Endstation Färöer

Jógvan Isaksen


Der gebürtige Färinger Jógvan Isaksen schrieb 1990 den ersten Kriminalroman der selbstverwalteten dänischen Inselgruppe nahe den Shetlands. In seiner Heimat sowie in Dänemark und Island damals ein großer Erfolg, kommt "Endstation Färöer" nun erstmals auf Deutsch heraus. Die Handlung um den Journalisten Martinsson, der nicht an zwei Zufälle bei den Todesstürzen seiner beiden Jugendfreunde Sonja (von einer Klippe) und Hugo (von der Treppe) glauben will, scheint ziemlich stark von Erskine Childers frühem Spionageroman "The Riddle of the Sands" (1903) inspiriert. Auch hier steckt eine deutsche Verschwörung (und diesmal Nazigold) dahinter. Immerhin lernen wir etwas über den Lieblingssport der Färinger (nicht Fußball, sondern Saufen), und dass diese lieber Isländer als Dänen wären. Vor sechzehn Jahren mag das alles originell gewesen sein, jetzt wirkt es - so wie die Anmerkungen über die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg - leider nur mehr antiquiert. Der holprige Stil, die viel zu lange Entwicklung des Plots sowie die klischeehaften Figuren tun ihr Übriges, den Roman mehr zur Qual als zu einer "Perle der nordischen Krimikunst" (Klappentext) zu machen. Der Verlag droht mit einer Fortsetzung der Serie.
Weniger antiquiert als vielmehr nostalgisch wirkt es, wenn die alte Spürnase Sherlock Holmes auf die Fährte eines möglichen Komplotts gegen Ihre Majestät Königin Viktoria angesetzt wird. Autorisiert vom US-Nachlassverwalter Arthur Conan Doyles schickt Caleb Carr Holmes und Dr. Watson nach Schottland, um zwei geheimnisvolle Morde in Holyroodhouse, dem Stadtschloss der Queen, aufzuklären. Dabei wird "Das Blut der Schande" kübelweise vergossen. Carr beweist tatsächlich viel Gespür für zeitgemäße Atmosphäre sowie den Stil Doyles und setzt dessen Vorliebe für Spiritismus ein nettes Denkmal. Holmesianer können sich darüber hinaus am Auftritt von Bruder Mycroft erfreuen, und sogar Dr. Watson darf in diesem schönen, obgleich recht konventionellen Fall selbst einige Rätsel lösen.

Martin Lhotzky in FALTER 30/2006



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