Verteidigung der Himmelsburg

Sebastian Orlac


Hier Dave und seine kleine Schwester Sara, englische Underdog-Kinder; dort die Deutschen Isabelle und Jakob, sie Grafikerin, er Anwalt. Die beiden heiraten und ziehen nach London in die unmittelbare Nachbarschaft von Dave und Sara; und von Jim, der nie gewinnen wird: Er dealt, hat vielleicht ein gutes Herz, aber viel zu viel Wut im Bauch.

So stellt Katharina Hacker das Personal ihres neuen Romans vor dem Leser auf, und zunächst weiß man nicht genau, wohin das weisen soll. Die Autorin verweigert eine Handhabe - als notierte sie nur, was in den Köpfen der Protagonisten und drum herum so vor sich geht. "Die Habenichtse" heißt das Buch, in das man auf diese Weise hineingerät.

Hacker ist detailversessen im Erzählen, ausufernd, ja umständlich. Das Böse bemerkt man deshalb erst, als es längst schon an die Oberfläche dringt. So wird es immer dunkler in diesem Roman über die Armen (im Herzen oder im Portemonnaie) von heute, herrlich düster: "Die Habenichtse" ist ein bewundernswert fein klingendes Requiem für den Traum vom privaten Glück jenseits von Schuld und Schulden. Denn nicht einmal der ist den Beteiligten geblieben. Und keiner weiß, warum.

Zwei Frauen, zwei Männer und ein paar Geheimnisse treiben durch den Debütroman "Verteidigung der Himmelsburg" von Sebastian Orlac. Während Markus sich in einem Büro in Irland langweilt, wacht seine Freundin Fionna in Pauls Bett auf. Ohne zu wissen, wer Paul und was geschehen ist. Fionnas Freundin Emma wiederum frönt der Familienaufstellung. Als sie in den Börsenkursen ihr Geburtsdatum liest, muss sie sich ihrer Identität im Personalausweis versichern.

Man kann nur vermuten, was das werden sollte: ein womöglich groteskes, laut Klappentext sogar "schonungsloses" Porträt jener bedeutungssuchenden Solipsisten, die heutzutage angeblich die Welt bevölkern. Die vielen, teils ja gelungenen Szenen fügen sich jedoch nicht zu einem Ganzen, sondern stehen hilflos in der löchrigen Landschaft des Romans. Unter der bewegten Oberfläche gähnt erschreckend grau die Leere. Das geheime Zimmer, das Markus erschließt, wird deshalb wort-und folgenlos wieder zugemauert. Und naturgemäß bleibt dann auch das Ende offen.Är äst schon wieder da! Adolf, die alte Nazisau. Trotz seiner schon fast nicht mehr überschaubaren Produktion an Phantasy-Romanen - im November erscheint sein jüngstes zamonisches Opus "Der Schrecksenmeister" - ist es dem ebenso fleißigen wie öffentlichkeitsscheuen Walter Moers gelungen, einen weiteren Adolf-Band dazwischenzuschieben. "Der Bonker" ist eine "Tragikomödie in drei Akten" und tritt in Konkurrenz mit Hitler-Edutainment wie "Der Untergang". Bei Moers hat Hitler allerdings ein Händy, wird von Churchill verarscht und darf nicht mitkoksen, wenn Eva, Göring und Gandhi sich zum Gruppensex anschicken. Außerdem spielen Gummimasken (äch korregäre: "Gommimasken") eine dramaturgisch wichtige Rolle.

Karin Schuster in FALTER 31/2006



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