Jedermann

Philip Roth


Philip Roth hat einen Roman über eine kurzsichtige koreanische Lesbe geschrieben, die in Stockholm auf die Liebe ihres Lebens trifft und mit dieser im Fischfang zu beachtlichem Reichtum gelangt, mit dem das glücklich gealterte Paar dann ein erfolgreiches Ökoprojekt für Einwanderer aus Drittweltländern ins Leben ruft.

Kleiner Scherz. In Wirklichkeit hat Philip Roth einen Roman über den Sohn eines hart arbeitenden jüdischen Schmuck-und Uhrenhändlers geschrieben, der qua Bumsens eines jungen Models eine seiner drei Ehen zerstört und letztendlich seinen zahlreich dahinsiechenden Freunden ins Grab nachfolgt.

Mit anderen Worten: Der neue Roth ist - surprise, surprise - wieder ein echter Roth geworden. Um einiges schmäler, aber auch konzeptuell weniger überfrachtet als die im Vorjahr erschienene alternate history-Fantasie "Verschwörung gegen Amerika" ist "Jedermann" ein Buch voll Lebenshunger und Verzweiflung, voll Empathie und Mangel an politisch korrekter Ausgewogenheit. Noch lange bevor der Roman "dirty" wird - was will man machen, wenn die 19-jährige Sekretärin "schon zwei Wochen nach Arbeitsantritt mit hochgerecktem Hintern" auf dem Boden des Büros kniet? -, lässt Roth seinen Protagonisten in die Grube fahren; und zwar gleich auf der ersten Seite. Wirklich alt ist er nicht geworden, gerade mal 71; die Genetik hat es mit dem vaskulär schwer herausgeforderten Mann lange nicht so gut gemeint wie mit dessen älterem, physisch wesentlich fitterem Bruder Howie, der nun, statt eine konventionelle Grabrede zu halten, in Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit und das Geschäft des Vaters schwelgt.

Das Begräbnis und die vorhergehende, letal verlaufende Operation bilden Anfang und Ende eines Romans, der sich so gleichsam selbst in den Schwanz beißt, um vom Leben und Sterben eines, wenn schon nicht reichen, so doch wohlhabenden Mannes, ehemals erfolgreicher Artdirector einer Werbeagentur zu erzählen. Der Erzähler von "Jedermann" (im amerikanischen Original: "Everyman") suggeriert mitunter Eigenständigkeit ("Das war das Ende. Nichts Besonderes war gesagt worden. Hatten sie alle gesagt, was sie zu sagen hatten? Nein, das hatten sie nicht") und schmiegt sich doch an die Hauptfigur, deren Urteile und Perspektive der Roman weitgehend übernimmt: Da gibt es die uninteressanten, missgünstigen Söhne aus erster Ehe und die wunderbare, aufopferungsvolle, heißgeliebte Tochter aus der zweiten; da gibt es die betrogene und tief verletzte, aber als Einzige sich am Grab einfindende Ehefrau (Nr. 2) und ihre Nachfolgerin, die schlussendlich nur Sexualobjekt bleibt: "Nicht lange danach stellte er fest, dass Merete doch etwas mehr war als dieses kleine Loch, oder eher etwas weniger."

So schockierend solche Sätze sind, so liegt die ganze Radikalität von Roths Schreiben doch darin, sich nicht kommentierend über die mitunter monströse Subjektivität seiner Protagonisten zu erheben (allein mit der Mimesis an diese lässt sich übrigens der entsetzliche Sexualkitsch rechtfertigen, der hier mitunter produziert wird; der Protestant John Updike hat für dergleichen ein entschieden analytischeres Instrumentarium). Dem ganzen transzendenten Trallala und Tröstungsbrimborium ist Roth abhold. Über seinen jüngsten Helden heißt es an einer Stelle: "Sollte er jemals eine Autobiografie schreiben, würde sie heißen: Leben und Tod eines männlichen Körpers."

Gerade dieser vordergründige Materialismus bildet den Humus für die sogenannten höheren Werte: Einen Körper, Quelle des Schmerzes und aller Verfallserfahrung, hat jedermann (und, wie übrigens keineswegs verschwiegen wird: auch jede Frau!). Empathie gründet nicht zuletzt im kreatürlichen Kommunitarismus: nicht wollen, dass der Körper des anderen erleiden muss, was man selbst zumindest erahnen kann. So betrachtet, repräsentiert Philip Roth ein scheinbares Paradox: Er ist ein moralischer Materialist. Schön, dass er noch unter uns weilt. Wir hoffen, es geht ihm gut.

Klaus Nüchtern in FALTER 33/2006



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