Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur...

Bertrand Perz


Mahnmal und Mühen

Ein neues Buch dokumentiert den politischen Umgang mit dem ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen seit 1945.

Erstmals liegt nun eine umfassende Darstellung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen vor, in der die Entwicklung des Lagers nach der Befreiung durch US-Truppen am 5. Mai 1945 nachgezeichnet wird. Der Historiker Bertrand Perz, der wie kein anderer sowohl mit der Geschichte dieses Ortes während der NS-Zeit als auch danach vertraut ist, analysiert detailliert die Entwicklung dieses mittlerweile als Eventbühne genützten Monuments.

Nach der Einteilung der Besatzungszonen gelangte Mauthausen zunächst unter sowjetische Verwaltung, bis das Lager 1947 an die Republik Österreich - es blieb bis zum Staatsvertrag deutsches Eigentum - übergeben wurde. Durch das Kriegsgräbergesetz, das im September 1948 beschlossen wurde - und hier haben wir wieder einmal, wie so oft in der Zweiten Republik, die Gleichsetzung der Kriegsopfer mit den Opfern des Nationalsozialismus - fiel die Zuständigkeit an das Land Oberösterreich und an das Innenministerium, das maßgeblich an der Einrichtung der Gedenkstätte beteiligt war. Der damalige SP-Innenminister Oskar Helmer versuchte bei der Entwicklung der Gedenkstätte jegliche Mitwirkung der Kommunisten zu unterbinden. Neben Helmer war es vor allem der oberösterreichische ÖVP-Landeshauptmann Heinrich Gleißner, der Anspruch auf Mitsprache bei der Gestaltung erhob. Zahlreich waren die Vorschläge: Sie reichten vom Erhalt der Überreste bis zur völligen Schleifung des Lagers. Stattdessen sollte - man mag es nicht glauben - ein riesiges Kreuz errichtet werden. Damit einher ging auch die Diskussion, wer überhaupt als Opfer anerkannt wurde. Auf der 1947 enthüllten Totentafel wird lediglich nach nationalen Kriterien gereiht. Und in einem Aktenvermerk des Bundeskanzleramts ist zu lesen: "Die Zahl der Reichsdeutschen und Österreicher umfasst zu 90 Prozent, vielleicht zu 95 Prozent kriminelle Häftlinge." Selbstverständlich werden auch Juden und Jüdinnen nicht erwähnt, ganz zu schweigen von Roma und Sinti oder Homosexuellen. Ein zentrales Mahnmal, wie schon damals beabsichtigt, gibt es bis heute nicht. Bis in die späten Sechzigerjahre ist die Geschichte der Gedenkstätte von parteipolitischen Auseinandersetzungen aber auch von Konflikten zwischen nationalen und internationalen Opferverbänden geprägt.

In den Siebzigerjahren verändert sich die in der österreichischen Gesellschaft bis dahin marginale Bedeutung der Gedenkstätte. Im Rahmen des neu geschaffenen Bereichs "Politische Bildung" ergingen Erlässe zum Besuch von Mauthausen durch Schulklassen, und nach und nach sollte Mauthausen ein zentraler, aber durchaus problematischer Ort der Vermittlung von Zeitgeschichte werden. Anlässlich der Befreiungsfeiern 1973 sprach der damalige SP-Unterrichtsminister Fred Sinowatz bereits über die Mitverantwortung der österreichischen Gesellschaft: "Es wäre falsch, vertuschen zu wollen, dass damals nur allzu viele unserer Landsleute dem faschistischen Besatzer recht vertrauensselig entgegengekommen sind."

Es sollte bis Ende der Achtzigerjahre dauern, bis es zu einer wissenschaftlichen Kritik an der Gedenkstätte kam. Zahlreiche Arbeitsgruppen wurden eingesetzt, Konzepte geschrieben, die in den diversen Ablagen verschwanden und nicht umgesetzt wurden. Im Wendejahr 2000 kündigte VP-Innenminister Ernst Strasser seine "Reforminitiative KZ-Gedenkstätte Mauthausen" an, nicht zuletzt um den internationalen Reaktionen auf Schwarz-Blau entgegenzuwirken. Nur wenig wurde umgesetzt. Auch wenn bereits für 2001 die Ausgliederung in eine Bundesanstalt öffentlichen Rechts versprochen war, ressortieren die Agenden der Gedenkstätte nach wie vor im Innenministerium - ein europäisches Unikum. Perz, der als Wissenschafter in die Reformdiskussion der letzten Jahrzehnte immer wieder eingebunden war, ist mit seiner eindrucksvollen, faktenreichen Erzählung ein erhellender Blick auf die Geschichte der Zweiten Republik gelungen.

Eva Bimlinger in FALTER 32/2006



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