Dies ist kein Konzert

Bas Böttcher


Die sogenannte Midlifecrisis ist ein merkwürdiges Phänomen. Sie befällt fast ausschließlich Männer, die sich diese irgendwann im Alter zwischen 35 und 55 zuziehen, was - rein arithmetisch betrachtet - eine übertrieben optimistische Auffassung männlicher Lebenserwartung verrät. Außerdem kann man mit ihr praktisch ALLES erklären: törichte Kleidungswahl, törichte Autowahl, törichte Frauenwahl. Andreas etwa entscheidet sich beim Gebrauchtwagenhändler für einen alten 2CV, obwohl ihm dieser "etwas Sportlicheres" anbietet.

Andreas ist der Protagonist von "An einem Tag wie diesem", dem jüngsten Roman des Schweizers Peter Stamm. Stamm ist Jahrgang 1963 (also selbst akut gefährdet). Sein Held ist wohl noch ein paar Jahre älter, und wenn so einer einen 2CV kauft, spricht das sehr für eine Midlifecrisis - sentimentale Erinnerungen an Jugendtage und so. Andreas hat allerdings ganz gute Gründe dafür: Sein pädagogischer Idealismus wird am Phlegma der Schüler zuschanden, und außerdem hat er möglicherweise Lungenkrebs.

Und da sind dann natürlich die Frauen: die offenbar etwas nervige Nadja, die sich bei Andreas über ihren Mann beschwert, die sanguine Sylvie, die am Nachmittag, wenn der Gatte und die drei Kinder versorgt sind, mit ihm ins Bett geht, und schließlich auch noch die um vieles jüngere Delphine, die sich auf nachgerade rührende Weise - nicht nur sexuell - um ihn kümmert.

Das gütige Girl und der muffige Mann - das klingt schon fast ein bisschen nach Houellebecq, nur dass die Schere zwischen Zynismus und Romantik bei Stamm nicht annähernd so weit geöffnet wird. Die Romantik geistert in Form von Fabienne durch den Roman - die große Jugendliebe des Protagonisten, die ihre nachhaltige Wirkung wohl gerade dem Umstand verdankt, dass sie nie Erfüllung fand. Weil Andreas seine Geschichte mit Fabienne mittlerweile sogar in fragwürdigen Kitschromanen widergespiegelt findet, schmeißt er seinen Job hin, gibt die Pariser Wohnung auf, spritzt den Diagnosetermin im Spital und begibt sich auf eine Reise in die eigene Vergangenheit in der Schweizer Provinz - pikanterweise begleitet von Delphine.

Dieses nicht übermäßig originelle Sujet wird von Stamm auf durchaus sympathische, mitunter aber auch etwas unterambitionierte Weise verarbeitet, was mit einem Hang zum Überexpliziten zusammenhängt, der die Grenze zwischen Innenperspektive und Erzählkommentar verwischt: "Er lief vor der Krankheit davon, die sein Leben war, seine Arbeit, seine Wohnung, die Menschen, die er seine Freunde nannte oder seine Geliebten." (By the way: Ist das wirklich so gemeint oder wurde da nur vergessen, rechtzeitig von Nominativ auf Dativ umzustellen?)

Immerhin: Am Ende hat man diese melancholische Fantasie übers verpasste Leben ganz gerne gelesen und gönnt es Andreas, dass er die Kurve noch gekriegt hat. "If you can't be with the one you love, love the one you're with", sang Stephen Stills. Der Roman scheint diesen Rat zu bestätigen. Dass er daneben andeutet, es könnte doch etwas komplizierter sein, darin liegt seine Stärke.Seit einigen Jahren grassiert mit dem Poetry Slam, einem offenen Podium für Dichter jedweder Qualität und Couleur, ein neues literarisches Format. Weil auf den über siebzig bespielten Bühnen des deutschsprachigen Raums nicht das Können, sondern allein die Gunst der Zuhörer definiert, was einen guten Text ausmacht, hat dort das Ideal der Basisdemokratie Schaden genommen. Wo jeder Jury spielen kann, mangelt es leider doch zugleich stark an einem Gefühl für sprachliche Qualitäten. Zwei der wenigen wirklich talentierten Szenestars ist das nicht entgangen. Bas Böttcher und Nora-Eugenie Gomringer haben es geschafft, die Neugierde etablierter Institutionen an jungen Tönen für den Umstieg in den arrivierten Betrieb zu nutzen.

"Leute laufen im Loop / Ihr Blut läuft im Loop / Sie tanzen zu Loops - sind im Loop gefangen." Man mag den Versen, die Bas Böttcher, Jahrgang 1974, zu Papier bringt, kaum zutrauen, dass sie die Basis einer komplexen, höchst verdichteten Reproduktion urbanen Lifestyles bilden, einer elektrisierenden Transformation des gemeinen HipHop ins Intellektuelle. Aber es kommt nicht von ungefähr, dass ihn das Goethe-Institut als Vorreiter eines neuen Sounds in Länder geschickt hat, deren Avantgarde Mitteleuropa voraus ist. Gut möglich, dass "Dies ist kein Konzert" sogar in jene Richtung weist, welche die Wilden unter den jüngsten Lyrikern demnächst einschlagen werden. Populistisch ist die CD mit angehängtem Büchlein auf keinen Fall.
Weitaus näher am Gewohnten bewegt sich die ebenfalls vom Goethe-Institut hofierte, 1980 geborene Nora-Eugenie Gomringer, die "Sag doch mal was zur Nacht" eigentlich gar nicht auf CD hätte einsprechen müssen, um Wirkung zu entfalten. Ihre Lyrik kontrastiert erzählerische Schleifen und eine nahezu klassisch-mehrdeutige Bildhaftigkeit mit Wortwiederholungen und dem Hang zur Verstümmelung der Grammatik. "Tisch unter den du dann Füße steckst / Tisch für den du Bretter über die Kreuzung trägst / Du baust für die / und dich einen Tisch." Zwei Autoren haben sich von einem basisdemokratischen Veranstaltungsformat befreit. Die Szene wittert Verrat. Die Feuilletons aber freuen sich. Denn jetzt könnten sie sich als Hoffnungsträger weiterentwickeln.

Martin Droschke in FALTER 32/2006



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