie Mad Max: Du fliegst mit Hightech rein und landest im Mittelalter. Wenn man die Menschen sah, hatte man das Gefühl sie lebten im Untergrund, sie hatten einen bläulichen Teint, große, große Augen und liefen mit Kanistern herum.

Eine der wenigen Sarajevopassagen im Buch spielt am Marktplatz, nachdem dort 68 Menschen bei einem Granatenangriff getötet wurden. Warum haben Sie dieses Ereignis gewählt?

Das hat bei mir das Gefühl ausgelöst, dass alles möglich ist. Ich habe zuerst nur dagestanden und dann begonnen wie verrückt zu laufen. Dabei hatte ich die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen, weil ich doch helfen sollte. Alle anderen um mich haben aber gesagt, du darfst nicht helfen, weil die Serben dann weiterschießen. Dafür schäme ich mich ein bisschen vor mir selbst. Das ist vielleicht noch zur Diskussion um Peter Handke, den ich seit zwanzig Jahren kenne, zu sagen: Natürlich darf ein Schriftsteller mit seinen Augen sehen. Faktum ist aber, dass man bestimmte Dinge gerade nicht mit seinen Augen sehen kann. Fakten sind Fakten.

Haben Sie mit Handke über seinen Text gesprochen?

Mich hat sehr gewundert, dass Handke nach seinem Slowenientext sehr lange nichts gesagt und geschrieben hat. Und plötzlich war er 1996 in Serbien. Über diesen Text war ich sehr schockiert, aber ich weiß auch, wer Handke damals begleitet hat, als er das erste Mal dort war. Daher war mir klar, dass er nur das Serbien gesehen hat, das er schließlich beschrieben hat, nicht das andere. Als ich ihn letzte Woche hier am Land getroffen habe, hat er mich gefragt, warum ich nie mit ihm nach Serbien gefahren sei. Ich habe ihn gefragt: Warum bist du nicht mit mir nach Bosnien gefahren?

Welche Sprache steht einer Schriftstellerin überhaupt zur Verfügung, um über einen Krieg zu schreiben?

Ich habe gemerkt, dass es mir in Prosa wahnsinnig schwer fällt, Worte zu finden. Über Gedichte ging es noch am leichtesten. Aber erst Jahre später habe ich dann wirklich Worte gefunden. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass in dieser Hinsicht immer etwas Totes in mir bleiben wird. Es ist etwas kaputt gegangen.

Thomas Wolkinger in FALTER 35/2006



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