Gut gegen Nordwind

Daniel Glattauer


Betreff: Herzschmerz

Emmi und Leo geraten via E-Mail zufällig aneinander, und was als harmloses Geplänkel beginnt, gewinnt unvermutet rasch an erotischer Rasanz. Das ist auch gleich einer der größten Pluspunkte von Daniel Glattauers originellem Mailodram: Es liest sich flott. Spätestens auf Seite 37 ist man gefangen, ab Seite 70 ist man wirklich neugierig, wie es ausgeht, auf Seite 96 fängt man mit dem Nägelbeißen an. Allerdings hört man zirka ab Seite 156 auch wieder damit auf, weil das ausdauernde Hin und Her ein wenig zu nerven beginnt.

Emmi und Leo machen es sich ein bisschen gar schwer. Soll man das Wagnis eingehen und sich treffen? Denn: "Wie meistert man die Unmittelbarkeit der Begegnung, wenn man sie nie trainiert hat?" Gute Frage nach bis dahin immerhin 241 Mails. Bekanntlich ist es der Intensität des Höhepunkts nicht immer zuträglich, wenn er allzu lange hinausgezögert wird. Allerdings sprechen auch gewisse Gründe gegen ein Date im echten Leben, zum Beispiel die Tatsache, dass Emmi verheiratet ist. Glücklich noch dazu, wie sie versichert. Leos scharfsinnige Replik: "Wer ein Abenteuer sucht, erlebt gerade keines. Stimmt's?"

Glattauer konstruiert die Geschichte mit erheblichem handwerklichem Geschick und unter Aufbietung allerlei hübscher Ideen, er schildert nicht unvirtuos die aufkeimende Verliebtheit, die wechselseitigen Erschütterungen, das frivole Vortasten und erschrockene Zurückweichen, den Übermut und die Dämpfer, die man sich einfängt, sowie das interessante Phänomen der virtuellen Eifersucht und ebensolcher Zärtlichkeit.

Wenn zwei sich nur über das geschriebene Wort austauschen, einander so näher kommen, aber essenzielle Erkennungsmerkmale der Befindlichkeit des Gegenübers (Mimik, Gestik, Tonfall) fehlen, kommt es fast zwangsläufig zu Missverständnissen. Sehr glaubwürdig und nachvollziehbar entwickelt der Autor aber auch die fragile Vertrautheit, die daraus erwachsen kann. Außerdem ist der fiktive Mailwechsel gelungen rhythmisiert, längere Sermone wechseln mit temporeichem Wortpingpong ab.

Das Genre des Briefromans wird mit "Gut gegen Nordwind" zeitgemäß bereichert, aber als den Choderlos de Laclos der E-Mail-Generation wird man den Autor nicht unbedingt bezeichnen können. Zu wenig Gefahr, zu viel Gefälligkeit. Alles wird rührend direkt besprochen, zwischen den Zeilen muss man nicht viel vermuten, weil dort auch in der Tat wenig zu finden ist - eine Qualität, durch die sich auch die beliebten Heftchenromane der Marke "Julia" oder "Bianca" auszeichnen. (Dass Emmi attraktiv und Leo interessant ist, versteht sich natürlich von selbst.)

Trotzdem: Das Buch ist über weite Strecken witzig, stellenweise anrührend und insgesamt unterhaltsam. Man muss sich nicht genieren, wenn man damit im Freibad erwischt wird, immerhin steht Deuticke drauf. Warum der Verlag allerdings eine bleiche 16-Jährige mit Regelschmerzen (oder Zahnweh?) aufs Cover tun musste, bleibt rätselhaft.

Christina Dany in FALTER 32/2006



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