Dirac

Dietmar Dath


In seinem Roman "Dirac" lässt Dietmar Dath die Generation Golf an Lebensentwürfen basteln, die sich an den Naturwissenschaften orientieren.

Wer befürchtet, einen Roman nicht zu verstehen, in dessen Zentrum der hoch bedeutende, aber außerhalb der Fachwelt völlig unbekannte Quantenphysiker Paul Dirac (1902-1984) steht, sollte mit dem Nachwort zu Dietmar Daths "Dirac" beginnen. Dort steht zu lesen: "Gegenstand dieses Buches ist nicht die physikalische Wissenschaft, sondern eine bestimmte Haltung zum Leben in der Moderne. Diese Haltung verdankt der physikalischen Wissenschaft allerdings ethische, erkenntnistheoretische und ästhetische Inspirationen." Beruhigend: Dieses Buch verlangt offensichtlich keine Vorkenntnisse im Bereich der Quantenphysik.

Daths Buch ist keine als Roman verkleidete Biografie, sondern der Roman jener Generation, die etwa zwischen 1965 und 1975 geboren wurde und die sogenannten "68er" bereits als eine etablierte Generation kennen lernte. Florian Illies nannte sie "Generation Golf", als er noch - wie heute Dietmar Dath - Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war, und beschreibt sie als eine Kohorte uninspirierter Hedonisten. Illies kam aus der Provinz nach Frankfurt, machte sich als Feuilletonist einen Namen, bevor er als Buchautor schnell berühmt wurde (siehe Seite 49). Jetzt gibt er in Berlin ein Kunstmagazin heraus. Auch Dath kommt aus der Provinz, aber er ist alles andere als ein Schöngeist, war vor seiner Zeit bei der FAZ Chefredakteur von Spex, geriert sich als Marxist, schreibt über Physik, Mathematik, Science-Fiction, Popmusik und C-Movies. Größer könnte der Abstand zu Illies also nicht sein.

Dath siedelt seinen Roman auf zwei Handlungsebenen an. Die eine spielt in den 1980er-Jahren in Freiburg. Die Studentenclique, deren Angehörige sich zum Teil schon aus Schulzeiten kennen, lebt freilich gar nicht so, wie man sich das in der sonnigen und ökologischen deutschen Akademikeridylle vorstellt. Abgeklärt, desillusioniert und ein bisschen arrogant blickt man auf die Welt und konsumiert zur Aufhellung des Gemüts bisweilen Dinge, mit denen man sich besser nicht von der Polizei erwischen lässt. Paul hat sein Studium nie richtig zu Ende gebracht und schlägt sich nun als genialischer Computerspezialist durchs Leben. Sein Freund David (der manch autobiografischen Zug Daths trägt) möchte eigentlich nur Schriftsteller sein, kann davon aber nicht leben und verdient sich deshalb sein Geld als Journalist. Johanna landet einen Überraschungserfolg als Videokünstlerin. Christoph ist Psychiater, bevor er jung stirbt. Nicole leidet unter einer psychischen Krankheit und bekommt ein Kind von Paul.

In diesen Charakteren - und ein paar weiteren Nebenfiguren - spiegelt sich viel vom Lebensgefühl derer, die sich in den 1980er-Jahren einen Plan für ihr Leben machen mussten und auch sonst vielleicht wissen wollten, was von den kommenden fünfzig oder sechzig Jahren zu erwarten sei, die sie voraussichtlich noch auf Erden wandeln würden. Kinder oder Schüler der 68er, konnten sie sich keine politischen Utopien mehr vorstellen, für die es sich zu kämpfen lohnte. Mit subversiven kulturellen Codes würden sie eine Gesellschaft nicht erschrecken, die es mühelos schafft, am Ende auch noch den Punk zu domestizieren. Was ist das für ein Leben?

Daths selbstsichere Protagonisten verlassen sich auf der Suche nach einem Leben, das zu ihnen passt, ganz auf ihren Kopf, richten ihre Intelligenz im Unterschied zu ihren Eltern aber ganz auf die Mathematik, die Naturwissenschaften und die Technik. Das ist fremdes Terrain für den Bildungsbürger traditionellen Zuschnitts, den manche 68er entlarvten und bekämpften, um ihn irgendwann zu übertrumpfen.

In "Dirac" verkörpert David den Übergang zwischen den Generationen. Er arbeitet an einem Roman - wird also von einem ganz altmodischen künstlerischen Ehrgeiz getrieben. Allerdings soll dieser Roman von Paul Dirac handeln - was immerhin die Erwartung voraussetzt, man könne aus Quantenphysik erzählerische Funken schlagen. Nun kennt ja auch der Laie einige Begriffe der modernen Physik, denen man poetische Qualitäten nicht absprechen mag: das schwarze Loch, das Hintergrundleuchten, die Wahrscheinlichkeitswellen. Und es gibt Gedichte von Hans Magnus Enzensberger, die geradezu schwärmerisch die Terminologie der höheren Mathematik beschwören.

Mit solcher Arbeit an der Oberfläche begnügt sich Dath (und sein autobiografisch inspirierter Held David) aber nicht. Und so erzählt der Roman auf einer zweiten Ebene Episoden aus dem Leben Paul Diracs (es ist natürlich kein Zufall, dass Davids genialischer Freund den gleichen Vornamen trägt), zitiert gewissermaßen aus Davids Manuskript. Wir befinden uns im heroischen Zeitalter der modernen Physik, in der Ära der Oppenheimers, Schrödingers und Heisenbergs, also auch in einer politisch heißen Phase. Doch das ist bloß Kulisse. Und dass Dirac mit mathematischen Gleichungen Phänomene vorhersagte, deren Existenz erst wesentlich später experimentell verifiziert werden konnte, dürfte nicht nur Physiker faszinieren. Was es mit dem so entdeckten Positron auf sich hat, das man sich als ein Loch in einem unendlichen sogenannten Dirac-See mit negativen Teilchen vorstellen darf, soll hier allerdings nicht vertieft werden.

Man sagt mathematischen Gleichungen gerne nach, sie seien schön - besonders dann, wenn sie schlank und kompakt gelingen. Dirac arbeitete zeitweise gerade nach dem gegenteiligen Prinzip: Er entwickelte möglichst komplizierte Gleichungen, in der Erwartung, einen physikalischen Zustand zu finden, der mit dieser Gleichung erfasst wäre. Komplexitätssteigerung statt Komplexitätsreduktion: Auch auf diesem Weg kann Schönheit gelingen, jedenfalls in der Kunst.

Wenn man solchen Analogien (die man wohl besser nicht an wissenschaftlichen Standards misst) nachhängt, beginnt man die Faszination zu verstehen, die für Daths Figuren von Dirac ausgeht. Da ist die schiere Leidenschaft des Denkens und der Ehrgeiz, die Dinge der Welt in eine klare, ruhige Ordnung zu bringen, ohne sie starren Gesetzen zu unterwerfen; da ist der sinnliche Reiz komplexer mathematischer Operationen, aber natürlich auch das Geheimwissen, das eine kleine Gruppe zusammenschweißt: Denn mit wem kann man sich schon über Dirac unterhalten? Dirac könnte die Losung für ein halbwegs gelungenes Leben an der Wende zum 21. Jahrhundert lauten. Und doch: Nicoles Kind, Johannas Kunst, Davids Buch und Christophs Grab, das sind am Ende wieder sehr traditionelle Spuren, die die vier hinterlassen. Nur Paul, das Computergenie, verschwindet am Ende im Nichts.

Auch wenn von Daths Buch eine gewisse arrogante Coolness ausgeht, kann er die ungeheure intellektuelle Anstrengung, die hinter seiner Konstruktion steckt, auf keiner Seite verbergen. Dennoch findet man nur selten einen Roman, dessen Figuren so vollständig überzeugen und interessieren, der völlig undoktrinär ein Weltverständnis vorstellt, mit dem man sich gründlich auseinandersetzen möchte. Endlich einer, der das Erzählen wirklich ernst nimmt.

Tobias Heyl in FALTER 34/2006



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