Die Süße des Lebens

Paulus Hochgatterer


Paulus Hochgatterer beweist mit seinem Krimi "Die Süße des Lebens" eindrucksvoll, dass ein medizinisch distanzierter Blick Einfühlsamkeit keineswegs ausschließt.

Paulus Hochgatterers neuen Roman zu lesen ist ein reines Vergnügen. Das liegt zunächst an seiner kühlenden Wirkung: Hier knirscht der Schnee, hier kracht das Eis; der eine sitzt im winterlichen Gastgarten und isst eine wärmende Suppe, der andere joggt auf frisch geräumten Wegen und sieht vor seinem inneren Auge "die Luft im Hochwinter, die aus nichts anderem besteht als aus dicht übereinandergestapelten hellblauen Quadern". Der zweite Grund für das Lesevergnügen ist die Sprache: Sie ist dem, was der Autor erzählen will, angemessen wie ein Handschuh. Wobei das ein untaugliches Bild ist, denn bei einem gelungenen Stück Literatur sind Form und Inhalt ja gerade untrennbar eins. Wäre dem nicht so, könnte man drittens die wenig erbauliche Geschichte als Quelle des Vergnügens preisen: Ein alter Mann wird ermordet, seine kleine Enkelin findet ihn und verliert die Sprache. Ein Psychiater behandelt sie. Ein Kommissar behandelt den Fall.

Hochgatterer hat einen Kriminalroman geschrieben, der im Untertitel aber "Roman" heißt und vom Verlag als "Thriller" annonciert wird. Weil das eher literarischen Anspruch suggeriert? Oder weil man sich davon höhere Verkaufszahlen erhofft? Egal - wenn es mit rechten Dingen zugeht, müsste Paulus Hochgatterer mit diesem Roman endgültig dem Status des Geheimtipps entwachsen, den er vor allem für das deutsche Publikum immer noch hat, obwohl er seit 13 Jahren neben seinem Brotberuf als Arzt mit schöner Konzentration Buch um Buch veröffentlicht - Krankengeschichten, Männergeschichten, Männergeschichten als Krankengeschichten.

Weil "Die Süße des Lebens" ein Krimi ist, geht es darin um Menschen, denen diese Süße versagt bleibt, die vielmehr die Bitterkeit der Existenz bis zur Neige auskosten. Sie leben in Furth am See, einer größeren Kleinstadt, die sich atmosphärisch-geografisch irgendwo zwischen Gmunden und Zell ansiedeln lässt. Es gibt eine "Wirtschaftspartei", deren Sekretär einen Pitbull und dementsprechende Ansichten über Law and Order äußerln führt, das Land heißt Österreich (die Leute reden auch so), und das Bild der Provinz ist dennoch frei von klischierter Einfalt und Dämonie. Freilich, es geschehen schreckliche Dinge, nicht wenige Menschen sind sichtlich aus der Bahn geraten, aber keiner will uns weismachen, dass es am Landleben liegt, wenn die Chance aufs Unglücklichsein wesentlich größer scheint als die aufs Glück.

Hochgatterer hat einen Krimi geschrieben, der, bei allem Witz, die Gesetze des Krimis achtet, der also spannend ist, mit Sorgfalt komponiert und prägnant trotz einer Fülle von Figuren. Die zwei Ermittler, die der Autor in den Strudel von Gemeinheit und Schwäche losschickt, haben nicht dasselbe Erkenntnisinteresse: Kovacs, der Kriminaler, muss einen Mörder finden, dem es darum zu tun war, ein Gesicht auszulöschen. Und stößt auf jugendliche Sadisten, die genau wissen, dass das Töten von Tieren nach wie vor bloß als Sachbeschädigung geahndet wird, obwohl Tiere laut Gesetz keine Sachen mehr sind. Horn, der Seelenarzt, muss einer Siebenjährigen dabei helfen, die allzu nachdrückliche Lehre von der Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers zu verwinden, ohne das Mädchen als mögliche Zeugin auszubeuten.

Fachkollege Dr. Hochgatterer macht nicht allein die kindliche Psyche eindrucksvoll begreiflich - und misst sich dabei mit Friedrich Dürrenmatt ("Das Versprechen") -, er zeigt uns zugleich das Panoptikum eines psychiatrischen Patientenstocks, zeigt den Arzt abgeklärt und angeekelt, sarkastisch, mitfühlend und heimlich resignierend: "Ich mag Junkies nicht, das ist die Wahrheit."

Mit "Die Süße des Lebens" schließt sich ein Bogen, den Hochgatterer vor 13 Jahren mit seinem Debüt "Über die Chirurgie" eröffnet hat: Der medizinische Blick auf Welt und Innenwelten enthüllt mit aufregender Sachlichkeit, dass es so etwas wie Gesundheit wohl nicht gibt. In beiden Büchern wird ein Trauma aus der Kriegszeit akut. Da wie dort operiert Hochgatterer mit verschränkten Perspektiven und Sprachmasken, im neuen Buch zeichnet er seine Helden weniger bizarr, man möchte sagen, realistischer - aber ein Realist war der Autor immer schon, wenn das heißt, die Realität als äußerst komplexe Angelegenheit zu betrachten.

Vor allem ist Paulus Hochgatterer Spezialist für Empathie ohne Pathos. In "Wildwasser" und "Caretta caretta" hat er "schwierigen" Jugendlichen seine Stimme geliehen, in "Die Süße des Lebens" praktiziert er als Erzähler die multiple Verwandlung. Zum Beispiel in einen Ordensmann, der der Hölle, die ihm im Nacken sitzt, buchstäblich davonlaufen zu können glaubt und sich von seinem iPod auch beim Zelebrieren der Heiligen Messe nicht trennen mag. Er träumt davon, irgendwann einmal seinem Abt eine zu schmieren, nicht brutal, sondern wohldosiert: "Überhaupt ist das kontrolliert Brachiale eine chronisch vernachlässigte Angelegenheit in der Darstellung weltanschaulicher Positionen." Auch Psychopathen sagen mitunter vernünftige Dinge.

Daniela Strigl in FALTER 31/2006



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