Ortsgespräch

Florian Illies


In ihren neuen Büchern setzen Alexander von Schönburg und Florian Illies der Alltagshektik eine Besinnung aufs einfache Leben entgegen.

Der moderne Mensch lebt im Konjunktiv. Eigentlich könnte er es schön haben. Wäre nur nicht so verteufelt wenig Zeit. Hätte der Tag doch dreißig, vierzig Stunden. Da würde sich zwischen Arbeit, Familie und Schlafengehen wieder mehr ausgehen als nur Fernsehen und Sofaschlaf. Vielleicht sogar ein gutes Buch. Man kennt das ja.

Auch Antworten auf die Logistikprobleme der Patchworkfamilien und Arbeitstiere von heute gibt es längst zur Genüge. Ratgeberliteratur zu Schlagworten wie "Zeitmanagement" oder "Entschleunigung" boomt seit Jahren. Das Problem ist nur, dass sie einen noch hektischer macht. Immerhin will die Zeit, um all die Tipps zu lesen, auch erst mal gefunden werden. Und am Ende weht einem aus "Simplify Your Life"-Schmökern meist ohnehin nur heiße Luft entgegen.

Von Berufs wegen nie um einen guten Ratschlag verlegen ist auch Alexander von Schönburg. Der deutsche Journalist aus verarmtem Adel saß dereinst mit den Autoren Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht im Berliner Hotel Adlon zu Tisch, um unter dem Motto "Tristesse Royale" dringliche Fragen der Generation Pop zu diskutieren. Vergangenes Jahr dann landete er mit "Die Kunst des stilvollen Verarmens" einen Überraschungsbestseller. Die Gewissheit, dass wir bald mit weniger auskommen werden müssen, verarbeitete er darin zur trotzigen These: "Dann ist weniger haben eben besser."

Im "Lexikon der überflüssigen Dinge" führt Schönburg diese Idee fort, indem er bestimmte Luxusgüter und Errungenschaften als unnötigen Ballast enttarnt. Wir schlagen das schmale Buch bei K auf. Kaviar? ",Confiture de poisson' - Fischmarmelade - schimpfte König Ludwig XV. die Störeier und spuckte sie verärgert aus." Kokain? "Wer heute noch Kokain konsumiert, ist hoffnungslos in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts stecken geblieben." Na also! Als Alternative zu Aufputschmitteln empfiehlt der Autor "Weißen Tee". Dahinter verbirgt sich nichts anderes als heißes Wasser. So ließe sich die Sauerei mit den Teebeuteln vermeiden.

Hat der Typ einen an der Waffel? Oder ist er einfach geschäftstüchtig? Das sind die Fragen, die einem durch den Kopf geistern, während man sich durch 208 Seiten mäßig originelle bis ungewollt skurrile Beobachtungen quält. Der Reiz des Vorgängerbuchs lag darin, dass nicht ganz sicher war, ob Schönburg alles ernst meinte. Jetzt weiß man immerhin, dass er seine Leser nicht für voll nimmt. Wäre er ehrlich, hätte er nämlich auch sein eigenes Buch als "überflüssiges Ding" anführen müssen.
Wenn die Zeiten härter werden, soll man etwas leiser treten, empfiehlt auch Florian Illies in seinem neuen Traktat. Der Erfinder der "Generation Golf" und Verfasser zweier Erfolgsbücher zum Thema verlässt zu diesem Behufe in einem Selbstversuch Berlin und stattet seinem verschlafenen Heimatort Schlitz einen Besuch ab. Angesichts der in der Provinz gepflegten Bräuche kommt er in "Ortsgespräch" auf so heikle Fragen wie jene nach der Heimat und den bleibenden Werten im Leben zu sprechen.

Wo immer mehr Menschen prekäre Arbeitsbedingungen vorfinden und als mobiles Treibgut der globalisierten Wirtschaft von Ort zu Ort gespült werden, da wächst klarerweise der Wunsch nach Sesshaftigkeit und dauerhaften Bindungen. Der geübte Bewohner der Provinz steht vor diesem Szenario plötzlich nicht mehr als uncool und rückständig da. Und der Autor fragt sich und uns suggestiv: "Waren die Sesshaften den Nomaden nicht immer überlegen?"

Die Stoßrichtung ist die gleiche wie bei Schönburg. Es geht auch bei Illies zurück zu den Ursprüngen und zur Einfachheit. Das "kurze Schaudern, wenn ich eine Rispe roter Johannisbeeren in den Mund nahm" wird hier ebenso voll kindlicher Freude erinnert wie "das schmatzende Geräusch, wenn Kevin Madsack vom 3-Meter-Brett eine seiner legendären Arschbomben machte". Womöglich hätte Proust das nicht besser hinbekommen, wäre er um 1980 in Schlitz aufgewachsen.

Mit liebevollem Blick streift Illies durch die Spiel-und Fummelplätze seiner Kindheit. Er begegnet Verwandten, die noch beinahe so leben wie vor hundert Jahren, sowie Traktorfahrern, die den Städter partout nicht überholen lassen wollen. Ihn fasziniert die "störrische Gelassenheit", mit der hier auf alles, vor allem aber auf Trends aus der großen, weiten Welt, reagiert wird. Schon vor Jahren ließ sich erahnen, dass hinter manchem Popautor ein höchst konservativer Geist steckt. Illies' bieder-schwulstiges Loblied auf die Provinz treibt diese Tendenz auf die Spitze.

Nach weiteren gut 200 Seiten Entschleunigungsprosa verkehrt sich die Intention der zeitgeistigen Lektüre ins Gegenteil. Man will sich nach so vielen lobenden Worten für die Natur und den Verzicht nur umso rücksichtsloser ins Verderben stürzen und von allem noch mehr haben - Luxus auf Kredit und Kaffee in Massen. Wer wirklich vorne dabei sein will: Augenringe sollen 2007 angeblich ganz groß werden.Es ist ein ganz normaler Zyklus, dass die großen Klassiker der Weltliteratur mitunter Jahrzehnte in den Annalen des Kanons verharren müssen, bis die richtige Zeit für eine Neuentdeckung gekommen ist. Das aktuelle weltpolitische Gebräu aus einer ungehemmt galoppierenden Globalisierung und einer Neuerfindung im Bereich der rigiden Moral - gern als islamistischer Fundamentalismus bezeichnet - gibt dem Züricher Ammann Verlag Recht, dass für den 1935 verstorbenen Fernando Pessoa die Stunde der Renaissance geschlagen hat. "Die Rückkehr der Götter" heißt der jüngste Band der sukzessive erscheinenden ersten Werkausgabe, nach deren Abschluss Pessoa erstmals komplett auf Deutsch vorliegen wird. Gegliedert ist das Monumentalprojekt nach den einzelnen Pseudonymen, unter denen der Portugiese seine Poesie und seine artifiziellen, nonkonformen Traktate zu Religiosität, Ideologie, Gefolgschaft und persönlicher Autonomie geschrieben hat. Diese mit Antonio Mora gezeichneten "Erinnerungen" an Pessoas Pseudonym Alberto Caeiro, in denen insgesamt drei Pseudonyme mit Pessoa selbst über das Gefängnis der Gläubigkeit theoretisieren, sind freilich für Einsteiger völlig ungeeignet: Gut 500 Seiten Fragmente und Notizen, die viel zu oft mit Verweisen auf andere, eigene Werke gespickt sind, verlangen erst einmal nach einem Grundkurs über den eigenwilligen Kosmos Pessoas.
Da ist es doppelt erfreulich, dass der Wagenbach Verlag den bierernsten und zugleich urkomischen Prosadialog "Ein anarchistischer Bankier" neu editiert und parallel als Hörbuch umgesetzt hat. Kein Problem für den Meister der Denkknoten und-schleifen, seinem Leser zu beweisen, dass nach bakuninscher Schule der kapitalistische Hai in Wirklichkeit ein subversiv anarchistischer Wohltäter ist - und der Anarchist den kleinen Mann um sein Glück betrügt. Das ausgefuchste Logikspiel liefert Eins-a-Parallelen zu den Selbstrechtfertigungen der missionarischen Weltveränderer von heute. Aus Weiß mach Schwarz. Man kann eben auch die Fakten biegen, wie man sie haben will.

Martin Droschke in FALTER 34/2006



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