Januar. Februar

Helmut Krausser


Neben Theaterstücken, Gedichten, Opernlibretti, Romanen und "Krimipornomelodramen" (Tom Tykwer über die "Schmerznovelle") verfasst der 1964 in Esslingen geborene Helmut Krausser auch Tagebücher, und zwar genau eines pro Monat und Jahr. Im Juli 1994 fing er damit an; "Januar. Februar" umfasst die Tagebücher vom Januar 2001 und Februar 2002 - und die sind super. Krausser ist ein äußerst vielseitig interessierter und ein äußerst meinungsfreudiger Mensch. Er weiß viel über Literatur, Filme, Opern, Schach, Münzen, Römische Geschichte, Wein, Pilze, Comics und Frauen, und er hält auch mit seinen persönlichen Urteilen darüber nicht hinterm Berg. Kafka? "Der Säulenheilige der Totalversager", der "dürre Buddha der Kultur des Leidens". Goethe? Grottenschlechter Lyriker! Des Weiteren kommentiert er Tages- und Äonen-, National- und Weltpolitisches und kotzt mit großem Schwung ungeliebte Feuilletonredakteure überregionaler Tages- und Wochenzeitungen an. Er selbst ist, so er nicht in morgendämmrigen Anflügen von "Second-Hand-Ivresse" dahintrudelt, bei all dem Getriebe aber natürlich der Allergrößte: "Der Orgasmus Gottes formerly known as Helmut."Auch Claudius Seidl wird dann und wann mal (positiv) in den Tagebüchern des Wahlmüncheners erwähnt: kein Wunder, war der 44-Jährige doch ein Zeit lang stellvertretender Chef des SZ-Feuilletons und hat diesem solcherart in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre eine absolute Hochzeit beschert. Seit einigen Jahren leitet Seidl nun das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung - vielleicht das originellste, lebensnahste, am besten geschriebene dieser Zeit. In "Hier spricht Berlin" erzählt Seidl zusammen mit einigen Kollegen nette, sanfte, kluge "Geschichten aus einer barbarischen Stadt" und also von Wohnungen, Bars, Leuten und Straßenbahnlinien. In den besten Momenten meint man Kerr zu hören, und in den schlechten immerhin Elke Naters.

Stefan Ender in FALTER 6/2004



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