Am Nullpunkt. Positionen der russischen Avantgarde


Als Gegengewicht zur Kulturförderung der deutschen Bundesländer wurde 2002 die Kulturstiftung des Bundes mit Sitz in Halle an der Saale gegründet. Mittel-und Osteuropa sind Themenschwerpunkte der von der ehemaligen Wiener-Festwochen-Kuratorin Hortensia Völckers geleiteten Institution. Unter dem Titel "The Post-Communist Condition" wurde die Situation beleuchtet, in der Intellektuelle und Künstler nach dem Ende des Kommunismus 1989 arbeiten. Projektleiter Boris Groys gab zwei Bände mit Texten aus der Zeit der russischen Revolution heraus. Es sind Materialsammlungen mit zahlreichen bisher noch nicht ins Deutsche übersetzten Texten.

Der Band über "Biopolitische Utopien" führt zurück in die Präsowjetära zu Nikola Fedorov, der Ende des 19. Jahrhunderts eine "Philosophie der gemeinsamen Tat" entwickelte. Fedorov propagierte die Unsterblichkeit der Menschen, nicht nur der lebenden, sondern auch der verstorbenen. Sein Vorbild war das Museum, in denen den Dingen ewiges Leben geschenkt wird. Warum nicht auch den Menschen, die im materialistischen Sinne ja auch nur ein Ding unter Dingen sind? Die staatliche Kontrolle über den Tod wurde nach der Oktoberrevolution zu einer Obsession von Wissenschaftlern wie Valerian Murav'ev oder Konstantin Ciolkovskij, der die auferstandenen Ahnen auf andere Planeten bringen wollte und dadurch zu einem der Gründerväter der sowjetischen Raketenforschung wurde.

Den Künstlern galt die traditionelle Kunst als todgeweiht. Kasimir Malewitsch wandte sich von der Darstellung von Menschen oder Tieren ab; sie erschienen ihm nicht lebendig genug. Malewitsch, Velimir Chlebnikov oder Ivan Kljun sind in dem Band "Am Nullpunkt" vertreten. Es sind wesentliche Texte der russischen Kunstbewegungen, die man heute unter dem allgemeinen Begriff der russischen Avantgarde subsumiert. Die Revolution 1917 wurde von diesen Künstlern umgehend und vorbehaltlos begrüßt. Für sie bedeutete die Revolution den Nullpunkt der Geschichte; die Vergangenheit und damit auch die tote, akademische Kunst waren entmachtet.

Matthias Dusini in FALTER 35/2006



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