Die Habenichtse

Katharina Hacker


Isabelle, 33

Katharina Hacker hat für ihren Roman "Die Habenichtse" soeben den Deutschen Buchpreis erhalten. Geht in Ordnung.

Wer gewinnt den Deutschen Buchpreis? Nach zweimaliger Vergabe (durch die jedes Jahr neu besetzte, siebenköpfige Jury) könnte man darauf die saloppe Antwort geben: Thirtysomethings, deren literarischer Blick über den eigenen Tellerrand reicht. Nachdem im Vorjahr der Österreicher Arno Geiger (Jahrgang 1968) für sein Familienepos "Es geht uns gut" ausgezeichnet wurde, fiel die Wahl für den besten deutschsprachigen Roman dieses Jahr auf "Die Habenichtse" von der aus Frankfurt am Main stammenden Katharina Hacker (Jahrgang 1967).

Wo Geiger sich durch die österreichische Geschichte wühlte, da tut sich Hacker in der unmittelbaren Gegenwart um - ohne sich mit Selbstbefindlichkeitsauskünften einer Generation oder Szenephänomenologie zu begnügen, obgleich das Berlin-Mitte-Milieu mit Grafikdesign-Agentur, Rechtsanwaltskanzlei, Verkupplungspartys und Heiratswünschen dafür allemal tauglich wäre. Die Chiffre 9/11 und ein Wechsel der Protagonisten ins englischsprachige Ausland bestimmen aber - wie schon in Marlene Streeruwitz' "Entfernung." oder Thomas Hettches ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiertem "Woraus wir gemacht sind" - auch die Motorik dieses Romans.

Plastizität indes gewinnen "Die Habenichtse" weniger durch Tiefbohrungen im Gestein der Geschichte (obgleich die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts über die Biografien der Figuren präsent bleiben) als durch soziale Auffächerung: In drei Wohnungen der Lady Margaret Road im Londoner Stadtteil Kentish Town kollidieren unterschiedlichste Milieus - beziehungsweise laufen sie auch friktionsfrei aneinander vorbei. Während Jakob in der Anwaltskanzlei mit der Abwicklung von Restitutionsverfahren befasst ist, hört seine Jugendliebe und mittlerweile angetraute Gattin Isabelle, 33, aus der Nachbarwohnung seltsame Geräusche. Dass dort ein Mädchen von ihrem trunksüchtigen Vater misshandelt wird, nimmt sie freilich vorerst nicht zur Kenntnis - im Unterschied zu dem um fünf oder sieben Jahre jüngeren Jim (die Angaben widersprechen sich da), der Drogen vercheckt und einen unübersehbaren Reiz auf seine poshe Neonachbarin ausübt. Im Unterschied zu den Berliner Zugereisten, deren Orientierungs-und letztlich auch Leidenschaftslosigkeit sich auch sexuell manifestiert -Isabelle war seinerzeit in ihre Mitbewohnerin verliebt; Jakob ist von seinem homosexuellen Chef fasziniert; ein flotter Dreier mit dem Bürokollegen Alistair scheitert letztendlich an Jakobs Reserviertheit - ist Jim ein vergleichsweise fokussierter Charakter: Er braucht Geld, er sucht seine verschollene, möglicherweise sogar ermordete Junkiegeliebte Mae. Dass er von Dave, dem älteren, fürsorglichen Bruder der geschundenen Sara, in die Rolle des Beschützers gedrängt wird, passt ihm, der mit 16 von zu Hause abgehauen ist, gar nicht.

Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Oder, etwas anders formuliert: Was (wen) wollen wir? Was tun wir einander an? Die großen Fragen, die hier gestellt werden, sind alte Fragen, und Hacker ist nicht so naiv, ihren Figuren eine simple Antwort zuzugestehen. In den großteils enthusiastischen Kritiken, die den "Habenichtsen" zuteil wurden, ist wiederholt auf das kühle Kalkül, die scheinbare Kaltsinnigkeit dieses souverän multi-perspektivisch erzählten Romans hingewiesen worden. Genau darin liegt seine Stärke. Nur durch diese strenge, auf Identifikationsangebote wie eingemeindende Kommentare verzichtende Äquidistanz hält Hacker die Balance, vermeidet den Absturz hoch aufgeladener Szenen in den Kitsch oder das Pathos. So genau lässt sich heute von der Unbehaustheit der Menschen erzählen, wenn man das Wissen um Eigentumsverhältnisse nicht hinter metaphysischem Lametta und existenzialistischem Christbaumschmuck verbirgt. Am Ende müssen die einen aus dem Haus, die anderen stehen in einer fremden Hose da. Das kann auch ganz schön irritierend sein.

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2006



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