Die Arbeit der Nacht


Mit allen Ängsten abgefüllt

Thomas Glavinics grandioser Roman "Die Arbeit der Nacht" lässt nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Leser allein.

Thomas Glavinics neuer Roman ist ein nachhaltig beunruhigendes Buch. Es hat etwas von dem Wahnsinn, den Literatur braucht; wenn die Existenz ver-rückt wird, wird es eher möglich, sie wahrzunehmen. "Die Arbeit der Nacht" hat Besseres zu bieten als Wahrscheinlichkeit, Orientierung und Sinn: Authentizität. Wer es bisher noch nicht wusste, dem wird es durch diesen Roman nachdrücklich zur Kenntnis gebracht: Thomas Glavinic ist eine der allerwichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Jonas erwacht, macht sich Kaffee, verfehlt das Brot und schneidet sich in den Finger; Fernseher kaputt, Computer gestört, Handy ohne Verbindung. Aber erst an der Bushaltestelle merkt er, was wirklich los ist an diesem 4. Juli: kein Mensch auf der Straße, keiner im Auto oder in den Wohnungen; Stille und Stillstand. Jonas ist absolut allein. Und bleibt es für alle 400 Seiten des Buchs.

Kosmisches Alleinsein, das ist eine ungeheure Zumutung; eine, die auf die radikale Befragung der Existenz hinausläuft. Alle sozialen Verhaltensziele entfallen, Imperative von außen gibt es nicht mehr, nur mehr die von innen: Nahrungsaufnahme, Nahrungsabgabe. Aber auch die sind sinnlos, weil die Biologie ihren Sinn verloren hat, auch wenn sie ihre Funktion behält. Der Körper will/kann zwar sinnlos weiterleben, aber der Kopf? Ohne Sinn wird der Kopf zum Selbstmordregisseur. Auch die grenzenlose Freiheit nützt Jonas nichts. Er kann alle Autos aufbrechen, in alle Geschäfte einbrechen. Aber diese Freiheit befreit von nichts mehr, ihre Nutzung wird zu aggressiven Akten der Verzweiflung, bevor sie überhaupt eingestellt werden.

Aber so weit ist Jonas zunächst nicht. Er sucht Spuren des Mitmenschen und hinterlässt seinerseits Spuren für ihn. Seine Suche wird paranoider, er ist mit einer Pumpgun unterwegs. Zur Angst, der einzige Mensch zu sein, kommt die Angst, nicht der einzige zu sein. Jonas stellt zur Kontrolle Kameras auf, in der Wohnung, dann in ganz Wien. Er betreibt Identitätsvergewisserung durch Ausflüge an Kindheitsorte, hofft auf die Haltbarkeit von Vergangenheit. Und er sucht Marie, seine Frau. Sie war zum Zeitpunkt der großen Veränderung gerade in England. Dieser schreckliche, mit allen Ängsten abgefüllte Roman enthält zugleich einen Liebesroman.

Die Schatten wachsen, die Unterscheidung zwischen den Schrecken der Wirklichkeit und den Schrecken der Einbildung wird immer schwieriger. Auf der Englandfahrt versinken die Umstände vollends in Jonas' Zuständen. Seine zahlreichen Traumnotate destabilisieren die Wirklichkeit zusätzlich. "Rattengift, Höhle, Laura, Robert, Marc tot. Marc fremdes Gesicht. Krämpfe, Verwesung. Stille. Rotlicht. Ein Turm. Ahnung: In Felswand Wolfsvieh eingemauert. Dahinter das Schlimmste des Schlimmen." Und wenn der ganze Roman ein Traum ist, dann ist es ein Traum ohne Erwachen. Und ein Traum ohne Erwachen ist kein Traum, sondern ein ganzes, ein ganz neues Weltall.

Das faszinierendste Geheimnis des Romans ist der "Schläfer". Jonas postiert Kameras an seinem Bett, filmt sich so selbst im Schlaf. Während des Tages schaut er sich die Videos an. Der da in seinem Bett schläft oder wacht, ist immer schwerer in Jonas' Tagesidentität einzupassen, spaltet sich offensichtlich ab, gewinnt ein beängstigendes Eigenleben, hat es auf Jonas abgesehen, wächst zum unkontrollierbaren Riesen des Fremden, des Anderen schlechthin.

Thomas Glavinic hat weder die Absicht noch die Fähigkeit, das Unverständliche der Existenz verständlich zu machen. Verstehen, selbst wenn es möglich ist, ist eine Form des Beschwichtigens; Glavinics Geschäft ist es, das Unbeschwichtigte zu gestalten. Auf Erklärungen muss der Leser verzichten.

Jonas, der entsetzlich Unabhängige, hat Kärtchen in seinen Hosentaschen, auf denen Handlungsanweisungen stehen, "Raus!" oder "Schlaf!"; er hat sie selbst geschrieben. Die Weise der Kartenbeschriftungen liest sich wie eine Schreibphilosophie des Autors selbst: "Er bemühte sich, an nichts zu denken, seinen Geist zu leeren, automatisch zu schreiben. Es gelang ihm so gut, dass er, aus einer zeitlosen Tiefe aufgetaucht, sich einen Moment fragte, wo er sich befand und was er hier tat." Im Gespräch bestätigt der Autor, dass "Die Arbeit der Nacht" jener seiner Romane ist, der am meisten vom Nachdenken freigehalten werden konnte.

Glavinic, 33, gehört einer Schriftstellergeneration an, die wieder der Fiktion und der Erzählung vertraut, nachdem diese hierzulande aus politischen und sprachkritischen Gründen lange Zeit auf große Skepsis stießen. Tatsächlich aber verfügt keine philosophische, wissenschaftliche oder journalistische Annäherung über die komplexen Möglichkeiten des Romans, Wirklichkeit zu erfassen. Und die beste Voraussetzung, als Schriftsteller dabei nicht zum Dozenten zu werden, ist, keine Wahrheit zu haben oder zu glauben.

Glavinic hat in seinen Romanen häufig mit (teilweise) fremder Stimme gesprochen, mit der des "Herrn Susi", mit der des "Kameramörders" und - in "Wie man leben soll" - im Tonfall von Lebenshilfebüchern. Die Stimme im neuen Roman sei, so sagt er, ganz nahe der eigenen und wird vielleicht in mehreren Büchern noch laut werden. Der stakkatoartige Hauptsatzstil verhindert das Einschleichen eines verständnisvollen Autors in das Phänomenale der Dinge. In kommentarlosen Detailbeschreibungen oder bloßen Nennungen erst starren die Dinge vor Fremdheit.

In seiner existenziellen Ausdehnung ist der Roman auch ein grundphilosophisches Buch. Seine total ausgesetzte Position zwingt Jonas in Grundfragen, aber es ist eine Philosophie im Stadium des Staunens, und es bleibt ein von Antworten unerlöstes Staunen: Existiert die Welt auch ohne Menschen? Was ist das Sein ohne Wahrgenommenwerden? Es ist ein ontologisches Staunen: "Der Wind blies nach Norden, der Wind blies nach Süden. Der Regen regnete auf jenen Stein, auf jenen nicht. Dieses Blatt fiel, dieser Ast knickte, diese Wolke trieb am Himmel." Unfassbare Dingfestigkeit.

"Die Arbeit der Nacht" stellt den bisherigen Höhepunkt von Glavinics Prosa dar. Von Anfang an vermittelt die Lektüre die Gewissheit: Hier wird nicht gespielt, nicht Kultur gespielt, nicht Stil, nicht Eloquenz oder Schlagfertigkeit, nicht Humor, nicht Provokation, nicht junger Wilder oder klassischer Erzähler - hier wird Ernst gemacht.

Helmut Gollner in FALTER 32/2006



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