Ganz alltägliche Leute

Stewart O'Nan


Mit gleich zwei Romanen dringt Stewart O'Nan ins Herz der Finsternis Amerikas vor - und trifft dabei auf ganz alltägliche Leute.

Raub, Mord, Totschlag, Unfälle, Seuchen, Brandkatastrophen In den gut zehn Jahren, die vergangen sind, seitdem Stewart O'Nan mit seinem Debüt "Engel im Schnee" (1993) den Faulkner Prize gewann und eine der beachtlichsten Schriftstellerkarrieren der jüngeren amerikanischen Literatur begann, hat sich der 1961 in Pittsburgh geborene Autor sein eigenes Terrain abgesteckt. Es ist mit Leichen übersät, auch wenn die Zahl der Toten auch durchaus mal im einstelligen Bereich bleiben darf. Aber der ehemalige Flugzeugingenieur und Student der Literaturwissenschaft ist ein derartig fleißiger Schreiber, dass auch ohne seine voluminöse Recherche "Der Zirkusbrand" (2003) und ohne seinen historischen Roman über eine Scharlach-Epidemie ("Das Glück der anderen", 2001) einiges zusammenkommt.

O'Nan ist so etwas wie der Stephen King der Hochliteratur, und mit seinem soeben auf Deutsch erschienenen Roman "Halloween" ("The Night Country", 2003) hat er endlich einen echten Gespensterroman geschrieben, dessen Horror freilich nicht von alten Indianerfriedhöfen, Masken tragenden Psychopathen oder durchgedrehten Familienvätern ausgeht, sondern von der ganz alltäglichen Gewalt des Straßenverkehrs: "Jeden Tag werden es mehr; jede Kleinstadt in Connecticut verliert jedes Jahr ein paar Jugendliche, in jeder Abschlussklasse fehlt jemand."

Auf die Frage, warum sich sein Werk fast ausschließlich um so düstere Themen dreht, würde Stewart O'Nan vermutlich antworten, dass Gewalt und Tod einfach zum Alltag gehörten. Entsprechend programmatisch trägt sein vorletzter, nun zeitgleich mit "Halloween" in deutscher Übersetzung erschienener, Roman den Titel "Ganz alltägliche Leute" ("Every Day People", 2001). Und für die Bewohner von East Liberty, einem Schwarzenviertel von Pittsburgh, ist es eben ganz alltäglich, dass 15-, 16-, 17-jährige Burschen an einer Kugel krepieren, die ihnen ein Polizist oder ein Mitglied einer anderen Gang verpasst hat.

So wie O'Nan den Zirkusbrand vom Juli 1944 in seinen Auswirkungen bis in die Gegenwart verfolgt, so geht es ihm auch in seinen anderen Büchern nicht nur um Tod und Gewalt, Täter und Opfer, sondern auch um Folgen für die Nachwelt - um Trauer und Traumata, um das Erinnern, das Vergessen und das Nichtvergessenkönnen. Nach der Katastrophe ist auch noch Katastrophe - so könnte das Motto zu O'Nans Romanen lauten. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter - ob als Bandenkrieg oder Verkehrsunfall -, und die Hinterbliebenen und Überlebenden versuchen in einen Alltag zurückzufinden, der nie mehr der gleiche sein wird.

Zum Beispiel die Mütter. Da ist etwa Jackie Tolbert ("Ganz alltägliche Leute"), die es ohnehin nicht leicht hat, weil ihr Mann sie ganz offensichtlich mit einer anderen betrügt (in Wirklichkeit ist es ein anderer), und die ihrem Sohn Chris beim Duschen helfen muss, seitdem dieser infolge eines Unfalls beim Graffitisprayen im Rollstuhl sitzt. Sie hat "Angst vor Chris' Haut, seinen tauben Beinen" und konstatiert verstört die Veränderungen an seinem Körper: die dicklicher werdenden Hüften, das Fett in den Kniekehlen. Und da ist Nancy Sorensen ("Halloween"), die mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen hat. Ihr Sohn Kyle überlebt einen Verkehrsunfall, bei dem drei seiner Freunde sterben, verwandelt sich aber aufgrund seiner schweren Schädelverletzung in einen Fünfjährigen, der sich kaum selber den Hosenstall zumachen kann. Immer wieder hat Nancy diesen "spätnächtlichen Tagtraum": "Kyle und Tim hätten noch einen Unfall, noch ein Polizist würde mitten in der Nacht an ihre Tür klopfen , noch eine Fahrt ins Krankenhaus, nur dass es diesmal keine Überlebenden gibt."

Auch Kyles Freund Tim fühlt sich schuldig - dafür, dass er überlebt hat. Und er schickt sich an, diesen Irrtum des Schicksals jetzt, am Jahrestag des Unfalls, zu korrigieren. Noch sind die Ereignisse nicht verblasst, wird die Unfallstelle mit Blumen, Bildern und Teddybären geschmückt, steckt der Polizist Brooks, der den dahinrasenden Unglückswagen seinerzeit verfolgt und mehr mit dem Tod der Jugendlichen zu tun hat, als offiziell bekannt ist, in einer Unglücksschleife fest: Ehe im Arsch, Haus verschuldet, Karriere im Sinkflug und dann diese ständigen Erinnerungen, der Zwang, etwas wieder gutzumachen, was sich nicht gutmachen lässt.

Dabei sind die Toten noch viel näher bei ihm, als Brooks ahnt: Als Geister, die von jenen, die an sie denken, herbeigerufen werden, sind sie zugleich die Erzählinstanz des Romans - allen voran der an sich stille Marco, der nur von gelegentlichen Kommentaren und Zwischenrufen Danielles oder Toes unterbrochen wird.

Stewart O'Nan versetzt seine Highschoolkids in die Hölle suburbaner Fadesse, in der sich Doughnut-Stand und Burger-Drive-in gute Nacht sagen. Von hier, wo die Bäume ihre kahlen Äste in einem regengrauen Himmel strecken und die Flüsse die Farbe von Motoröl haben, kann man eigentlich nur abhauen - wenn man noch kann. Der Autor selbst lebt übrigens mit Frau und Kindern just in jenem Avon/Connecticut, in dem "Halloween" spielt. East Liberty hingegen gehört zu Pittsburgh - von Großstadtflair ist es dennoch verschont geblieben: Durch eine Expressbusspur vom Rest der Stadt getrennt, liefern sich hier schwarze Jugendbanden tödliche Showdowns, die vom Rest der Welt allenfalls mit einem Achselzucken wahrgenommen werden.

Im Unterschied zu "Halloween", in dem ein Kollektiv von Toten mit einer Stimme spricht, ist "Ganz alltägliche Leute" ein genuin vielstimmiger Roman: Der verkrüppelte Sprayer Chris, sein geläuterter Gangsta-Bruder, die geschlauchte Mutter, der schwule Vater, die studierende Exfreundin mit ihrem und Chris' kleinem Sohn, die Ziehoma, der Eisverkäufer - sie alle fretten sich durch ein Leben, das gefährdet, anstrengend, aussichtslos, aber arbeitsintensiv, kurz und gut: ganz alltäglich ist. "There's no Michelangelo coming from Pittsburgh" sangen Lou Reed und John Cale über Andy Warhol, der immerhin Andy Warhol wurde. Aber: "Wer ist Fats? Wer ist Smooth? Wer ist Eugene?" Es sind die letzten Worte von O'Nans Roman. Und wer bis zu ihnen gekommen ist, weiß ein bisschen mehr über die Genannten. Und über Bean, Chris, Herold, über Jackie, Little Nene, Mrs. Finch, Rhasaan und Vanessa.Mit gleich zwei Romanen dringt Stewart O'Nan ins Herz der Finsternis Amerikas vor - und trifft dabei auf ganz alltägliche Leute.

Raub, Mord, Totschlag, Unfälle, Seuchen, Brandkatastrophen In den gut zehn Jahren, die vergangen sind, seitdem Stewart O'Nan mit seinem Debüt "Engel im Schnee" (1993) den Faulkner Prize gewann und eine der beachtlichsten Schriftstellerkarrieren der jüngeren amerikanischen Literatur begann, hat sich der 1961 in Pittsburgh geborene Autor sein eigenes Terrain abgesteckt. Es ist mit Leichen übersät, auch wenn die Zahl der Toten auch durchaus mal im einstelligen Bereich bleiben darf. Aber der ehemalige Flugzeugingenieur und Student der Literaturwissenschaft ist ein derartig fleißiger Schreiber, dass auch ohne seine voluminöse Recherche "Der Zirkusbrand" (2003) und ohne seinen historischen Roman über eine Scharlach-Epidemie ("Das Glück der anderen", 2001) einiges zusammenkommt.

O'Nan ist so etwas wie der Stephen King der Hochliteratur, und mit seinem soeben auf Deutsch erschienenen Roman "Halloween" ("The Night Country", 2003) hat er endlich einen echten Gespensterroman geschrieben, dessen Horror freilich nicht von alten Indianerfriedhöfen, Masken tragenden Psychopathen oder durchgedrehten Familienvätern ausgeht, sondern von der ganz alltäglichen Gewalt des Straßenverkehrs: "Jeden Tag werden es mehr; jede Kleinstadt in Connecticut verliert jedes Jahr ein paar Jugendliche, in jeder Abschlussklasse fehlt jemand."

Auf die Frage, warum sich sein Werk fast ausschließlich um so düstere Themen dreht, würde Stewart O'Nan vermutlich antworten, dass Gewalt und Tod einfach zum Alltag gehörten. Entsprechend programmatisch trägt sein vorletzter, nun zeitgleich mit "Halloween" in deutscher Übersetzung erschienener, Roman den Titel "Ganz alltägliche Leute" ("Every Day People", 2001). Und für die Bewohner von East Liberty, einem Schwarzenviertel von Pittsburgh, ist es eben ganz alltäglich, dass 15-, 16-, 17-jährige Burschen an einer Kugel krepieren, die ihnen ein Polizist oder ein Mitglied einer anderen Gang verpasst hat.

So wie O'Nan den Zirkusbrand vom Juli 1944 in seinen Auswirkungen bis in die Gegenwart verfolgt, so geht es ihm auch in seinen anderen Büchern nicht nur um Tod und Gewalt, Täter und Opfer, sondern auch um Folgen für die Nachwelt - um Trauer und Traumata, um das Erinnern, das Vergessen und das Nichtvergessenkönnen. Nach der Katastrophe ist auch noch Katastrophe - so könnte das Motto zu O'Nans Romanen lauten. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter - ob als Bandenkrieg oder Verkehrsunfall -, und die Hinterbliebenen und Überlebenden versuchen in einen Alltag zurückzufinden, der nie mehr der gleiche sein wird.

Zum Beispiel die Mütter. Da ist etwa Jackie Tolbert ("Ganz alltägliche Leute"), die es ohnehin nicht leicht hat, weil ihr Mann sie ganz offensichtlich mit einer anderen betrügt (in Wirklichkeit ist es ein anderer), und die ihrem Sohn Chris beim Duschen helfen muss, seitdem dieser infolge eines Unfalls beim Graffitisprayen im Rollstuhl sitzt. Sie hat "Angst vor Chris' Haut, seinen tauben Beinen" und konstatiert verstört die Veränderungen an seinem Körper: die dicklicher werdenden Hüften, das Fett in den Kniekehlen. Und da ist Nancy Sorensen ("Halloween"), die mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen hat. Ihr Sohn Kyle überlebt einen Verkehrsunfall, bei dem drei seiner Freunde sterben, verwandelt sich aber aufgrund seiner schweren Schädelverletzung in einen Fünfjährigen, der sich kaum selber den Hosenstall zumachen kann. Immer wieder hat Nancy diesen "spätnächtlichen Tagtraum": "Kyle und Tim hätten noch einen Unfall, noch ein Polizist würde mitten in der Nacht an ihre Tür klopfen , noch eine Fahrt ins Krankenhaus, nur dass es diesmal keine Überlebenden gibt."

Auch Kyles Freund Tim fühlt sich schuldig - dafür, dass er überlebt hat. Und er schickt sich an, diesen Irrtum des Schicksals jetzt, am Jahrestag des Unfalls, zu korrigieren. Noch sind die Ereignisse nicht verblasst, wird die Unfallstelle mit Blumen, Bildern und Teddybären geschmückt, steckt der Polizist Brooks, der den dahinrasenden Unglückswagen seinerzeit verfolgt und mehr mit dem Tod der Jugendlichen zu tun hat, als offiziell bekannt ist, in einer Unglücksschleife fest: Ehe im Arsch, Haus verschuldet, Karriere im Sinkflug und dann diese ständigen Erinnerungen, der Zwang, etwas wieder gutzumachen, was sich nicht gutmachen lässt.

Dabei sind die Toten noch viel näher bei ihm, als Brooks ahnt: Als Geister, die von jenen, die an sie denken, herbeigerufen werden, sind sie zugleich die Erzählinstanz des Romans - allen voran der an sich stille Marco, der nur von gelegentlichen Kommentaren und Zwischenrufen Danielles oder Toes unterbrochen wird.

Stewart O'Nan versetzt seine Highschoolkids in die Hölle suburbaner Fadesse, in der sich Doughnut-Stand und Burger-Drive-in gute Nacht sagen. Von hier, wo die Bäume ihre kahlen Äste in einem regengrauen Himmel strecken und die Flüsse die Farbe von Motoröl haben, kann man eigentlich nur abhauen - wenn man noch kann. Der Autor selbst lebt übrigens mit Frau und Kindern just in jenem Avon/Connecticut, in dem "Halloween" spielt. East Liberty hingegen gehört zu Pittsburgh - von Großstadtflair ist es dennoch verschont geblieben: Durch eine Expressbusspur vom Rest der Stadt getrennt, liefern sich hier schwarze Jugendbanden tödliche Showdowns, die vom Rest der Welt allenfalls mit einem Achselzucken wahrgenommen werden.

Im Unterschied zu "Halloween", in dem ein Kollektiv von Toten mit einer Stimme spricht, ist "Ganz alltägliche Leute" ein genuin vielstimmiger Roman: Der verkrüppelte Sprayer Chris, sein geläuterter Gangsta-Bruder, die geschlauchte Mutter, der schwule Vater, die studierende Exfreundin mit ihrem und Chris' kleinem Sohn, die Ziehoma, der Eisverkäufer - sie alle fretten sich durch ein Leben, das gefährdet, anstrengend, aussichtslos, aber arbeitsintensiv, kurz und gut: ganz alltäglich ist. "There's no Michelangelo coming from Pittsburgh" sangen Lou Reed und John Cale über Andy Warhol, der immerhin Andy Warhol wurde. Aber: "Wer ist Fats? Wer ist Smooth? Wer ist Eugene?" Es sind die letzten Worte von O'Nans Roman. Und wer bis zu ihnen gekommen ist, weiß ein bisschen mehr über die Genannten. Und über Bean, Chris, Herold, über Jackie, Little Nene, Mrs. Finch, Rhasaan und Vanessa.

Klaus Nüchtern in FALTER 6/2004



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